Poetische Stenogramme

Friedrich Luft: Theaterkritiker als Beobachter seiner Zeit

"Über die Berliner Luft" - Feuilletons von Friedrich Luft.

"Über die Berliner Luft" - Feuilletons von Friedrich Luft.

Foto: dpa

Friedrich Luft war der wohl bekannteste Berliner Theaterkritiker der Nachkriegszeit. Seine legendäre "Stimme der Kritik" wurde am Radio in West wie Ost von 1946 bis 1990 gehört. Weniger bekannt sind seine zahlreichen Zeitungsfeuilletons, die jetzt gesammelt erschienen sind.

Berlin. "Er steht an den Straßenecken des Daseins und beobachtet den wirren Lauf der Dinge" und sieht "den Zeitgenossen prüfend ins Gesicht".

So beschrieb der später als Berliner Theaterkritiker berühmt gewordene Zeitungs- und Rundfunkjournalist Friedrich Luft in den ersten Nachkriegsjahren seine Aufgabe als berufsmäßiger Flaneur und Theatergänger in seinen Feuilletons mit den Alltagsbeobachtungen. Später kamen auch Reisebeobachtungen in Paris, Schottland und Amerika sowie kleine philosophische und gesellschaftspolitische Betrachtungen hinzu, eine Art des "poetischen Stenogramms", wie es Wilfried F. Schoeller im Nachwort des jetzt erschienenen Sammelbandes nennt Schoeller konnte sich vor allem auf das Friedrich-Luft-Archiv der Berliner Akademie der Künste stützen.

Dabei erscheinen so manche Zeitbetrachtungen und Beobachtungen von Luft zeitlos oder sogar aktuell, so wenn er zum Beispiel eine "zweite Emigration nach innen" der Deutschen nach dem Krieg (1947) beklagt, auch bei den Intellektuellen. Politik werde den Politikern überlassen. Ein neuer, "heimlicher Ekel vor der Beschäftigung mit dem Gemeinwohl" sei zu spüren. Gleichzeitig würden in der öffentlichen Auseinandersetzung Mittel angewandt, "die man überwunden zu haben glaubte", Kesseltreiben auf einzelne gebe es. "Dem Mann in der nachbarlichen Partei einen Flecken auf den Charakter zu praktizieren, scheint oft wichtiger als die Auseinandersetzung mit seiner geäußerten Meinung."

Aber der damalige "Medienstar" mit Mikrofon und Schreibmaschine (die sonntägliche "Stimme der Kritik" im Rias, dem Rundfunk im amerikanischen Sektor in Berlin) nahm auch sein Metier unter die kritische Lupe. Seine Fragestellung "Wer kann noch lesen" von 1975 scheint ja inzwischen ein "Dauerbrenner" in den kulturpolitischen Debatten zu sein, erneut verschärft natürlich durch das Internet. Das "richtige Lesen" komme offenbar aus der Mode und manche der sogenannten populären Zeitungen scheinen "von Analphabeten für Analphabeten" gemacht, spitzte der Kritiker mit bitterem Unterton zu. Die Leute würden nur noch "in kleinen Happen" lesen - wohlgemerkt 1975!

Und unversehens folgte damals ein leidenschaftliches Plädoyer für das Bücherlesen "alter Schule" verbunden mit Erinnerungen an frühe prägende Lektüreerlebnisse, von Goethes "Werther" bis Fontanes "Stechlin". Er glaube zwar nicht daran, "daß wir es, dem Fernsehen hörig, dem Film verfallen, dem Radio... also daß wir das Lesen darüber verlernen könnten". Aber die ungemein wichtige und fruchtbare Lernerfahrung könnte in Vergessenheit geraten, "daß wir mit den Büchern, die wir haben, den Geist, das Elend, die Erfahrungen und das Glück von Jahrhunderten jederzeit...abrufen können".

Dagegen gebe es eine Flut des öffentlichen Palavers mit Prominenten-Diskussionen und Gesprächen am Runden Tisch, alles müsse "ausdiskutiert" werden. Obwohl die Deutschen "ein rhetorisch ungelernter und zur Kunst der Diskussion kaum begabter Völkerstamm" seien, scheinen sie geradezu diskussionssüchtig geworden, merkte Luft schon 1963 an, als von den inflationären TV-Talkshows noch keine Rede war. Wer also meint, was habe uns ein Theaterkritiker "von anno dunnemals" heute zu sagen, wird überrascht sein über das gesellschaftspolitisch öffentliche Nachdenken eines Feuilletonisten, der, wenn auch auf einem nicht ganz so anspruchsvollen Niveau, einen Frank Schirrmacher, Wolf Jobst Siedler oder Joachim Fest vorweggenommen hat und der heutigen professionellen Theater- und Medienmenschen ein Vorbild sein kann.

So zum Beispiel Lufts frühe Befürchtungen über ein Auseinanderleben im geteilten Deutschland, "eine verfluchte Fremdheit, die mit den Jahren stärker wird und unheimlicher trennt", wie der Theaterkritiker noch kurz vor dem Mauerbau in Berlin 1961 prophetisch beklagte. In einem Nachtrag nach dem historischen 13. August 1961 sah er die gesamte ostdeutsche Bevölkerung "unter den Pauschalverdacht" gestellt, flüchten zu wollen, wegzulaufen, oder "mit den Füßen" abzustimmen, wie die "Republikflucht" SED-offiziell genannt werde. Daran habe man die Menschen nun mit dem Mauerbau "rabiat und mit militärischen Mitteln" gehindert.

Dabei argumentierte der West-Berliner Theaterkritiker keineswegs von einer herablassenden westlichen Warte aus, wenn er zum Beispiel Verständnis für die Mehrheit der DDR-Bevölkerung äußerte, die sich im Alltagsleben einzurichten versuchte. "Ein ganzes Menschenalter nur im Protest, im verdeckten, existieren zu müssen, ist nicht zumutbar." Dass dazu auch ein Stasi-Spitzelsystem in ungeheurem Ausmaß gehörte, wie die Stasi-Akten erst nach der Wende offenbarten, konnte Luft in dieser Deutlichkeit damals nicht wissen. Aber seine Essays und Gedanken zu Kultur, Politik und Gesellschaft offenbaren eine erstaunliche Aktualität und lohnen auch heute die Lektüre dieser Prosaminiaturen eines Zeitgenossen, der mit seinen scheinbar nebensächlichen Plaudereien ein Panorama der Zeit abbildete und damit gleichsam die große Welt im Kleinen spiegelte.

- Friedrich Luft: Über die Berliner Luft. Feuilletons. Versammelt und mit einem Nachwort von Wilfried F. Schoeller. Die Andere Bibliothek, Berlin. 432 Seiten, 42,00 Euro, ISBN 978-3-8477-0405-8.