Konzert-Tipp

Berufsverbot im Iran – Konzert in der Elbphilharmonie

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Holger True
Majid Derakhshani mit seiner Tar, einer Langhalslaute aus dem Iran.

Majid Derakhshani mit seiner Tar, einer Langhalslaute aus dem Iran.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Der Exil-Iraner Malik Derakhshani musste das Land verlassen, weil er mit Frauen zusammen Musik machte. Nun spielt er im Kleinen Saal.

Hamburg. Am Ende war es einfach nicht mehr auszuhalten. Mit den Zensurbehörden im Iran hatte Majid Derakh­shani schon häufiger zu tun gehabt, doch nun wurde gleich eine ganze Tournee mit insgesamt 20 Konzerten abgesagt.

Der Grund: Der Virtuose auf der Tar (eine traditionelle Langhalslaute) hatte es gewagt, gemeinsam mit Frauen ein Musikvideo aufzunehmen und ins Internet zu stellen. „Ich wusste nicht einmal, dass auch das verboten ist“, sagt er.

Berufsverbot im Iran brachte Derakhshani nach Hamburg

Doch im Iran sei es grundsätzlich schwierig, sich im Dschungel der vielfach unausgesprochenen Verbote zurechtzufinden. „In Teheran ist es in Ordnung, wenn Frauen ein Instrument spielen, in Isfahan (ca. 340 Kilometer entfernt) nicht.“ Auf einer Bühne singen dürfen Frauen nirgendwo – auch nicht in Videoclips.

Und weil Derakhshani nicht bereit war, das zu akzeptieren, wurde er schließlich mit einem Berufsverbot belegt. Weshalb er vor drei Jahren ins Exil nach Hamburg ging, wo er an diesem Donnerstag ein Konzert gibt – im Kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Im Iran wurde die Angst vor einem Ausreiseverbot immer größer

Dabei ist Hamburg nicht seine erste Deutschland-Station: Nach einer Ausbildung beim berühmten Tar-Meister Mohammad-Raza Lofti (1947–2014) war er 1985 zum Musikstudium nach Köln gezogen, gründete dort später das Nawa Musikzentrum für klassische persische Musik, kehrte aber nach knapp zwei Jahrzehnten nach Teheran zurück. Dort unterrichtete er zahlreiche Schüler, nahm mehr als 30 Alben auf und spielte überall im Land Konzerte. Bis die Zensur ihn immer stärker bedrängte und die Sorge vor einem Ausreiseverbot täglich größer wurde.

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Seine Tochter Mina lebte da schon mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Hamburg, die Gefahr, sie auf unbestimmte Zeit nicht mehr besuchen zu können, stand im Raum. Majid Derakhshani erzählt mit ruhiger Stimme davon, doch seine heute 32-jährige Tochter weiß: „Mein Vater kann nicht ohne uns, vor allem nicht ohne seine Enkel.“ In Teheran zu bleiben, war einfach keine Option mehr. Und so leben die beiden heute nur fünf Gehminuten voneinander entfernt in Bergedorf, wo Majid komponiert und Schüler unterrichtet, und wo er die große Tradition der persischen Klassik fortschreibt.

Derakhshani schreibt in Hamburg die Tradition persisches Klassik fort

Die reicht mindestens bis ins Mittelalter zurück und ist eng mit der Lyrik von Dichtern wie Rumi (1207–1273) und Hafez (1325–1389) verbunden. Nach der Islamischen Revolution von 1979 erlebte die zuvor von westlichen Einflüssen ins Abseits gedrängte persische Klassik einen kurzen Aufwind, doch konservative Mullahs lehnten auch sie als weltliches Vergnügen ab. Vor allem während des Iran-Irak-Krieges (1980–1988) galten Konzerte und eine damit einhergehende freudige Stimmung als unangemessen.

Anders als im Westen üblich, sind die Werke der persischen Klassik nicht auf Notenblätter notiert und damit festgeschrieben. Stattdessen schöpfen die Künstler aus einem Kanon (Radif) von etwa 200 kurzen Melodien (Gusheh), über die improvisiert wird. Die Weitergabe erfolgt ganz direkt von Meister zu Schüler.

"Hamburg ist mein Zuhause, aber der Iran ist meine Heimat"

Majid Derakhshani ist ein solcher Meister, der bei seinen Konzerten aber auch mit Musikerinnen und Musikern aus anderen Traditionen, etwa aus Indien, Afghanistan oder Europa, zusammenarbeitet. In der Elbphilharmonie wird mit Deljin natürlich eine Sängerin auf der Bühne stehen – ein klares Zeichen dieses trotz seines hohen künstlerischen Ranges so zurückhaltend-bescheidenen Mannes, der sich im Exil arrangiert hat und doch sagt: „Hamburg ist heute mein Zuhause, aber der Iran wird immer meine Heimat bleiben.“

Majid Derakhshani & Ensemble Do 10.6., 18.45 und 20.45, Elbphilharmonie, Kleiner Saal, Karten ab 9 Euro unter elbphilharmonie.de