Thalia Theater

„Regisseur zu sein ist eine komische Belastung“

| Lesedauer: 12 Minuten
Bis kurz vor dem geplanten Premierentermin wurde noch geprobt - Schauspieler und Regisseur Peter Jordan saß am Regiepult im Zuschauerraum des Thalia Theaters.

Bis kurz vor dem geplanten Premierentermin wurde noch geprobt - Schauspieler und Regisseur Peter Jordan saß am Regiepult im Zuschauerraum des Thalia Theaters.

Foto: Roland Magunia

Schauspieler Peter Jordan inszeniert am Thalia. Ein Gespräch über den Struwwelpeter, Pandemie-Proben und Figuren, die sich ereifern.

Hamburg. Und plötzlich wird der Bildschirm dämmrig. Peter Jordan sitzt neben dem Regiepult im Parkett des Thalia Theaters, sein Smartphone vor dem Gesicht, das Interview findet per Videotelefonie über Facetime statt. Im Theatersaal wird währenddessen noch „das Licht gemacht“, ab und zu läuft ein Techniker mit Mund-Nasen-Schutz durch den Bildhintergrund, wird ein Scheinwerfer eingerichtet und die Abfolge der Licht-Stimmungen probiert.

Dann könnte die Inszenierung „Shockheaded Peter“, eine „Junk-Oper“ nach dem Klassiker „Struwwelpeter“ in der Regie des Schauspielers Peter Jordan („Tatort“, „Babylon Berlin“) und seines Kollegen Leonard Koppelmann, eigentlich über die Bühne gehen. Es wäre die letzte Thalia-Neuproduktion der Saison gewesen und die erste von Jordan auf der großen Bühne am Alstertor. Unter anderen Umständen.

Hamburger Abendblatt: Eigentlich hätten Sie an diesem 30. Dezember Premiere gefeiert…

Peter Jordan: …und wir haben die Produktion soweit fertig geprobt, dass wir sie jetzt getrost „einpacken“ konnten. Wir holen sie dann wieder hervor, wenn die Premiere wirklich stattfindet. Formal sind wir fertig. Und auch sehr glücklich deshalb.

Wie früh war Ihnen klar, dass Sie zwar proben können, aber erst einmal keine Premiere stattfinden wird?

Jordan: Von Anfang an. Wir haben schon im Juni mit den ersten Proben begonnen, das war ja schon mitten in der Pandemie. Und bei den Wiederaufnahmeproben im Dezember waren wir schon wieder im neuen Shutdown. Wir haben uns also von vornherein beim Bühnenbild danach gerichtet. Es gibt einzelne Boxen, die voneinander mit Plexiglasscheiben getrennt sind. Die Schauspieler gehen nicht zueinander, sie bleiben an ihrem Platz. Der Gesamteindruck entsteht dadurch, dass sie die gleiche Bewegung machen. Würde man die Plexiglasscheiben wegnehmen, würde sich an der Inszenierung nichts verändern.

Es gab zwischenzeitlich die Überlegung, am 30. Dezember eine Geisterpremiere zu spielen und zu streamen - warum kommt es nun doch anders?

Jordan: Ein Grund war zum Beispiel, dass die Perücken nicht aufgesetzt werden konnten, weil man nicht so nah an die Schauspieler heran darf. Man hätte also in der Premiere nicht in der Originalmaske spielen können, das Bild wäre ästhetisch nicht vollständig gewesen. Inzwischen haben wir Fertigperücken gekauft, die Schauspieler schminken sich auch selbst. Wer weiß, wie lange das alles noch andauert.

Haben Sie denn während der Schließzeiten mal eine Theatervorstellung im Stream angeschaut?

Jordan: Eine einzige Inszenierung habe ich am Bildschirm geguckt. Das hat mich aber abgeschreckt. Das war so schlecht, eitel und blöd! Das geht für mich nicht, das liegt am Medium. Ich fand es auch immer grauenhaft, wenn wir beim Theatertreffen abgefilmt wurden. Das kann nur ein Ausweichen sein.

Was muss man sich darunter vorstellen, wenn das Thalia-Ensemble in Ihrer Inszenierung "zum Schrecken der Braven und Anständigen“ werden soll - so steht ja in der Ankündigung.

