Literatur

Günter Grass' letztes Buch berührt zutiefst

Foto: Swen Pförtner

Knapp ein halbes Jahr nach dem Tod von Günter Grass erscheint das letzte Buch des Nobelpreisträgers: "Vonne Endlichkait" verknüpft kunstvoll Prosa, Lyrik und Bleistiftzeichnungen - ein Gesamtkunstwerk: sehr intim, melancholisch, polternd und heiter.

Göttingen. Bis in seine letzten Tage arbeitet Günter Grass an dem ungewöhnlichen Band "Vonne Endlichkait".

Der 87-Jährige schreibt Prosa und Lyrik für dieses Buch zugleich mit teils direkt aufeinander bezogenen Doppeltexten und illustriert schon die erste handschriftliche Manuskriptfassung mit passenden Zeichnungen.

Dann plötzlich eine Infektion; Tage später, am 13. April, stirbt der Nobelpreisträger in Lübeck. In jener Woche hätte er eigentlich nach Göttingen reisen und dort mit seinem langjährigen Verleger Gerhard Steidl das nahezu vollendete Buch druckfertig machen wollen.

Was den Leser erwartet, ist ein sehr freimütiges und berührendes Werk. Kein Roman mehr, dazu fehlte Grass die Kraft. Dafür ein literarisches persönliches Vermächtnis von 96 Miniaturen auf 176 Seiten: vom Dreizeiler bis zu längeren Gedichten, dazu Prosa, meist nur eine Seite. Ausdrucksstarke Zeichnungen korrespondieren mit den Texten: krepierte Vögel, ein Elchschädel und daneben Grass' Zahnprothese. Oder jenes Selbstporträt, das Grass mit geöffnetem Mund und nur noch einem einzigen Zahn zeigt. Im Gedicht "Selbstbild" daneben heißt es: "Gaumenkauer, Mümmelgreis/dem nur löffelweise Brei bekömmlich/lägen nicht im Wasserglas/nachts und reinlich dritte Zähne."

Grass lässt - schonungslos gegen sich selbst - Einblicke zu in die Seelenzustände eines alten Mannes, der den Verfall seines Körpers bei messerscharfem Verstand miterlebt. Und Grass, in der Kindheit Messdiener und später aus der Kirche ausgetreten, reißt lakonisch letzte Fragen an: "Mein Gott, dein Gott, unser.../soviel Anspruch auf Besitz/Am Ende der Quasselrunde nur leere Flaschen/(...)"

Im ersten Text "Vogelfrei sein" beschreibt Grass, dass ihn der Kuss "einer nebenberuflich tätigen Muse" trotz aller Altersbeschwerden noch einmal zur Schreibfeder und zum Bleistift hat greifen lassen. Es schimmert - in Anlehnung an Descartes' "Cogito ergo sum " (Ich denke, also bin ich) quasi als Grass-Motto durch: "Ich schreibe und zeichne, also bin ich." Der begnadete Erzähler Siegfried Lenz hat einmal von der "Selbstversetzung" - dem Wechsel der Identität in der Vorstellung - jedes Autors beim Schreibprozess gesprochen. Und dies scheint auch Antrieb für Grass gewesen zu sein. In seinem ersten Text "Vogelfrei sein" schreibt Grass, wie er aus Lust kritzelte "und begann, den Rückfall fürchtend, gierig aufs neue zu leben (...) Mir war als könnte ich die Haut wechseln (...) ."

Und so ist das Buch auch ein Wiedereintauchen in das gelebte Leben, in die ekstatische Lust der körperlichen Liebe. Eine Hommage auch an Grass prägende Autoren wie Jean Paul (1763-1825) oder François Rabelais (um 1483-1553). Das Schreiben ermöglicht ihm, mit dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss (1908-2009) ein fiktives Gespräch zu führen. Und es geht um Eifersucht, um den Tod von Freunden, natürlich auch um die Liebe des Kochs Grass zu Innereien, was die Enkel ekelt.

Wie kongenial sich Prosa und Lyrik bei ihm verbinden, zeigen das fast duftende Gedicht "Gebrannte Mandeln" und der prosaische Text "Des Nachgeschmacks Beigabe" daneben. Seine plötzliche Schwermut bei einem Weihnachtsmarkt-Besuch mit seinen Enkeln schildernd, macht Grass zugleich öffentlich, dass er seit über einem halben Jahrhundert an Depressionen leidet: "Der ihr nachgesagte Trübsinn verdunkelt zwar, macht aber auch einsichtig, erhellt Abgründe. Ohne sie gäbe es keine Kunst."

An einigen Stellen erwacht noch einmal der alte politische Haudegen, so etwa im ätzenden Gedicht "Mutti" über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): "Sie kanns mit jedem, bis er leergemolken/und faltig schlaff am Kleiderbügel hängt/Jetzt sind sogar die Sozis ihr ins Bett gekrochen/entlohnt mit trocknem Gnadenbrot."

Gewidmet hat Grass das Buch der Steidl-Grafikdesignerin Sarah Winter, die auch dieses Werk mitgestaltet hat. Farbton, Papierwahl, die grafische Aufteilung von Text und Zeichnungen machen es neben dem literarischen auch zu einem sinnlichen Erlebnis, das E-Book-Nutzer nicht haben können.

Höhepunkt ist die mit acht Seiten längste, wundervoll humorvolle Geschichte "Worin und wo wir liegen werden". Im Stil seines 2014 gestorbenen Freundes Siegfried Lenz fabuliert Grass, wie er und seine Frau sich vorsorglich zwei Särge tischlern und ins Haus bringen lassen. Und dann auch noch darin probeliegen: "Wie seltsam, jeweils des anderen Atem zu hören. Beim Aussteigen wurde mir meine Frau behilflich. (...) Wenig später bedauerte meine Frau, von mir in der Kiste kein Foto gemacht zu haben, war aber entschlossen, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Apparat zur Stelle zu sein: "Du sahst so zufrieden aus", sagte sie."

Das letzte Gedicht "Vonne Endlichkait" schreibt Grass in Ostpreußisch, jener Mundart, in der er sich so heimisch fühlte und die er vergeblich hatte retten wollen, wie er selber sagte. "Nu war schon jewäsen./Nu hat sech jenuch jehabt./Nu is futsch un vorbai."

- Günter Grass: "Vonne Endlichkait", Steidl Verlag, Göttingen 2015, 176 S., zahlreiche Bleistiftzeichnungen, 28,00 Euro, ISBN 978 3 95829-042-6.