Kino Hamburg

Von Großstadtneurotikern Mitte 40, die aufs Land flüchten

| Lesedauer: 2 Minuten
Schwestern: Kathi (Katarina Schröter, l.) und Maria (Bibiana Beglau) in „Wann kommst du meine Wunden küssen“.

Schwestern: Kathi (Katarina Schröter, l.) und Maria (Bibiana Beglau) in „Wann kommst du meine Wunden küssen“.

Foto: Markus Zucker / dpa

Solche Intensität ist selten im deutschen Film. Der Kinofilm „Wann kommst du meine Wunden küssen“ überzugt,

Im Stadl, den Jan (Alexander Fehling) zum Musikstudio umgebaut hat, spielt der ehemalige Star-DJ seiner Ex Maria (Bibiana Beglau) einen Technotrack aus lauter Natursounds vor. An dem frickelt er schon eine Weile und schaut nun, was sie davon hält. „Da fehlt noch was, das pikst“, sagt sie. Jan versteht. Wie hier braucht Maria auch sonst im Leben Reibung, „Sand im Getriebe“, wie sie sagt. Nach Jahren der Funkstille ist die Berliner Regisseurin unvermittelt mit dem Motorrad in ihre alte Heimat im Schwarzwald gerauscht. Den Bauernhof der verstorbenen Mutter betreiben Jan und Laura (Katarina Schröter), mit der Maria eng befreundet war, bis es wegen Jan zum Bruch kam. Auch Marias Schwester Kathi (Gina Henkel) wohnt im Hof.

Kaum angekommen, platzt Ma­ria damit heraus, ihre Hälfte des Hofs verkaufen zu wollen. Mit der Kunst läuft es schon lang nicht mehr, sie braucht Geld, für Miete, für Partydrogen. Doch in der Bergidylle ist auch sonst vieles im Argen: Kathi ist unheilbar krank, verweigert die Schulmedizin und stürzt sich in schamanische Rituale. Jan redet sich ein, das Nachtleben sattzuhaben und in den Bergen Freiheit zu finden. Und Laura, die ihr Glück mit Ziegenherde und Käsemachen versucht, hat eine Affäre mit einem verheirateten Mann (Godehard Giese). Durch Marias Ankunft treten die Konflikte und geplatzten Lebensträume, Lügen und Geheimnisse offen zutage.

Zehn Jahre nach „Staub auf unseren Herzen“ erzählt Hanna Doose nun von Großstadtneurotikern Mitte 40, die sich aus dem Berliner Nacht- und Kulturleben aufs Land geflüchtet haben. Doch vererbt wurde nicht nur ein Gut, sondern auch allerlei Verletzungen und Traumata.

Die winterliche Berglandschaft bildet einen faszinierenden Kontrast zum Kleinkrieg am Hof. Da wirkt Dooses Inszenierung nie aufgesetzt. Ihr Drehbuch mit kon­k­reten Szenen, aber ohne Dialoge, lässt dem Frauentrio viel Raum für Improvisation und schafft so intensive Momente, die im deutschen Kino selten sind.

„Wann kommst du meine Wunden küssen“ 115 Min., ab 16 J., läuft im Studio-Kino