Bandjubiläum

Fausts grandios gescheitertes Mitternachtskonzert

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Holger True
Glücklich im Grünen: Faust-Gründungsmitglied Gunther Wüsthoff in seinem Garten.

Glücklich im Grünen: Faust-Gründungsmitglied Gunther Wüsthoff in seinem Garten.

Foto: Roland Magunia

Vor 50 Jahren spielte die Hamburger Band Faust ein legendäres Konzert in der Musikhalle. Nun erscheint eine Werkschau auf CD und Vinyl.

Hamburg. Was für ein Desaster! Von einer „ärgerlichen Enttäuschung“ schrieb der Kritiker des Hamburger Abendblatts und resümierte, niemand „außer den fehlgeleiteten Musikern“ könne diese Klänge „mit progressiver Musik verwechseln“. Was da so gnadenlos in den Boden gestampft wurde, war im November 1971, vor fast 50 Jahren also, ein künstlerisches Happening, das bis heute nachwirkt.

Die Band Faust gab damals ein Konzert in der Musikhalle (heute Laeiszhalle) und fünf Jahrzehnte später sitzt mit Gunther Wüsthoff einer der Beteiligten in seinem etwas verborgen liegenden Reihenhaus in Sasel und erinnert sich. „Wir wollten ein quadrophonisches Konzert geben, überall im Saal sollten große Boxen verteilt sein, doch dann fielen die technischen Helfer aus und als wir das bereits anwesende Publikum aufforderten, doch noch für eine Zeit in die umliegenden Kneipen zu gehen, gingen die inzwischen eingetroffenen Ersatztechniker einfach mit.“

Vor 50 Jahren: Grandioses oder gescheitertes Konzert der Band Faust?

Schließlich mussten die Musiker alles selbst verkabeln und erst gegen Mitternacht konnte Faust vor deutlich reduziertem Publikum („Viele waren in den Kneipen geblieben...“) loslegen. Was dann erklang war, so Wüsthoff, „ein Brummen der Verstärker, aus denen sich Musik entwickelte“.

Die gefiel nicht jedem, sollte aber, so kurios das heute klingt, die Charts erobern, nicht nur in Deutschland. Dem Musikjournalisten und -manager Uwe Nettelbeck war es nämlich gelungen, die Verantwortlichen der Firma Polydor davon zu überzeugen, dass Faust das nächste ganz große Ding sei, vergleichbar sogar mit den Beatles.

Auch gemütlich im Bett liegend wurde aufgenommen

Von denen hatte sich die Polydor vor der Weltkarriere der Fab Four getrennt – und das natürlich später bitter bereut. Noch einmal wollte man einen solchen Fehler nicht machen, also vertraute man dem Überredungskünstler Nettelbeck und ließ sich auch finanziell nicht lumpen.

Vom ersten Vorschuss, 15.000 D-Mark, wurde ein Studio in einer ehemaligen Dorfschule in der Lüneburger Heide eingerichtet. Hier lebte die Band fortan auch, vorbei waren die Zeiten, als im muffigen Luftschutzbunker an der Sternschanze geprobt werden musste. „Wir waren ein Haufen Verrückter, hatten unseren Spaß und nahmen uns die Freiheit, zu machen, was wir wollten.“

Was unter anderem bedeutete, für Studioaufnahmen auch mal einfach im Bett liegen zu bleiben, möglich durch extrem lange Kabel, die durch das gesamt Anwesen führten. An Songs, die das Potenzial zum millionenfach verkauften Superhit haben würden, dachte bei Faust ohnehin niemand.

Faust treibt „Schabernack im Tonstudio“

Als Krautrock à la Can, Amon Düül oder ganz frühe Tangerine Dream gilt heute das, was Faust damals aufnahm, doch tatsächlich war der Dadaismus ein mindestens eben so großer Einfluss wie die Rockmusik dieser Zeit. Faust improvisierte, schnitt Bandmaterial auseinander und klebte es neu zusammen, man habe „Schabernack im Tonstudio“ betrieben, sagt Wüsthoff heute. Mit einer Flasche Portwein und ein paar „Acapulco Gold“-Joints als Treibstoff wurde gerne mal spontan zwei Stunden drauflos gespielt; aus den besten 20 Minuten entstand dann ein neuer Track.

Zwei Alben lang ging das gut, dann hatte man bei der Polydor erkannt, dass aus den sympathischen Chaoten, die einmal sogar schwerbewaffneten Polizeibesuch bekamen, weil sie für Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe gehalten wurden, niemals Popstars werden würden.

Label Bureau B veröffentlicht Faust-Werkschau

Doch in die Lücke sprang das recht junge britische Virgin-Label des späteren Milliardärs Richard Branson, bei dem zu Dumpingpreisen von 49 Pence bzw. 1,49 Pfund die Alben „The Faust Tapes“ und „Faust IV“ erschienen. Wie die ersten beiden Veröffentlichungen längst Klassiker, die vor allem in Großbritannien, den USA und Japan eine große Fangemeinde haben.

Zahllose Magazine, Radio- und Fernsehsender sind in den vergangenen Wochen bei Wüsthoff und seinen ehemaligen Mitstreitern vorstellig geworden und haben Interviews geführt. Nicht so sehr wegen des legendär-missglückten Musikhallen-Konzerts vor 50 Jahren, sondern weil das Hamburger Label Bureau B jetzt eine umfangreiche Faust-Werkschau veröffentlicht hat.

Mit Liebe zu Elektronik und Informatik

„Faust 1971-1974“ versammelt auf acht CDs oder sieben LPs (plus zwei Singles) die ersten vier Alben der Band, außerdem das bis heute unveröffentlichte Album „Punkt“ und jede Menge weiteres Material, das sich tief vergraben in den Archiven fand. Ein Fest für Fans, das die Zeit, als musikalisch (fast) alles möglich war wieder lebendig werden lässt. Wie groß das Interesse ist, lässt sich auch daran ablesen, dass die CD-Version bereits durch Vorbestellungen nahezu ausverkauft war.

Wüsthoff, der damals Synthesizer und Saxofon spielte („Ich war nie ein Bühnenmensch und hab am liebsten hinten rechts im Halbdunkel agiert“), ist seiner Liebe zur Elektronik und zur Informatik treu geblieben, hat in den achtziger und neunziger Jahren unter anderem für Studio Hamburg und unter dem späteren Berlinale-Chef Dieter Kosslick im Filmhaus gearbeitet. Musik nimmt er weiterhin auf, im vergangenen Jahr erschien das experimentelle Electronic-Album „[To|Digi]Tal“. Und er freut sich, dass die revolutionäre Musik von früher noch immer völlig zeitlos klingt.

Gunther Wüsthoff hat Musikgeschichte geschrieben

Dass mit Faust kein Geld zu verdienen war, stellte sich indes bald heraus: Bei einer 1973er-Tour durch England überstiegen die Ausgaben jeden Tag die Einnahmen. Nicht lange, und das Ende von Faust war besiegelt. Auch Gunther Wüsthoff zog einen Schlussstrich, der so endgültig war, dass er er sich an keiner der Band-Wiederbelebungen in den folgenden Jahrzehnten beteiligte.

Mit manchem Mitstreiter von damals hat noch Kontakt, die Begegnung mit anderen meidet er – es gibt Konflikte, die bis heute ungeklärt sind. Doch bei allem Trennenden, eines bleibt: Gemeinsam wurde damals Musikgeschichte geschrieben – auch mit einem grandios gescheiterten Auftritt in der Musikhalle.