Literatur

Reformationsjubiläum 2017 - Neues über Martin Luther

Vom Sockel geholt: der Reformator Martin Luther (1483-1546) in Wittenberg (Sachsen-Anhalt).

Vom Sockel geholt: der Reformator Martin Luther (1483-1546) in Wittenberg (Sachsen-Anhalt).

Foto: dpa

500 Jahre danach lässt sich Luther nicht mehr als Lichtgestalt der Reformation verkaufen. Zu viel Negatives wie Juden- und Türken-Hass hat die Forschung öffentlich gemacht. Wie also soll die evangelische Kirche im Jubiläumsjahr ihren Gründer feiern?

Berlin/Magdeburg. Wenn man sich die Lebens- und Wirkungsstätten von Martin Luther anschaut: Eisleben, Mansfeld, Wittenberg oder Magdeburg, kann man mit Fug und Recht sagen: Kernland war das heutige Sachsen-Anhalt.

Das hat das Bundesland bewogen, zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 heimische Luther-Kenner zusammenzurufen, um über Zeit, Leben und Wirken des Reformators zu berichten. "Luther-Land Sachsen-Anhalt") heißt das Buch.

Vorweg: Es ist sehr lesenswert, wobei nicht verkennbar ist, dass hier wohlmeinende Autoren am Werk waren. Aber in ihrer wissenschaftlichen Klarheit zeigen sie Luther als Reformator und Mensch in seinen Zeit- und Wesens-Zwängen. Damit ist das Buch, gewollt oder ungewollt, ein Beitrag mehr, den großen Reformator vom Legenden-Sockel zu holen.

Besonders deutlich wird dies im Beitrag von Konrad Breitenborn: "Zwei "deutsche Eichen" - Bismarcks 100. Geburtstag 1915 und das Reformationsjubiläum 1917 im Zeichen des Ersten Weltkrieges". Die Überhöhung dieser beiden deutschen "Gestalten" war in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 erwartbar. Doch während das Jubiläum des eisernen Kanzlers noch in die kriegsbegeisterte Anfangszeit fiel, mischten sich 1917 in die Lobeshymnen auf Luther bereits Töne von Kriegsmüdigkeit.

Im evangelisch dominierten Kaiserreich - erinnert sei an den jahrelangen "Kulturkampf" Bismarcks gegen die katholische Kirche - war Luther als deutscher Held gesetzt. Im 21. Jahrhundert tut sich die evangelische Kirche verständlicherweise schwer, Luther als deutschen Helden zu feiern. Und gut 70 Jahre nach dem Holocaust kann auch die evangelische Kirche den Antisemitismus Luthers nicht mehr wegdiskutieren - auch wenn er keinesfalls mit dem der Nazis vergleichbar ist.

Genüsslich greift der Jesuitenschüler Heiner Geißler das Dilemma der evangelischen Kirche mit dem Reformationsjubiläum auf. "Im Leben und in der Lehre Luthers gab und gibt es, wie wir gesehen haben, eine Reihe von Paradoxa, die auch bei wohlwollender Interpretation nicht auf einen Nenner gebracht und harmonisiert werden konnten. Man kann feststellen, bis auf den heutigen Tag ist die evangelische Kirche mit ihrem exzentrischen Gründer beschäftigt."

Eine gewisse Besserwisserei zieht sich durch das Buch: "Was müsste Luther heute sagen?" - Ja, was denn? - möchte man fragen. Geißler bietet einen Mix aus eigenen biografischen Angaben, populärwissenschaftlicher theologischer Spekulation, Luther- und Papst-Kritik. Nur Franziskus, den ersten Papst aus den Reihen der Jesuiten, lobt er über Gebühr.

Geißler springt - wie schon der Titel vermuten lässt - bei seinen Theorien über Luther oder Papsttum munter zwischen den 500 Jahren hin und her, projiziert Gegenwärtiges in die frühe Neuzeit und Frühneuzeitliches in die Gegenwart, ohne sich um historische Exaktheit und Distanz zu kümmern. Fazit: Das, was der Jesuit Geißler denkt, was Luther sagen müsste, müsste Luther heute keineswegs sagen.

- Luther-Land Sachsen-Anhalt, hrsg. von der Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt u.a., Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 384 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-95462-475-1

- Heiner Geißler: Was würde Luther heute sagen? Ullstein Buchverlage, Berlin 2015, 286 Seiten 20 Euro, ISBN 978-3-550-08045-6

- Christian Danz (Hrsg.): Martin Luther, in: Neue Wege der Forschung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015, 229 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-534-26634-0