Albumkritik

Die Nerven: „Deutschland muss in Flammen stehen“

| Lesedauer: 3 Minuten
“Die Nerven" gelten zu Recht als eine der besten deutschsprachigen Indierockbands.

“Die Nerven" gelten zu Recht als eine der besten deutschsprachigen Indierockbands.

Foto: Lucia Berlanga

Keiner prügelt Rockmusik so intensiv wie die Band Die Nerven. Jetzt erscheint das neue Album – auch in Hamburg spielt sie bald.

Im April kloppten und schrubbten Die Nerven im „Magazin Royale“ ihren neuen Song „Europa“, begleitet dabei von den Streichern und Bläsern des Rundfunk Tanzorchesters Ehrenfeld. Das war wagnerianischer Bombast vor dramatischem Hintergrund. Beim Krieg in der Ukraine ging und geht es um Leben und Tod, und Sänger Max Rieger raunte unheilvoll die Worte der Stunde: „Und ich dachte irgendwie/In Europa stirbt man nie“.

Jetzt ist das neue, selbstbetitelte Album der Postpunk-Band da. Vom Cover schaut vor schwarzem Hintergrund ein schwarzer Schäferhund, der phänotypisch auch als Wolf durchgehen würde. Hobbes’ „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ passt gut in diese Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen. Dass „Europa“ („Keine Frage/Einfach war es nie/Europa/C’est la vie“) zum diffus in Körper und Seele bretternden Soundtrack der Gegenwart werden kann, liegt vielleicht gerade daran, dass der Text bereits vor ein paar Jahren entstanden ist. Er ist keineswegs die Reaktion auf „Tagesschau“ und CNN, sondern künstlerische Vorwegnahme.

Neues Album von Die Nerven: Wo Influencer sich in den Schlaf weinen

Nehmen die anderen Stücke dieses intensiven, lauten, dynamischen Albums den seherischen Faden auf? Nö, aber es reicht auch, dass die Texte von Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn auf beharrliche Weise ein dauerhaft allgemeines Missempfinden im Hinblick auf das insbesondere digital organisierte Jetzt artikulieren. „Alles reguliert sich selbst“ und „Ein Influencer weint sich in den Schlaf“ sind dabei die bösesten antimarktwirtschaftlichen Gegenwartsdiagnosen für eine ideell im Grunde leere Gesellschaft – spart man mal alle selbstbezogenen, ichverliebten Agendas aus.

Musikalisch ist der Kern dieser fünften Platte der einst im schwäbischen Esslingen gegründeten Band der allerreinste, kräftige Rockminimalismus aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Stimme. Die rockexistenzialistischen Klangfarben leuchten am schönsten in der Single „Keine Bewegung“; einer Wand aus Gitarre und Lärm, vor der das lyrische Ich („Ich könnte überall hingehen/Aber ich kann mich nicht bewegen“) eine unbestimmt und atmosphärisch sich verdickende Wut besingt, die in Hoffnung mündet: „Ich will für immer leben/Irgendwie überleben.“ Man kann ein Unbehagen am Kapitalismus aus diesen Texten herauslesen. Adoleszent und präpotent ist hier nichts, nur tief empfunden.

Der treibende Beat prügelt alle Depressionen weg

Nerven-Sänger Max Rieger wurde unlängst von einem großen Medium als „Mastermind des deutschen Indierock“ geadelt, weil er zuletzt als Urheber etlicher Soloplatten (unter dem Moniker „All diese Gewalt“) und auch als Produzent anderer Künstler in Erscheinung getreten ist.

Mit der Hauptband ist Rieger jetzt in der Form seines Lebens. Nicht nur, weil er Lieder wie „Ein Tag“ zu Festen der Desillusion macht. Es ist der treibende Beat, der allen Stücken jede Depression wegprügelt. Dominantes Take away des Albums „Die Nerven“, das zu den allerbesten in diesem überdurchschnittlich guten Popjahr gehört, ist die Einsicht, dass hemmungslos pathetische und gnadenlos junge Verse wie „Deutschland muss in Flammen stehen/Ich will alles brennen sehen“ derzeit nur von dieser Band gesungen werden, ohne ansatzweise peinlich zu wirken.

Die Nerven spielen am 29.11. im Uebel & Gefährlich.