Schmidts Tivoli

Robin Brosch – künstlerischer Controller der „Heißen Ecke“

| Lesedauer: 9 Minuten
Stefan Reckziegel
Wenn Not am Mann ist oder es ihm passt, springt Robin Brosch wie hier als Klaus, der Taxifahrer (mit Carolin Spieß als Imbisswirtin Hannelore) auch mal selbst ein in „Heiße Ecke“.

Wenn Not am Mann ist oder es ihm passt, springt Robin Brosch wie hier als Klaus, der Taxifahrer (mit Carolin Spieß als Imbisswirtin Hannelore) auch mal selbst ein in „Heiße Ecke“.

Foto: Oliver Fantitsch

Das St.-Pauli-Musical rund um den Kiez-Imbiss feiert im Tivoli 20. Geburtstag. Weshalb Abendspielleiter Brosch nichts anbrennen lässt.

Hamburg.  Er hat sich neben die Gäste, auswärtige wie hiesige, gesetzt und genießt seinen Drink am frühen sonnigen Abend. In seinem gelb-grünen Brasilien-Shirt wirkt Robin Brosch vor der Schmidt-Hausbar am Spielbudenplatz beinah wie ein Tourist. Doch er ist ja nicht allein zum Spaß hier.

Sein Gesicht und seinen markanten Schädel kennt man in Hamburg – wenn man sich zumindest ein bisschen für Theater und Musical interessiert. Ursprünglich stammt Brosch aus Berlin, doch solch einen überzeugten „Wahlhamburger“ wie ihn erlebt man selten. Es mag gewiss daran liegen, dass Brosch schon auf allen großen Bühnen der Hansestadt gestanden und gespielt hat – bis auf Thalia Theater und Staatsoper. Jedoch auch im Schauspielhaus mit einem Leonard-Cohen-Abend.

Schmidts Tivoli: Robin Brosch – künstlerischer Controller der „Heißen Ecke“

Die Musik hat es Brosch von jeher angetan. „Ich wollte Musiker werden, am liebsten Schlagzeuger“, erzählt er. Rockabilly und Post-Punk, Jazz und Swing – das war sein Ding. Am Kontrabasszupfen fand er alsbald mehr Gefallen als am Trommeln, das Theater jedoch war nach der Ausbildung an der renommierten Schauspielschule Maria Körber in seiner Heimatstadt sein Metier. An den Stadttheatern Kaiserslautern und Augsburg spielte er als junger Bursche das klassische Fach.

Als 1995 in Hamburg ein Schauspieler gesucht wurde, der Kontrabass beherrschte, schlug Broschs Stunde: In „Buddy – Das Musical“ im Theater im Hafen, scherzhaft „Gelber Sack“ genannt, sang und spielte er mehr als fünf Jahre lang als Erstbesetzung die Titelrolle des früh verstorbenen Rock-’n’-Roll-Idols Buddy Holly. Broschs Sprünge auf den Kontrabass zu Hollys auf Englisch gesungenen Hits haben manche noch heute lebhaft vor Augen und im Ohr. „Buddy und der Rock ’n’ Roll waren für mich nie Routine.“, sagt er.

„Heiße Ecke“: Erfolgreichste deutsche Musical-Eigenproduktion

Schon vor Ende jener Show hatten Corny Littmann und Norbert Aust über das Programmbüro des Schmidts Tivoli bei Brosch anfragen lassen. Das und die benachbarten Schmidt und Schmidtchen, gibt der Schauspieler beim Gespräch preis, sind längst sein „künstlerisches Zuhause“. 1997 hatte er – parallel zu seinen acht „Buddy“-Shows in der Woche – für „Sixty Sixty“ im Tivoli vorgesungen. Seitdem hat Brosch mit Unterbrechungen in Produktionen wie „Swinging St. Pauli“, „Cindy Reller“, „Tschüssikowski!“, „Wir“ und vor 13 Jahren erstmals in „Heiße Ecke“ mitgemischt.

Wenn die erfolgreichste deutsche Musical-Eigenproduktion mit fast drei Millionen Besuchern in mehr als 5000 Vorstellungen an diesem Wochenende mit Bier, Currywurst und Prominenz 20. Geburtstag feiert, ist Brosch vor und hinter der Bühne gefragt: Anfang 2020 hat er zusätzlich zu seiner darstellerischen Tätigkeit die Abendspielleitung bei der „Heißen Ecke“ übernommen. Das 24-stündige Treiben an einem Kiez-Imbiss findet noch immer Anklang. Zur Freude von Komponist Martin Lingnau (Musik), Heiko Wohlgemuth (Songtexte) und Thomas Matschoss (Buch) sowie Ur-Regisseur Littmann.

Schmidts Tivoli und Schmidt Theater fanden mehr Resonanz als „Buddy – Das Musical“

Grotesk: Jetzt, mitten in der Unterhaltung, zieht ein Gitarrist mit Sombrero, wahrlich kein besonders guter, vor der Schmidt-Hausbar von Tisch zu Tisch, spielt und singt „Guantanamera“. Bringt nix – weder künstlerisch noch monetär. Könnte aber gut eine Szene aus „Heiße Ecke“ sein. Daraus oder Ähnlichem seien auf der Bühne improvisatorisch schon „viele gute neue Gags entstanden“, fällt Brosch ob dieser (Lärm-)Belustigung ein.

