Gegenwartsroman

Zerbrochene Biografien: "Ich bin ein Schicksal"

Die Autorin Rachel Kushner lässt den amerikanischen Traum pltzen.

Die Autorin Rachel Kushner lässt den amerikanischen Traum pltzen.

Foto: dpa

Alle Wege führen ins Gefängnis: Die amerikanische Autorin Rachel Kushner entwirft ein illusionsloses Panorama der gesellschaftlichen Spaltung und Ungleichheit in den USA. Eine starke, manchmal fast schmerzhafte Lektüre.

Berlin. Fast wäre sie aufs College gegangen, aber dann kam doch alles ganz anders: Romy Hall wächst in San Francisco in ärmlichen Verhältnissen auf, ihre Mutter ist überfordert, Drogen sind der Ersatz für Liebe.

Romy arbeitet als Stripperin, bekommt ein Kind. Ein widerwärtiger Typ verguckt sich in sie, verfolgt sie auch nach ihrem Umzug. Schließlich rastet Romy aus, erschlägt den Stalker mit einer Brechstange. Ihr Pflichtverteidiger ist eine Katastrophe. Die 29-jährige alleinerziehende Mutter wird zu zweimal lebenslänglich und sechs Jahren Haft verurteilt. Die Tür zu einem Leben fällt zu.

Rachel Kushner entwirft in ihrem dritten Roman "Ich bin ein Schicksal", der 2003 zu Zeiten des Irakkrieges spielt, ein beklemmendes Panorama der amerikanischen Gesellschaft und ihres Strafvollzugs. Der oft verklärte "Sunshine State" Kalifornien ist in diesem vielstimmigen Roman ein Schauplatz der Hoffnungslosigkeit, Paranoia und Kälte - und doch gibt es selbst an einem so ausweglosen Ort wie einer an Profitmaximierung orientierten Haftanstalt so etwas wie Solidarität und Zuneigung.

Nach ihrer Verurteilung wird Romy in das riesige Frauengefängnis in Stanville im brütend heißen Central Valley verlegt. Die Hackordnung unter den Frauen ist gnadenlos, die zum Tode Verurteilten werden dagegen hofiert und fast wie Promis angesehen. Zum Glück interessiert sich Romy für Bücher, Lesen wird eine Überlebensstrategie für sie. Als ihre Mutter stirbt, verliert sie den Kontakt zu ihrem Sohn Jackson und zerbricht fast daran.

In lakonisch knappen Rückblicken erinnert sich die Protagonistin, deren Vorname von der Schauspielerin Romy Schneider stammt, an ihre Kindheit und Jugend. "Das Problem in San Francisco war, dass ich dort nie eine Zukunft haben konnte, nur eine Vergangenheit." Ein kalter, nebliger Ort, dessen Schönheiten den sozial Deklassierten verschlossen bleiben. Früher oder später landen viele im Gefängnis, das in diesem Roman wie ein Brennglas die gesellschaftlichen Verwerfungen einfängt.

Hier lernt Romy die selbstbewusste Latina Sammy kennen und die unglückliche Bottom, die in Haft ihr Kind zur Welt bringen musste. Schutz findet sie bei der maskulinen Conan, Abstand hält sie zu der verrückten Laura Lipp, die allen erzählt, dass sie aus dem "Apple Valley" stammt.

Rachel Kushner verwebt diese zerbrochenen Biografien zu einem emphatischen Panorama, in dem selbst ein krankhafter Stalker noch eine Stimme bekommt. Eine bisweilen schmerzhafte Lektüre. Der Fokus wandert beständig zwischen den Personen und Zeiten, das streng hierarchische System der Realität wird konterkariert.

Der Literaturstudent Gordon Hauser, der für die Frauen Lektürekurse organisiert, wird für Romy zum erhofften Rettungsanker außerhalb der Haftanstalt. Gordon ist ein Einzelgänger, er lebt wie sein Vorbild, der Philosoph H. G. Thoreau (1817-1862), in einer Hütte im Wald und ist etwas verliebt in Romy. Diese träumt davon, dass Gordon ihren Sohn adoptieren könnte, aber die Realität sieht ganz anders aus.

Rachel Kushner gibt sich keinen Illusionen hin und erzählt stattdessen hellsichtig von einem Land, das von Gewalt und Ungleichheit zerrissen wird - vom vielbeschworenen amerikanischen Traum bleibt in diesem starken Roman buchstäblich nichts übrig. Alle Türen sind verschlossen.

- Rachel Kushner: Ich bin ein Schicksal, Rowohlt Verlag Hamburg, aus dem Englischen von Bettina Abarbanell, 397 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-498-03580-8.