Rechtsextremismus

„Verabschieden wir uns von der Einzelfall-These“

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Ein Plakat mit der Aufschrift "#say their names" wird auf einer Kundgebung zum Gedenken an den rassistischen Anschlag in Hanau hochgehalten.

Ein Plakat mit der Aufschrift "#say their names" wird auf einer Kundgebung zum Gedenken an den rassistischen Anschlag in Hanau hochgehalten.

Foto: dpa

Kurator Jens Geiger über seinen Kongress auf Kampnagel, der sich mit rechter Gewalt in Hamburg und Deutschland beschäftigt.

Hamburg.  In Deutschland sollen allein seit 1990 um die 200 Menschen durch rechte Gewalt zu Tode gekommen sein. Trotzdem wird immer wieder von „Einzelfällen“ gesprochen. Mit einer Veranstaltungsreihe und einem Digitalkongress, der dieses Wochenende auf Kampnagel stattfindet, will Kurator Jens Geiger das Thema aufarbeiten.

Die Webseite zu Ihrem Projekt haben Sie „Deutschlandproblem“ genannt. Was ist das Problem?

Jens Geiger: Das Deutschlandproblem ist das Zusammenspiel von einem allgegenwärtigen Rassismus und dem Nicht-anerkennen-Wollen, dass es diesen gibt und, dass er auch in Institutionen und Strukturen vordringen kann, vorgedrungen ist.

Woher kommt dieses Nicht-anerkennen-wollen?

Geiger: Ich glaube, die wenigsten Menschen in dieser Gesellschaft würden sich als Rassistinnen und Rassisten oder Antisemitinnen und Antisemiten bezeichnen. Was Betroffene und Aktivisten aber schon lange sagen: Für eine weiße, deutsche Mehrheitsgesellschaft ist es relativ einfach, in die andere Richtung zu gucken. Sie sind mit der Gewalt rechter Terroristen in den meisten Fällen nicht gemeint. Wir hätten es spätestens durch den NSU lernen müssen, wir haben es in Hanau wieder gesehen: Im Fokus stehen Menschen, die migrantisch gelesen und als „Ausländerinnen und Ausländer“ markiert werden. Es sind eben nicht „wir alle“ gemeint.

Halle, Hanau und der Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke – rechtsextreme Attentate wie diese werden immer wieder als „Einzelfälle“ bezeichnet. Mit ihrem Projekt wollen Sie das widerlegen.

Geiger: Genau, wir wollen mit unserer Ausstellung auf Kampnagel, Filmen im Metropolis Kino und dem Digitalkongress zeigen, dass es ein strukturelles Problem gibt. Und das nicht erst seit den 90ern, dem NSU oder Querdenkern. Es ist ein Phänomen, das die deutsche Gesellschaft schon seit 1945 begleitet. Die Einzelfall-These ist immer weitergestrickt worden: Verwirrte Jugendliche, Ausreißer, Einzeltäter … Aber bei momentan zwölf eindeutig rassistisch motivierten Morden in den letzten 24 Monaten – konservativ gezählt – ist es Zeit, dass man sich von dieser These verabschiedet. Zwölf nachweisliche Morde von Rassisten in Deutschland - das ist eine Zahl, die erschrecken müsste.

Auf dem Digitalkongress soll es genauer um Erinnerungspraktiken gehen - auch zu Hamburger Fällen.

Geiger: Wir werden über die Formen des Erinnerns sprechen – wie kann und muss das gestaltet werden, um den Forderungen von Betroffenen und Angehörigen gerecht zu werden. Eine Gedenkkultur, die sich nicht in Phrasen verliert. Auch aktivistische Zusammenhänge, die sich um Erinnerungskultur in Hamburg bemühen, sollen sichtbar werden. Wir schauen uns Fälle wie den von William Tonou-Mbobda an und die Frage: Was ist am UKE überhaupt passiert? (Anm. d. Red.: Der Psychiatriepatient Tonou-Mbobda verstarb im April 2019 nach einer Fixierung durch den Sicherheitsdienst.)

Sprechen werden am Freitag und Sonnabend Aktivisten, Wissenschaftlerinnen und Betroffene rechter Gewalt. Wer sollte zuhören?

Geiger: Grundsätzlich möchten wir ein breites Publikum ansprechen, das Problem betrifft alle. Der Kongress richtet sich aber auch speziell an Hamburger, die vertiefend einsteigen wollen. Wir besprechen, wie das eigene Handeln aussehen kann. Es reicht nicht, nur zuzuhören und zu sagen „Rassismus ist ein Gift“. Und dann passiert einige Monate später der nächste Mord. Daraus muss auch eine Verantwortungsübernahme folgen, es muss sich etwas ändern.

Alle Informationen zum Kongress gibt es auf deutschlandproblem.de.