Kino in Hamburg

Vom „Schmutzfink“ zum angesehenen Künstler

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Volker Behrens
Der Schweizer Graffiti-Sprayer Harald Naegeli.

Der Schweizer Graffiti-Sprayer Harald Naegeli.

Foto: Walter Bieri / dpa

Eine Dokumentation beleuchtet die Street-Art-Legende Harald Naegeli. Warum der Künstler sich zuerst gegen den Film sträubte.

Hamburg.  Ein Film? Über ihn selbst? Da gebe es doch viele andere große Künstler, die das noch viel mehr verdient hätten, findet Harald Naegeli am Anfang des Dokumentarfilms „Der Sprayer von Zürich“. Und dann legt er los: Manet, Klee, Kandinsky, Malewitsch, Schwitters, Arp, Mondrian, Goya. „Oder über mich?“, schiebt er nicht ganz uneitel hinterher. Die Idee scheint ihm doch zu gefallen. Heute gibt es eine Vorpremiere im Zeise, am Donnerstag kommt der Film in die Kinos.

Er hat des Öfteren mal den Schalk im Nacken, dieser 1939 geborene Künstler, den man zu Beginn seiner Karriere eher als „Schmierfinken“ betrachtete und dessen heute als Street Art eingeschätzte Sprühbilder ihm Anzeigen und Verurteilungen wegen Sachbeschädigung einbrachten. Seit 1977 hat er immer wieder Bilder auf die kargen Betonmauern seiner Heimatstadt aufgetragen. Zu seinen Markenzeichen zählen Wanzen, Flamingos und der Tod. Mal sind seine Werke banal, aber immer auch wieder humorvoll und poetisch.

Kino in Hamburg: Naegeli im Zentrum einer Doku

Spießer kann Naegeli nicht leiden, der häufig unter dem Pseudonym Harry Wolke gearbeitet hat. Nun stellt ihn Nathalie David ins Zentrum ihres Dokumentarfilms – und das war schwer genug. Produzent Peter Spoerri hatte schon mehrfach vergeblich versucht, Kontakt zu dem Schweizer Künstler aufzunehmen. David schrieb ihm schließlich selbst einen Brief. „Er hat abgelehnt mit der Begründung, dass er schon zu alt sei“, erinnert sie sich. Sie schrieb einen zweiten Brief. Erst nach dem dritten sagte er sein Mitwirken zu.

Wider den Stachel löcken, aufbegehren also, das scheint ein Motto für Naegeli zu sein. Hat Nathalie David ein Herz für Rebellen? „Das kommt wahrscheinlich daher, dass ich selbst eine Rebellin bin“, sagt sie lachend. Ihr Film über Paula Modersohn Becker gehe in eine ähnliche Richtung. David kommt aus Nizza und hat schon in jungen Jahren Aktionen gegen den rechtsradikalen Front National gestartet. „Das war in mir drin. Man darf nicht die Arme herunterhängen und sich alles gefallen lassen.“

„Ohne Widerstand wäre Kunst belanglos“

Naegeli sagt im Film: „Ohne Widerstand wäre Kunst belanglos.“ Ein Supersatz, findet David, Hamburger Filmemacherin mit französischen Wurzeln. Man müsse sich mit der Welt auseinandersetzen und dabei zwischen Dekoration und Kunst unterscheiden. Naegeli zehre von seiner großbürgerlichen Bildung. Auf seine Graffiti angesprochen sagt er: „Das schlechte Gewissen ist das Bürgerliche in mir, aber der Künstler jubelt und freut sich.“ Am Laufe der Zeit bekam Naegeli Unterstützung aus der Bundesrepublik. Joseph Beuys und Willy Brandt fanden Gefallen den seinen eigenwilligen Kunstwerken.

Im Film fährt David mit Naegeli durch Zürich und spürt seinen Werken nach. Sie besucht ihn auch in seinem Atelier, wo er großformatige Bilder mit apokalyptischen Motiven entwirft. „Mein Kopf ist noch hell, die Hand ist noch wunderbar“, freut er sich, obwohl er mittlerweile schwer erkrankt ist. „Vor dem Tod habe ich keine Angst, aber vor der Sterberei“, sagt er. Sein ganzes Künstlerleben lang hat Naegeli gegen die Bürokratie angekämpft. „Jetzt, am Ende meines Lebens, öffnen sich die Türen“, wundert er sich.

„Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich“ heute (Dienstag), 19.30, mit Regisseurin Nathalie David, Zeise, Friedensallee 7-9, Karten 9,-