Vieles unerklärt

Norbert Gstreins Roman: "Als ich jung war"

"Als ich jung war" von Norbert Gstrein.

"Als ich jung war" von Norbert Gstrein.

Foto: dpa

Norbert Gstreins neuer Roman erzählt eine spannende Geschichte, bei der sich viele Fragen stellen. Die meisten bleiben unbeantwortet. Genau das hat der Autor beabsichtigt.

München. Eine Frau stirbt am Tag ihrer Hochzeit beim Sturz von einem Berghang. Ein junger Mann hat keine Lust mehr, als Fotograf zu jobben. Ein Raketenforscher tötet sich selbst, indem er einen Unfall beim Skifahren inszeniert.

Wie das alles zusammenhängt, erzählt Norbert Gstrein in seinem neuen Roman "Als ich jung war", lässt aber bis zum Schluss viele Fragen offen. Und das ist auch gut so.

Gstrein (58), inzwischen in Hamburg lebender Hotelierssohn aus Tirol, stellt darin den Tiroler Hotelierssohn Franz in den Mittelpunkt. Bei den Hochzeiten, die im Restaurant seines Vaters gefeiert werden, verdient er sich als Fotograf etwas dazu. Beruflich kommt er nicht wirklich voran. Ein Medizinstudium hat er abgebrochen, mit Germanistik läuft es ebenfalls nicht rund.

Und obwohl er das Fotografieren längst sein lassen will, stimmt er dann doch wieder zu: Bei einer dieser Foto-Sessions bekommt er es mit einer aufgekratzten Braut zu tun, die Franz damit aufzieht, er habe sich wohl in sie verliebt. Am Morgen nach der Hochzeitsfeier ist sie tot, einen Hang hinntergestürzt. War das ein Unfall oder Suizid?

Franz jedenfalls hat genug und verlässt Tirol in Richtung Wyoming. Dort arbeitet er als Skilehrer, macht aber ebenfalls irritierende Erfahrungen. Der Tod eines Raketenforschers, der bei Skitouren viel Zeit mit Franz verbracht hatte, ist nur eine davon. Die Polizei geht davon aus, dass er sich umgebracht hat.

Der Titel des Romans nimmt Bezug auf ein Zitat aus dem ersten Kapitel: "Als ich jung war, glaubte ich fast alles, und später an fast gar nichts mehr", sagt Franz. Und so geht es auch den Lesern: Je mehr sie erfahren, umso weniger glauben sie.

"A lot remained to be explained" hat Gstrein dem Buch als Motto vorangestellt - es bleibt vieles unerklärt. Das Zitat stammt von Louis L'Amour, einem Western-Autor, der als Lieblingsschriftsteller des früheren US-Präsidenten Ronald Reagan galt. Darin liegt eine gewisse Ironie. "Ironisch ist das Motto auch insofern, als es von einem Autor kommt, der über eine Männlichkeitswelt schreibt, die ausgedient hat", hat Gstrein in einem Interview mit dem Hanser Verlag erklärt. "Rein inhaltlich ist es aber ganz und gar ernst gemeint."

Es trifft sogar den Kern des Romans: Norbert Gstreins ausgeklügteltes erzählerisches Konzept besteht darin, gerade die zentralen Aspekte seiner Geschichte auszusparen, Leerstellen zu lassen, da, wo Leser üblicherweise Antworten oder sogar Pointen erwarten: Wie Iris, die Braut, ums Leben gekommen ist, bleibt offen, genau wie die Motive für den Suizid von Prof. Moravec und die Mitverantwortung von Franz an beiden Todesfällen - falls es sie gibt. Wie im "Tatort" sind viele Polizisten unterwegs, ein Kommissar ermittelt - ohne Ergebnis.

Das letzte Kapitel ist Sarah gewidmet, die Franz bei einer Hochzeitsfeier, bei der er als Fotograf engagiert war, bedrängt und gegen ihren Willen geküsst hat. Sie war damals nicht einmal 14 Jahre alt. Hat er das wirklich nicht gewusst, nicht wissen wollen? Und war da vielleicht noch mehr? "Als ich zum ersten Mal das Wort "Kindesmissbrauch" in den Comupter tippte, war das wie ein Geständnis", erzählt Franz.

Als er sich entschließt, nach Luzern zu fahren, wo Sarah, inzwischen erfolgreiche Musikerin, ein Konzert gibt, scheint das eine Chance zu sein: Klärt sich alles auf? Aber nein, die beiden begegnen sich nicht, die Frage nach der Schuld von Franz bleibt offen. Die Antwort überlässt Gstrein den Lesern, die gegenüber dem Ich-Erzähler längst ein Misstrauen entwickelt haben, das bis zum Schluss nicht verschwindet.

- Norbert Gstrein: Als ich jung war. Carl Hanser Verlag München, 348 Seiten, 23,00 Euro, ISBN 978-3-446-26371-0