Thalia Theater Hamburg

Lesereihe „Herzzentrum" diesmal mit Steuermann

| Lesedauer: 6 Minuten
Heinrich Oehmsen
Navid Kermani (im weißen Matrosen-Kittel) liest auf der Außenalster aus seinem Werk.

Navid Kermani (im weißen Matrosen-Kittel) liest auf der Außenalster aus seinem Werk.

Foto: Fabian Hammerl

Eine Lesereihe der besonderen Art: Nach Moschee, HafenCity und Riesenrad dient in diesem Jahr Wasser als Spielstätte.

Hamburg.  Es schwankt. Die linke Hand versucht den wackeligen Zustand des Kanus zu stabilisieren, indem sie sich leicht verkrampft am Dollbord eines breiteren Ruderbootes festhält, während die rechte das Paddel irgendwo verstauen muss. Konzentriertes Zuhören ist anfangs schwierig. In einem Ruderboot sitzt der Schauspieler Jirka Zett und liest Hermann Hesses „Über das Alter“ – einen poetischen Text über Schönheit und Vergänglichkeit. „Auch das Schöne muss sterben!“, steht auf einer Karte, die Zett jedem Zuhörer in den drei Kanus überreicht, die an seinem Boot festgemacht haben. Ort dieser besonderen Lesung ist die Außenalster, denn die zwölfte Ausgabe der Thalia-Reihe „Herzzentrum“ spielt in diesem Jahr auf dem Wasser.

Seit 2012 gibt es das „Herzzentrum“. Es ist eine Lesereihe mit Texten des deutschen Schriftstellers und Orientalisten Navid Kermani, der dem Thalia Theater seit vielen Jahren eng verbunden ist. Nach den ersten „Herzzentren“ in den Räumen des Thalia Theaters hat die Bühne sich nach anderen Spielstätten umgesehen. Ein Riesenrad in der HafenCity, eine Moschee in St. Georg und ein Bordell auf der Reeperbahn waren unter anderen Orte dieser Performances. Bereits im vergangenen Jahr war ein „Herzzentrum“ auf den Bootsstegen von Bobby Reich geplant, wegen eines Unwetters musste es kurzfristig abgesagt werden. Umso prächtiger präsentiert sich das Wetter an diesem Sommertag in Hamburg.

Thalia Theater Hamburg: Lesereihe „Herzzentrum" diesmal mit Steuermann

Mehr als 30 Kanus und Ruderboote sind an diesem Abend unterwegs, um zu den schwimmenden Leseinseln zu gelangen. Wimpel signalisieren die einzelnen Stationen, zehn bis 15 Minuten dauert eine Lesung, dann geht es zwischen Stand-up-Paddlern, Segel- und Tretbooten weiter zum nächsten Halt.

Gelesen wird aus literarischen Werken von Kermani, wie seinem Roman „Dein Name“, oder aus seinen Reden „Morgen ist da“ und „Ungläubiges Staunen“, in denen er sich mit der christlichen Bilderwelt beschäftigt. Kermani selbst liest über den „Tod“, doch sein Boot ist schon von einem halben Dutzend anderer Kanus umringt. „Fahren Sie zur nächsten Station“, bedeutet er dem Schlagmann unseres Bootes – also weiter zu „Schönheit Rom“. Markus John aus dem Ensemble des Deutschen Schauspielhauses dümpelt mit seinem Kahn in einem Feld von Seerosen und wartet auf Zuhör-Kundschaft. Auf dem Weg dorthin wird die Kollision mit einem vorbeirauschenden Vierer ohne Steuermann knapp vermieden, an Johns Ruderboot ist das Kanu nun erst einmal sicher.

John liest nicht Kermani, sondern einen Text des 1933 von Nazi-Attentätern erschossenen Theodor Lessing. Dazu lässt er eine Abbildung von Guido Renis in Rom ausgestelltem Bild der Kreuzigung Jesus Christus herumgehen, über die Kermani in „Ungläubiges Staunen“ geschrieben hat. In den kippeligen Kanus nicht ganz einfach, in Ruhe das Bild zu betrachten. Mit großer Konzentration liest John den von ihm ausgewählten Text, am nahen Ufer recken Jogger und Spaziergänger die Köpfe und können sich nicht so recht einen Reim darauf machen, was da auf dem Wasser vor sich geht.

Dann ertönt von den Bootsstegen plötzlich Blasmusik. Eine Brassband um den Trompeter Gary Winters gibt mit schmissigen Melodien das akustische Zeichen für die Pause nach eineinhalb Stunden und den Crew-Wechsel in den Booten. Schnell noch die obligatorische Karte mit „Schönheit Rom“ in Empfang nehmen und dann mit großer Vorsicht durch den dichten Verkehr im Slalom zurückpaddeln. Die vielen Helfer mit den schwarzen Thalia-Shirts holen die Rückkehrer sicher auf den Steg zurück. „Puh, ich bin froh, dass ich wieder festen Boden unter mir habe“, sagt eine Teilnehmerin und befreit sich von ihrer Schwimmweste.

Nach der Bootstour folgt der Landgang. Regisseurin Jette Steckel, für die szenische Einrichtung dieses „Herzzentrums“ verantwortlich, hat ringsherum um das beliebte Außenrestaurant Bobby Reich weitere Leseorte entdeckt. Magentafarbene Gestelle und Streifen auf dem Boden markieren die Plätze. Oana Solomon sitzt auf einem der Stege zwischen abgedeckten Jollen, liest und spricht mit ihren Zuhörern über „Schönheit Freundschaft“, Oda Thormeyer hat einen kuscheligen Ort in einem Anlegehäuschen an der Krugkoppelbrücke gefunden. Sie liest aus einer Rede, die Kermani auf einer Konferenz der Vermögensverwalter Flossbach von Storch AG gehalten hat. „Schönheit Marktwert“ stehen auf den Karten, die sie verteilt und die alle Teilnehmer auf großen Schlüsselringen sammeln. Eine Kernaussage des Vortrags ist dort zu lesen: „Der größte Gewinn löst sich ja doch in nichts auf, spätestens wenn man den Basar der vergänglichen Welt verlässt.“

Auf einem verwilderten Rasenstück mit herumliegenden Zweigen hat Thalia-Dramaturg Matthias Günther sein eigenes
Arkadien kreiert. Im Performer-Gewand, das an eine Toga erinnert, und mit einer Matrosenmütze auf dem Kopf, entführt er seine Zuhörer nach Rom. Günther zieht eine Verbindung von Goethe über Rolf Dieter Brinkmann zu Navid Kermani, kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste und liefert eine ebenso kluge wie witzige Performance ab. Rappen kann der Dramaturg übrigens auch – und das in Höchstgeschwindigkeit.

Es geht um Schönheit

Um Schönheit geht es bei diesem „Herzzentrum“, und dass dieser literarisch-philosophische Abend allen Beteiligten sicher lange in Erinnerung bleiben wird, liegt auch am Spielort: Mit der Außenalster, den sie umgebenden Villen und dem Stadtpanorama im Hintergrund zeigt sich Hamburg an diesem strahlenden Sonnentag als funkelnde Perle. Mehr Schönheit geht nicht.