Schmidts Tivoli und Schmidt Theater, gibt Brosch Stimmen von damaligen Freunden und Bekannten wieder, hätten in seinem privaten Umfeld außerhalb der Stadt mehr Resonanz („Ah!“, „Oh!“) hervorgerufen als seine langjährige Tätigkeit für „Buddy“. Anschließend hat Brosch, dieser Tausendsassa, jedoch auch an den Hamburger Kammerspielen in ernsten Musiktheaterstücken wie „Der Ghetto Swinger“ und „Next to normal“ gespielt – und am Ernst Deutsch Theater in „Der Fall Furtwängler“ als Dirigent im Zwielicht während und nach der NS-Diktatur überrascht wie überzeugt. „Sicherlich eine meiner schwierigsten Rollen, auf die ich mich sehr gut vorbereiten musste“, erinnert sich Brosch an die Zusammenarbeit mit Ex-„Tatort“-Star Boris Aljinovic, der an der Mundsburg 2019 einen US-Major spielte

Kredithai Tony Gazzo in „Rocky – Das Musical“ bei der Weltpremiere 2012

Da hatte Brosch eine weitere Titelrolle gerade abgelegt: 15 Sommer lang, bis zum Ende von Michael Batz’ Theater in der Speicherstadt, gab der gebürtige Berliner in dunklen Nadelstreifen den „Hamburger Jedermann“, beim „Anderen Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, berauscht vom Zaster und bei Wind und Wetter im Freien. „Ich mag es nicht, wenn ein Tag wie der andere ist“, sagt Brosch bestimmt, aber entspannt.

Seine Vita ist enorm vielschichtig: Bei „Mamma Mia!“ im Operettenhaus sollte er früh einen der drei potenziellen Vater der jungen Sophie spielen. „Ich sah ja schon damals alt genug aus“, sagt der 56-Jährige, lächelt verschmitzt und streicht sich über seinen Glatzkopf. Ohne Humor geht es nicht, sogar in seiner Rolle als Kredithai Tony Gazzo in „Rocky – Das Musical“ bei der Weltpremiere 2012 am Hamburger Spielbudenplatz.

Der „Chef“ in „Das Wunder von Bern“ und bei der „Heißen Ecke“

Hauptrollen füllte Brosch auch in „Titanic“ (als Reeder) in der Neuen Flora und in „Das Wunder von Bern“ spielend und singend aus. Im Musical von Regisseur Gil Mehmert und Martin Lingnau, dem Hauskomponisten der Schmidt-Bühnen, im damals neuen Theater an der Elbe gab Brosch bei der Uraufführung 2014 den „Chef“: Zwei Jahre lang spielte er Sepp Herberger, den legendären Trainer der deutschen Weltmeister-Elf von 1954.

Fühlt er sich auch bei der „Heißen Ecke“ als Chef – immerhin ist er der Abendspielleiter? „Laut Vertrag bin ich für die Qualitätssicherung zuständig“, erklärt er. Mithin sei er „ein künstlerischer Controller“, beschreibt es Brosch lächelnd und treffend. Das meint etwa die regelmäßige Überprüfung, Aufrechterhaltung und Verbesserung der darstellerischen Qualität, Organisation und Leitung von szenischen Proben sowie die Einstudierung mit neuen Darstellerinnen und Darstellern.

Neun Darsteller in mehr als 50 Rollen – zum 20. Jubiläum doppelt besetzt

Ein- bis zweimal in der Woche ist Brosch abends bei den Vorstellungen anwesend, macht sich Notizen, gibt den Mitwirkenden gleich im Anschluss oder am nächsten Tag Feedback. Was ihm dabei hilft: Sechs Jahre lang war der Schauspieler und Musical-Darsteller als künstlerischer Leiter und Dozent der von ihm mitgegründeten Joop van den Ende Academy in der Speicherstadt tätig gewesen; er lehrte den Nachwuchs Liedinterpretation. Weil Brosch auch Teamplayer ist, wirkt er bis heute durchschnittlich zweimal pro Monat selbst auf der Tivoli-Bühne mit oder springt ein, wenn in „Heiße Ecke“ Not am Mann ist.

Die neun Ensemblemitglieder pro Abend haben in ihren mehr als 50 Rollen genug zu tun. Außer mit dem Umziehen mit derben Sprüchen, zu Herzen gehenden Geschichten noch mit Liedern zum Lachen. Beim dreitägigen Jubiläum ist das Ensemble zudem jeweils doppelt besetzt, kündigt Brosch an. Etwaige Überraschungsgäste noch gar nicht mitgezählt. Es könnte eng werden auf und hinter der Bühne.

„Die Bühne ist immer eine wunderbare Parallelwelt“, sagt Robin Brosch. Sein Pensum sei eigentlich nicht anders als vor 25 Jahren, meint er. Es fühle sich nur manchmal anders an – der (kleine) Zahn der Zeit nagt manchmal auch an einem äußerst umtriebigen und vielseitigen Künstler wie ihm. Die Aufgabe des Abendspielleiters passt da gut. Zumal Brosch noch als Regisseur sowie Synchron- und Hörspielsprecher für Kultserien wie „Die Sopranos“, „Tintenherz“ und „Die drei ???“ tätig ist.

Sprechen und Singen sind ja noch mal etwas anderes: „Wenn ich das in der Höhe hätte, was mir in der Tiefe fehlt, dann wäre ich eine gute Mittellage“, sagt Brosch selbstironisch. Immerhin: Für eineinhalb Oktaven reicht’s auch am Kiez-Imbiss.

20 Jahre „Heiße Ecke“ – Das St. Pauli Musical Sa 16.9., 20.00, So 17.9., 17.00, Mo 19.30 (ausverkauft), Schmids Tivoli (U St. Pauli)), Spielbudenplatz 24/25, Restkarten ab 45,- unter T. 31 77 88 99; www.tivoli.de