Auf die Ohren

Weltklasse-Jazz, der auch mal Unruhe stiftet

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Holger True
Saxofonist Charles Lloyd ist eine Jazz-Legende.

Saxofonist Charles Lloyd ist eine Jazz-Legende.

Foto: Michaela Rihova / picture alliance/dpa/CTK

Musik von Curtis Fuller, Charles Lloyd und Vijay Iyer: Ein Mix aus alt und neu, aus Gedenken und Entdecken.

Vielen Jazz-Fans sagt der Name Curtis Fuller vor allem deshalb etwas, weil der Posaunist auf einigen Klassikern des Blue-Note-Labels zu hören ist, auf John Coltranes „Blue Train“ (1957) etwa oder auf Art Blakeys „Buhaina’s Delight“ (1963). Doch Fuller, der am 8. Mai im Alter von 86 Jahren gestorben ist, war nicht nur ein Könner aus der zweiten Reihe, der vor allem in den 50er- und 60ern-Jahren praktisch unablässig mit den ganz Großen im Studio oder auf der Bühne stand, er hat auch viele sehr hörenswerte Alben unter eigenem Namen veröffentlicht.

Sein Tod kann Anlass sein, sie wieder oder neu zu entdecken. Der perfekte Einstieg: die zeitlose „Four Classic Albums“-Zusammenstellung mit „New Trombone“, „The Opener“, „Blues-ette“ und „Soul Trombone“ - Jazzgeschichte auf zwei CDs für aktuell unter zehn Euro. So schön...!

Charles Lloyd erhöhte Veröffentlichungsfrequenz

Zur Generation von Curtis Fuller gehört auch Charles Lloyd, Jahrgang 1938, der seine Veröffentlichungsfrequenz in den vergangenen Jahren ordentlich erhöht hat. Nach einer längeren Periode beim ECM-Label, veröffentlicht er inzwischen bei Blue Note, im vergangenen Jahr erschien dort das Live-Album „8: Kindred Spirits“. Und jetzt präsentiert der Saxofonist (und Flötist) mit seiner aktuellen Begleitband The Marvels „Tone Poem“: drei Eigenkompositionen sowie Stücke von Ornette Coleman, Leonard Cohen, Thelonious Monk, Gabor Szabo und dem mexikanischen Sänger Bola de Nieve.

Auch wenn bei „Ramblin’“ (Ornette Coleman) noch ziemlich die Post abgeht, der Rest des Albums ist doch eher eine entspannte Angelegenheit, mal hymnisch und mit sanft schwebender Slide-Gitarre („Anthem“), mal mit freien Saxofonläufen (das Titelstück), bei denen aber immer eine gewisse Milde und Gelassenheit durchschimmert. Welchen Status Charles Lloyd bei Blue Note genießt, zeigt die Tatsache, dass sein aktuelles Album in der Klassiker-Reihe „Tone Poet“ erscheint, die eigentlich High-End-Wiederveröffentlichungen (Chet Baker, Dexter Gordon, Chick Corea etc.) auf Vinyl vorbehalten ist. Aber natürlich hat dieses Alterswerk eine Vorzugsbehandlung vollends verdient.

Politisches Statement von Vijay Iyer

Klanglich sind die Blue-Note-Neuauflagen (weitere Infos unter bluenote.com) ein Traum – das haben sie gemeinsam mit all dem, was seit Jahrzehnten aus dem Hause ECM kommt. Auch „Uneasy“ von Vijay Iyer ist eine Referenzaufnahme in Sachen Transparenz und Detailreichtum; selbst in einem Club dürfte der Klang, den der Pianist hier gemeinsam mit Linda May Han Oh (Bass) und Tyshawn Sorey (Schlagzeug) produziert, kaum präsenter sein können. Dabei gehen die drei nie auf Nummer sicher, auch nicht bei der Cole-Porter-Nummer „Night and Day“, sondern sind mit hörbarer Experimentierlust am Werk, reagieren aufeinander, beflügeln sich gegenseitig.

Perfekte Vorlagen für ausufernde Live-Versionen, sobald Konzerte wieder möglich sind. Ganz nebenbei gibt Vijay Iyer auch ein politisches Statement ab: mit dem Cover, das die Freiheitsstatue in weiter Ferne zeigt, auch mit der von rassistisch motivierter Polizeigewalt und der Black-Lives-Matter-Bewegung inspirierten Komposition „Combat Breathing“. Und mit der Nummer „Children Of Flint“, deren Titel sich auf eine Trinkwasservergiftung durch Blei in der von hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität gebeutelten Stadt im US-Bundesstaat Michigan bezieht. „Unrest“, Unruhe, heißt dieses Album nicht ohne Grund.