Jordan: Das Thalia Theater hatte ein „Vorbühnen-Stück“ gesucht, also eines, das vor dem Eisernen Vorhang gespielt werden kann - damit dahinter ein anderes Bühnenbild aufgebaut bleiben kann. So kamen wir auf „Shockheaded Peter“. Im Original-„Struwwelpeter“ wird ja über unartige Kinder erzählt. Aus der klaustrophobischen Situation ohne echte Bühnentiefe entwickelte sich die Idee, dass diese Kinder hier in einen Raum eingesperrt sind. Postapokalyptisch, dystopisch. Alle haben Beschädigungen, wie sie im Buch beschrieben werden. Einer ist der Zappelphilipp, einer ist ein Feuerteufel, eine ist eine gespaltene Persönlichkeit. Kinder ohne Führung. Sie suchen eine Hierarchie, ein bisschen wie bei „Herr der Fliegen“.

Gab es den „Struwwelpeter“ in Ihrer Kindheit im Bücherregal? Wie sind Ihre Erinnerungen daran?

Jordan: Tatsächlich habe ich daran gar keine so prägnanten Erinnerungen. Ich habe mich eher bei "Max und Moritz“ gewundert, dass die eingebacken wurden und dass sie scheinbar gestorben sind. Und in Grimms Märchen waren die Figuren ja auch schnell mal tot. Ist nicht bei den drei Schweinchen der Wolf in den Kessel gefallen und die anderen Schweinchen kamen zu Besuch und haben ihn dann aufgegessen? Oder Hänsel und Gretel! Ich fand als Kind offenbar nichts dabei, dass es so gehen kann. Die Eltern haben nichts mehr zu essen, dann schicken sie ihre Kinder eben in den Wald. Tja. Aber die Märchenwelt war so fremd, in unserer Bofrost-Welt war das keine reale Gefahr. Und der „Struwwelpeter“ mit seiner schwarzen Pädagogik ist dagegen ja eigentlich Kinderkram.

Es geht im „Struwwelpeter“ auch um das Aufbegehren gegen Regeln, das Sich-Auflehnen gegen Autoritäten. Nun leben wir in einer Zeit, in der strenge Regeln eine neue Rolle im täglichen Miteinander spielen und in der das Nicht-Einhalten Menschenleben gefährden kann. Hat die Gegenwart Einfluss auf die Inszenierung genommen?

Jordan: Das passiert bei Leonard Koppelmann und mir nie absichtlich. Wir konzipieren die Stücke nicht so, dass da eine Thematik im Vordergrund steht, Afghanistan oder Flüchtlinge oder #MeToo. Wenn sich aber beispielsweise jemand auf der Bühne ereifert, dass man sich auflehnen müsse gegen „die“ oder gegen „die da oben, die uns sagen, was wir machen sollen“ - da bin ich natürlich automatisch bei den Querdenkern, klar. Dann lasse ich den Kollegen so lange improvisieren, bis auf der Bühne ein gewisser Wiedererkennungswert entsteht. Figuren, die sich ereifern, mag ich am Theater überhaupt gern. Im wahren Leben ist es für mich das absolute Grauen, wenn Menschen ihr angebliches Recht so absolut und faschistisch vertreten, gern auch dann, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist, ohne dass sie eine Ahnung haben, was und wovon sie da eigentlich erzählen. Eigentlich habe ich in jeder Inszenierung einen, der so etwas macht! (lacht) Vielleicht auch als kleine Erinnerung, dass man nachdenken könnte, bevor man laut wird.

Sie führen nicht zum ersten Mal mit Leonard Koppelmann gemeinsam Regie - wie muss man sich Ihre Aufteilung vorstellen?

Jordan: Das funktioniert gut! Leo ist Regisseur - ich bin ja eigentlich gar kein Regisseur, ich bin Schauspieler. Wie angenehm das ist, wenn man da sitzen und rumspinnen kann und immer jemanden an seiner Seite hat, der die richtigen Bedenken hat! Der eigentliche Job des Regisseurs ist ja: Üben. Ich kann aber besser erfinden als üben. Leo hingegen hat diese fröhliche Hartnäckigkeit, die man da braucht. Er kann so Sachen sagen wie: Liebes, wunderbar, das machen wir aber nochmal. Ich bin da viel zu ungeduldig. Einmal habe ich allein inszeniert, das mach ich nie wieder.

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Wie würde denn der Schauspieler Peter Jordan in der Theaterkantine über den Regisseur Peter Jordan lästern?

