Kino

"Résistance": Die unbekannte Seite von Marcel Marceau

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Zander
Jesse Eisenberg spielt Marcel Marceau.

Jesse Eisenberg spielt Marcel Marceau.

Foto: Warner Bros.

Kaum jemand weiß, dass der weltbekannte Pantomime im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis kämpfte. Jesse Eisenberg spielt den Pantomimen.

Er lebt nur für die Kunst. Egal ist ihm die väterliche Metzgerei, in der er nur solange arbeitet, bis er sich von seinem Spiel ernähren kann. Egal sind ihm die Clownerien, mit denen er sich ein Zubrot verdient. Er will ernsthafter Schauspieler werden. Und egal ist ihm die Weltpolitik. „Hör auf, Hitler zu parodieren“, fleht ihn der Vater an. Dabei imitiert er nicht Hitler, sondern Chaplin.

Doch als sein Bruder traumatisierte jüdische Kinder, deren Eltern im Deutschen Reich ermordet wurden, über die Rheinbrücke nach Straßburg rettet, da erkennt der junge Mann seine wahre Berufung. Er gibt doch den Clown. Mit stummen Gesten, weil die Kinder den Franzosen sonst nicht verstehen würden. So kann er sie, für einen Moment zumindest, trösten und von ihrem Schmerz ablenken. Die Kinder danken es mit Lachen und Klatschen. Da weiß der Mann: Er muss Pantomime werden. Und nicht um Ruhm eifern, er muss die Menschen erreichen.

Kino: Kaum jemand weiß, dass Marcel Marceau in der Résistance kämpfte

Marcel Marceau (1923–2007) war einer der berühmtesten Pantomimen der Geschichte. Mit seiner „Kunst der Stille“ hat er Millionen in aller Welt bezaubert. Und auch 13 Jahre nach seinem Tod ist er noch in guter Erinnerung. Vielleicht kennt nicht mehr jeder seinen Namen, aber seine Kunstfigur Monsieur Bip hat sich – mit weißgeschminktem Gesicht, Ringelhemd und roter Rose – tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Aber kaum etwas weiß man über die frühen Verdienste: dass er während der deutschen Besatzung in der Résistance kämpfte und unter Einsatz seines Lebens Hunderte jüdischer Kinder vor dem sicheren Tod rettete. Davon handelt nun Jonathan Jakubowiczs Biopic „Résistance – Widerstand“, seltsamerweise der erste Spielfilm, der über den Jahrhundertmimen entstand.

Jesse Eisenberg als Marceau berührt die Herzen der Zuschauer

Das Wagnis, den großen Pantomimen wenn auch in seiner unbekannten Jugend zu spielen, ging Jesse Eisenberg ein. Der hat seine Karriere auch als Komiker begonnen und als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in „Social Network“ schon mal eine reale Persönlichkeit dargestellt. Und obwohl er mit 34 Jahren eigentlich zu alt ist für diese Rolle (Marceau ist zu Beginn des Films 15 und am Ende gerade mal 22 Jahre alt), hat er sich doch etwas Naiv-Unschuldiges, aber drängend Suchendes bewahrt, das genau zu dieser Rolle passt.

Immer wenn der junge Marcel stumm mit den Kindern kommuniziert und mit ihnen, was doch ein todtrauriges Überlebenstraining ist, Verstecken spielt, ist der Film ganz bei sich. Der Pantomime erweicht damit nicht nur das Herz der Kinder, der Film berührt hier auch die Herzen der Zuschauer. Doch leider hat Jakubowicz, der auch das Drehbuch schrieb, seiner Geschichte und seinem Hauptdarsteller nicht ganz vertraut. Immer wieder hat er recht reißerische Szenen eingeflochten, etwa wenn Résistance-Kämpfer Flüchtlingen über die Alpen helfen und dabei von den Nazis und ihren Hunden verfolgt werden.

Matthias Schweighöfer spielt Klaus Barbie, den "Schlächter von Lyon"

Der große Gegenspieler ist ebenfalls eine historische Figur: Klaus Barbie, der berüchtigte „Schlächter von Lyon“, der selbst unter Nazis durch seinen Sadismus hervorstach und es liebte, seine Opfer grausam zu foltern. Matthias Schweighöfer, der den Film auch koproduziert hat, spielt ihn mit den üblichen Nazi-Klischees.

Auch die Rahmenhandlung verwundert. Warum muss Marceau 1945 in Nürnberg vor amerikanischen GIs eine Pantomime geben? Warum muss Alt-Star Ed Harris als General Patton seinen damaligen Verbindungsoffizier als vielversprechenden künftigen Mimen preisen? Um eine Klammer fürs US-Publikum zu schaffen? Viel sinnvoller wäre es gewesen, Marceau bei seiner Bühnenpremiere zwei Jahre später in Paris zu zeigen, wo er erstmals als Bip auftrat. Das hätte auch mehr seiner humanistischen Grundeinstellung entsprochen. So bleibt ein zwiespältiger Eindruck.

„Résistance“ 122 Minuten, ab 12 Jahren, läuft im Abaton