Ausgebremst durch Corona

Was wird aus den Musikwettbewerben in Hamburg?

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Verena Fischer-Zernin
Corona nagt auch an Wettbewerben wie „Jugend musiziert“.

Corona nagt auch an Wettbewerben wie „Jugend musiziert“.

Foto: Jan-Philipp Strobel / picture alliance / dpa

Die Pandemie macht traditionelle Abläufe unmöglich. Die Hamburger Abteilung hat sich ein handverlesenes Hybridformat ausgedacht.

Hamburg. „Jugend musiziert“ fällt aus. Wir haben uns an solche Nachrichten gewöhnt, beinahe jedenfalls. Aber die vielen unsichtbaren Dramen, die die Vereinzelung durch die Corona-Maßnahmen in Zeiten von Lockdown und Homeschooling für die Kinder und Jugendlichen bedeuten, bündeln sich in dem Satz wie in einem Brennglas.

Das große Ziel wochenlangen Übens und Probens verpufft. Kein Gewusel am Tag der Wertungsspiele, keine Aufregung beim Auftritt, kein Beifall von Freunden, Mitspielern, Eltern, Großeltern und Lehrern.

"Jugend musiziert" wurde 2020 erstmals abgesagt

2020 wurden, zum ersten Mal in der Geschichte von „Jugend musiziert“, die Landeswettbewerbe und der Bundeswettbewerb abgesagt. Nun, 2021, findet „Jugend musiziert“ statt – zumindest teilweise. Dazu muss man wissen, dass der Wettbewerb aus drei unterschiedlichen Stadien besteht.

Normalerweise wird er jedes Jahr flächendeckend in ganz Deutschland ausgetragen. Er beginnt auf Regionalebene, wo die Preise recht großzügig vergeben werden, um möglichst viele Kinder zum Üben für den Landeswettbewerb zu motivieren. Dort wird schon stärker gesiebt. Und wenn der Wettbewerb auf der Bundesebene ankommt, hat er sich vom Breitensport zur Eliteauslese verwandelt.

„Jugend musiziert“ ist das allgegenwärtigste, sichtbarste Zeichen für den einzigartigen Humus, auf dem das Musikleben in Deutschland gedeiht. Ein erster Bundespreis, wie die höchste Auszeichnung knapp genannt wird, ist ein solider Ausgangspunkt für eine glänzende Karriere.

Unzählige Preisträger bevölkern die deutschen Orchester

Die Geiger Anne-Sophie Mutter, Frank Peter Zimmermann und Christian Tetzlaff haben den Bundeswettbewerb gewonnen, die Klarinettisten Sabine Meyer und Jörg Widmann, die Pianisten Igor Levit und Lars Vogt, um nur einige der großen Namen zu nennen. Unzählige Preisträger bevölkern die deutschen Orchester. Andere werden lieber Ärzte oder Juristen und bewahren sich die Freude an der Musik ohne Leistungsdruck.

Auf Regional- und Landesebene geht es nach dem olympischen Prinzip zu: Dabei sein ist alles. Dieses Jahr haben sich die Verantwortlichen entschieden, die Regionalwettbewerbe abzusagen. Die finden in Hamburg traditionell zwischen Ende Januar und Anfang Februar statt.

Handverlesenes Hybridformat in Hamburg

„Wir hatten noch gehofft, wir könnten den Termin etwas schieben, und im Frühjahr würde es schon gehen“, sagt Anke Dieterle, die erste Vorsitzende von Jugend musiziert Hamburg. „Aber dann haben wir gemerkt, dass wir den Jugendlichen unabhängig davon nicht zumuten können, während des Lockdowns mitein­ander zu proben.“

Man kann nur ahnen, wie viele Gedanken, Gespräche und Abwägungen einer solchen Entscheidung vorausgegangen sind. Für das, was folgt, hat sich die Hamburger Abteilung ein handverlesenes Hybridformat ausgedacht.

Die Jüngeren sind nicht dabei

Und das geht so: Ab der Altersgruppe III (also ab in der Regel 13 Jahren) dürfen alle, die sich zum Regionalwettbewerb angemeldet hatten, gleich zum Landeswettbewerb. Der läuft normalerweise in der Musikhochschule. Dieses Mal allerdings müssen die Teilnehmer, statt zu den Wertungsspielen vor Ort zu erscheinen, drei Wochen vor dem Termin ein Video bei YouTube hochladen. „Die Aufnahme darf nicht geschnitten werden, die Kamera darf nicht schwenken, es müssen immer alle zu sehen sein“, erklärt Dieterle. „Da bekommt man einen guten Eindruck.“

Die Jüngeren sind nicht dabei. Sie werden nach den Regularien ohnehin nicht zum Bundeswettbewerb zugelassen. „Außerdem fanden wir ein Onlineformat für Kinder nicht geeignet“, sagt Dieterle. Für sie soll es später im Jahr einen Präsenzwettbewerb geben.

Die Jury verfährt also fast wie immer

Die Jury nun trifft sich zum Termin des Landeswettbewerbs durchaus in der Hochschule – in aller coronabedingten Vorsicht. „Die Jury-Arbeit funktioniert in Anwesenheit einfach am besten“, sagt Dieterle.

Die Jury verfährt also fast wie immer: Nach dem üblichen Programm-Muster guckt und hört sie sich in Zeitblöcken die Videos an, berät und tritt am Ende des Tages zwar nicht vor die versammelten Kinder und Angehörigen, aber vor eine Kamera, um die Ergebnisse per Livestream zu verkünden. „Das ist dann wirklich ein Termin für die Kinder. Sonst würde ja dieses Wochenende spurlos an ihnen vorbeigehen!“ Auch ein digitales Programmheft soll es geben, dieses Mal auch mit Fotos der Teilnehmer. „So bekommt der Wettbewerb ein Gesicht“, sagt Dieterle. „Oder besser: viele Gesichter. Wir wollen die Arbeit der Kinder sichtbar machen.“

Für den Sommer planen Dieterle und ihre Mitstreiter ein echtes Konzert für Teilnehmer, die besonders gut gespielt und einen der zahlreichen Sonderpreise der örtlichen Orchester oder Stiftungen gewonnen haben: „Die sollen dann doch noch auftreten. Live und in Farbe und mit Gefühl.“