Kampnagel

Start des Sommerfestivals gipfelt in ergreifendem Solo

| Lesedauer: 6 Minuten
Annette Stiekele
So muss das aussehen bei einem Sommerfestival: Fröhliche Menschen, die kalte Getränke zu sich nehmen und in bunte Lichter blicken.

So muss das aussehen bei einem Sommerfestival: Fröhliche Menschen, die kalte Getränke zu sich nehmen und in bunte Lichter blicken.

Foto: Marcelo Hernandez / Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Auf Kampnagel gab es eine Weltpremiere und eine sehenswerte Ausstellung zu sehen. Ein Musiker wusste sich gegen die Hitze zu helfen.

Hamburg.  Die Ziehharmonika ist das prägende Element im Festival-Avantgarten des diesjährigen Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel. Das Künstlerduo Jascha&Franz hat sie als Skulptur in hellem Holz mit etwas rosa Farbe an mehreren Stellen einladend platziert. Benutzen lassen sie sich bis auf ein kleines echtes Instrument nicht. Das macht aber nichts, die jüngsten Besucher vergnügen sich an einer Nebelmaschine und laufen begeistert durch einen kühles Nass spendenden Regenbogen.

Der Garten bietet also schon mal einen perfekten Auftakt zum ersten Festival unter normalen Bedingungen seit drei Jahren. Normal ist aber noch lange nicht alles im Theaterbetrieb, weshalb auch Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard in ihrer Ansprache ernste Worte findet. Für Künstlerinnen und Künstler seien Krisenzeiten wichtige Zeiten. Es gehe um einen offenen Blick in die Welt. „Gerade jetzt brauchen wir Kunst mehr denn je. Die Beschwörung einer Publikumskrise macht nicht wirklich Sinn. Lieber wollen wir Sie alle dazu verführen, zurückzukommen“, so Deuflhard.

Auch der Erste Bürgermeister Hamburgs, Peter Tschentscher, beschreibt in seiner Rede eine Zeit, in der Krieg, Flucht, Vertreibung, Unterdrückung und Ausbeutung herrschten – Umstände, die auch die Kunst prägten. In der Kunst manifestiere sich aber eine wichtige Gegenbewegung, „sie ist ein Signal der internationalen Verbundenheit in einer Zeit der politischen Konfrontation“.

Namhafte Koproduktionen beim Sommerfestival auf Kampnagel

Bis zum 28. August reisen nun 250 Künstler aus aller Welt mit ihren noch mal so großen Teams an. Und erneut hat Festivalleiter András Siebold namhafte Koproduktionen und künstlerische Komplizenschaften initiiert – viele von ihnen ranken sich um die Farbe Blau. Blau habe eine unaussprechliche Wirkung, weil es nicht auf uns eindringe, sondern uns nach sich ziehe, bemüht Siebold in seiner Ansprache die Farbenlehre des Dichters Goethe. Es versteht sich, dass es dabei eher um dunkle Dinge geht, auch um Kälte oder Leere.

Insofern ist der Titel der Weltpremiere von Oona Dohertys Choreografie „Navy Blue“ treffend. Die allseits hofierte irische Choreografin verarbeitet darin Depression, Überforderung und Einsamkeit. Es beginnt sehr treffend mit dem 2. Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow, Ausdruck von dessen eigener phasenweise verdunkelten Seele.

Die zwölf Tänzerinnen und Tänzer reihen sich in blauen Arbeiterkostümen zunächst wie ein Corps de Ballet auf der leeren Bühne auf, deuten zu dem musikalischen Pathos ehrwürdige klassische Ballett-Figuren an, die bald etwas Brüchiges erhalten. Die Gesichter ernst, die Haltung gekrümmt, verrenken sie die Glieder in manchmal allzu eindeutigen, fast plakativen Bildern. Bald zischen schussartige Geräusche, nacheinander fallen die Tanzenden wie im Gewehrfeuer. Um ihre liegenden Körper herum wächst ein digitaler blauer See.

Oona Dohertys überzeugende Choreografie

Zu den eher zerrissenen Klangfetzen von Jamie XX richten sich die Tanzenden wieder auf. Finden zu kraftvollen Bewegungen des Aufbegehrens und der Rebellion. Bald ist der Soundtrack dazu eine Art Wut-Gebet der Choreografin selbst. Es steckt viel Nihilismus darin, Vergewisserung der Begrenztheit der menschlichen Existenz, Erinnerungen an Tyrannen und Massenmörder, Fragen nach der Bedeutung der Tanzkunst, Spüren der eigenen Bedeutungslosigkeit.

Die Verbindung aus Tanz und Text funktioniert selten, hier jedoch findet Oona Doherty mit ihrem schönen irischen Akzent zu einem Rhythmus, der sich in den Bewegungen fortsetzt. Auf der Bühne erkämpfen sich die Tanzenden eine Art Freiheit, die in ein ergreifendes Solo mündet. „We must love one another and die“, lautet Dohertys Erkenntnis.

Tatsächlich gelingt ihr hier etwas wirklich Bemerkenswertes. Sie beglückt das Premierenpublikum mit einer Choreografie, die das gesammelte Unbehagen dieser Zeit aus Pandemie, Krieg und Klimawandel in sich vereint und wie durch einen Katalysator jagt. An deren Ende ist man von diesen Plagen zwar nicht befreit, aber der geteilte Schmerz ist ein wenig kleiner geworden.

Wer danach noch aufnahmefähig ist, schaut sich in der Vorhalle die sehenswerte Ausstellung „But I’m Awake. Identity, Vulnerability And Empowerment. Positionen junger Fotografie“ an, eine Kooperation mit dem Haus der Photographie/Deichtorhallen Hamburg anlässlich der Triennale der Photographie.

Disco mit Hercules And Love Affair

Dort kann man etwa die kraftvollen Arbeiten des jungen Talentes David Uzochukwu beobachten, der in fast surrealen Porträts Werden, Vergehen und das Dazwischen thematisiert. Oder die eindringliche Serie „Systems of Order“ (2018) der in London lebenden russischen Fotografin Maria Babikova, die kluge Schlaglichter auf den russischen Obrigkeitsstaat wirft.

Vom Blau und den Krisen der Welt ins Leben finden die Besucher später in der Live Music Hall beim ausverkauften Konzert des New Yorker Kollektivs Hercules And Love Affair. Die Band spielt nach anfänglichen Soundproblemen famos auf. Neben Vordenker Andrew Butler befeuern zwei Sängerinnen mit Songs wie „One“ und „Poisonous Storytelling“, aber auch älteren Hits wie „Blind“ oder „Athene“ die Stimmung und verwandeln den ausverkauften Club bald in einen kochenden Tanz-Kessel. Bei gefühlten 40 Grad entledigt sich Butler seines Schuhwerks, und manch einer im Saal hätte es ihm sicher gerne nachgemacht. Der Sommer soll ja erst einmal stabil bleiben – gute Aussichten fürs Sommerfestival.