Roman von Roberto Saviano

Jugend im Sog von Gewalt und Gier nach Anerkennung

"Die Lebenshungrigen" von Roberto Saviano.

"Die Lebenshungrigen" von Roberto Saviano.

Foto: dpa

Der durch seine Camorra-Recherchen bekannte Autor Roberto Saviano hat einen neuen Roman vorgelegt: "Die Lebenshungrigen" schildert Machtkämpfe und Brutalität in Jugendclans in Neapel.

Berlin. Der italienische Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano verfolgt seit langem ein großes Thema: Er schreibt über das organisierte Verbrechen in seiner Heimat. Weltweit bekannt wurde er ab 2006 mit dem Buch "Gomorrha" über die Camorra in der Region von Neapel, wo er selbst geboren wurde.

Lag der Schwerpunkt anfangs auf Recherche-Berichten, ist der Autor inzwischen in den Bereich der Romane gewechselt. Nach dem Erfolg von "Clan der Kinder" folgt nun als Anschlussgeschichte "Die Lebenshungrigen".

"Dentino muss sterben", sagt Nicolas ziemlich am Anfang des Romans. In ihm kocht es. Dentino hat seinen Bruder erschossen. Und Nicolas ist der Anführer, der König, eines Clans junger Männer. Sie sehen sich selbst als Herrscher auf den Straßen Neapels. Drogen, Waffen und Gewalt, das dominiert ihre Welt. Im Buch "Clan der Kinder", das unter dem Titel "Paranza" auch im Kino läuft, haben sich die Teenager gegen die alten Verbrecherchefs nach oben gekämpft. Jetzt wollen sie mehr: mehr Geld, mehr Macht, mehr Anerkennung.

Der Gedanke an die Blutrache für den Tod des Bruders lässt Nicolas nicht los. Und dass, obwohl der Drogenhandel in seinem Revier nicht so gut läuft. Eigentlich müsste er sich intensiver um die kriminellen Geschäfte kümmern. Außerdem lassen sich die alten Camorra-Bosse nicht so leicht ausschalten wie erhofft. Und die Polizei ist auch nicht zu unterschätzen.

In dieser Gemengelage lässt Saviano die jungen Männer agieren. Sie brausen auf Motorrädern durch die Straßen, legen versteckte Waffenlager an, bedrohen jeden, der ihnen in die Quere kommt. Sie werfen mit Angeber-Sprüchen um sich, wollen Mädchen und Mütter mit Statussymbolen und Skrupellosigkeit beeindrucken.

"Ich will zeigen, wie schwierig es heute ist, jung zu sein. Kinder und Jugendliche lassen sich von der Angst steuern, Versager zu sein. Sie wollen es zu etwas bringen im Leben, berühmt werden." So beschreibt der 39-jährige Autor, der wegen seiner Mafia-Recherchen seit langem unter Polizeischutz steht, anlässlich des Kinofilms seinen Antrieb für die Romane in der "Süddeutschen Zeitung". Der Fokus auf Neapel erlaube es ihm, Dinge zu erzählen aus dem kriminellen Milieu, die an anderen Orten der Welt auch existierten, aber eher im Verborgenen blieben.

"Die Lebenshungrigen" lässt sich gut verstehen, ohne das Vorgängerbuch zu kennen. Eine Stärke des fast 500 Seiten starken Romans sind die Dialoge und die Schilderungen aus der aufgewühlten Innenwelt der jungen Brutalos. Schwer erträglich für manche Leser und Leserinnen dürften dagegen die fast filmisch genau beschriebenen Gewaltorgien sein, wenn Gegner mit dem Messer aufgeschlitzt oder mit Schuss-Salven niedergemetzelt werden.

- Roberto Saviano: Die Lebenshungrigen. Hanser Verlag, München 2019, 480 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-446-26467-0.

- Zum Film: "Paranza - Der Clan der Kinder", Italien 2019, 105 Min., FSK ab 16, von Claudio Giovannesi, mit Francesco Di Napoli, Viviana Aprea, http://paranza-derfilm.de/