Jordan: Wahrscheinlich würde ich sagen: Hinter dieser grundsätzlichen Freundlichkeit kann ja nichts stecken. Unsere Sachen sind immer sehr entertaining, das mögen viele Schauspielkollegen nicht. Die mögen eher das düstere Suchen, die Schwere, etwas, das nach Theatertreffen riecht - das ist bei uns nicht so. Für mich ist es eher wichtig, dass ich das Gefühl habe, die Leute feiern das ab. Es geht nicht darum, nur Zoten zu reißen, es geht auch um das Timing. Das funktioniert auch bei Tragödien. Timing ist der Schlüssel zu allem. Alles, was man sieht, kann einem sehr schnell auf die Nerven gehen. Wenn jemand in einer dramatischen Szene zu lange weint, dann ist der Zuschauer nicht mehr erschüttert. Mir wird immer unterstellt, ich würde es nur lustig-lustig haben wollen. In diesem Fall ist es aber eine Show! „Shockheaded Peter“ ist eine „Junk-Oper“, der musikalische Teil sind bestimmt 60, 70 Prozent. Das ist Showtime, das ist kein bürgerliches Trauerspiel.

Ist der Druck als Regisseur größer oder vergleichbar mit der Situation als Schauspieler?

Jordan: Es ist anders, wenn man draußen sitzt und auf die Schauspieler blickt. Man hat immer das Gefühl, man hilft nicht genug. Da bin ich vielleicht doch zu sehr Schauspieler, ich denke immer, ich müsste auch da oben stehen und es von oben regeln. Aber vorspielen ist unfein, das mache ich nicht. Regisseur zu sein ist eine komische Belastung, eine seltsame Art des Aushalten. Man ist verdammt dazu, im Parkett zu sitzen und sich anzusehen, was man angerichtet hat. Lieber bin ich nach wie vor oben.

Eigentlich würden Sie an Silvester in Hamburg oben auf der Bühne sein, so wie an jedem 31. Dezember seit dem Jahr 2000: Der Musikabend „Thalia Vista Social Club“ hätte 20-jähriges Jubiläum. An dem Abend fällt für Sie nicht nur eine Vorstellung aus, es ändert sich Ihr Jahreswechsel-Ritual. Wie fühlt sich das an?

Jordan: Das ist einmal mehr ein Zeichen, dass etwas wirklich nicht in Ordnung ist. Wenn selbst das ausfällt, liegt wirklich etwas im Argen. Ich hab nichts dagegen, an Silvester mal nicht zu spielen - aber ich habe auch nichts anderes zu tun. Ich hocke dann zu Hause. „Thalia Vista“ wird mir fehlen.

Hat sich diese Inszenierung in zwei Jahrzehnten eigentlich verändert?

Jordan: Nein. Vor 20 Jahren war das ein mäßig komischer, schön alberner Liederabend. Es gibt Zoten, es wird sich ein bisschen über alte Leute lustig gemacht, das war alles. Mittlerweile habe ich von Leuten, die die Inszenierung nicht mögen, schon gehört, es sei chauvinistisch und homophob. Das Stück hat sich nicht verändert - die Zeit hat sich verändert!

Sind Sie zuversichtlich, was das kommende Jahr betrifft?

Jordan: Eigentlich schon. Ich habe mal ein bisschen Medizin studiert und aus dem, was ich behalten habe, schließe ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Aber es lauern ja noch andere Zoonosen. Vielleicht ist es gut, jetzt mal bei einer geübt zu haben? Es gibt ja noch viel schlimmere Dinge, die passieren könnten. Auch gar nicht schlecht ist vielleicht, dass man einige Menschen nicht mehr treffen musste, bei denen man eh überlegt hatte, ob man die noch sehen möchte. Ein soziales Aufräumen! (lacht) Um die Kultur allerdings habe ich schon Angst. Wenn etwas nicht mehr stattfindet, überlegen die Leute sich vielleicht, ob man das wirklich noch braucht oder ob man nicht aus dem Theatern lieber eine Primark-Megafiliale, einen McDonalds und ein Parkhaus macht. Grundsätzlich glaube ich aber, wenn man bis jetzt durchgehalten hat, schafft man das halbe Jahr auch noch.

„Shockheaded Peter“, Thalia Theater, voraussichtlicher Premierentermin derzeit: Ende Februar. www.thalia-theater.de