Schauspielhaus

Alles Untote – bei Charly Hübner und Lina Beckmann gruselt’s

Schauspieler Charly Hübner hat sich ebenso in den Kostümfundus gewagt…

Schauspieler Charly Hübner hat sich ebenso in den Kostümfundus gewagt…

Foto: Deutsches Schauspielhaus

Das Schauspielhaus hat die Video-Serie „Haus der Geister“ gestartet. Auch eine Sehnsucht nach Mummenschanz.

Hamburg. „Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg ist verlassen“, liest man ein düsteres Orakel. „Eine schlimme Seuche wütet in der Stadt und hat alle Menschen vertrieben, nur noch ein paar Geister treiben ihr Unwesen in unserem leeren Theater.“ Und da nähert sich auch schon ein Geist, schwer keuchend ahnt man ihn hinter dem roten Vorhang.

Nein, es ist doch nur Charly Hübner. Ausstaffiert mit Frack und Zylinder. Und augenscheinlich mit schweren Atemwegsproblemen. „So viel Unruhe im Haus! Die Geister toben seit Wochen!“, klagt er. Lina Beckmann kriecht derweil als zombiehafte „Motte“ durch den Kostümfundus, probiert Kleid um Kleid an und hat doch kein Ziel. Nach einer Weile zieht sie einer Schaufensterpuppe eine Schutzmaske an, schließlich küsst sie die wehrlose Puppe auf den Stoffmund: ein verzweifelter Versuch, Leidenschaft zu performen. Bringt natürlich nichts, Lina Beckmann spielt nur einen Geist, der sich einer Puppe nähert.

Publikumszuspruch ist schon nach wenigen Stunden hoch

Die erste Folge von „Haus der Geister“ ist eine fünfminütige Filmminiatur, die das Schauspielhaus mehr oder weniger unvermittelt auf seine Website gestellt hat, als Auftakt einer Video-Serie, die das Haus während des Corona-Lockdowns sichtbar halten soll. Ein wenig wirkt das wie mit heißer Nadel gestrickt, indes: Wenn man genauer hinschaut, zieht sich das Gespensterthema schon lange durch das Programm des Hauses, von der subtilen Motivik in Karin Henkels Thomas-Bernhardt-Trilogie „Die Übriggebliebenen“ bis zu Max Pross’ Hotel-Inszenierung „Reichshof“, die das Bild des Spukhauses ganz unverblümt ins Zentrum stellte. Und als vor knapp zwei Wochen Heike M. Goetzes Inszenierung „Geschichten aus dem Wiener Wald“ nicht vor Publikum gezeigt werden durfte und stattdessen ins Internet wanderte, bezeichnete Intendantin Karin Beier das Projekt nicht sachlich korrekt als Online-Format, sondern als „Geisterpremiere“. Überall Untote.

Der Publikumszuspruch zur ersten „Haus der Geister“-Folge jedenfalls ist schon nach wenigen Stunden hoch. Das hat auch damit zu tun, dass hier eine Sehnsucht bedient wird: nach Mummenschanz. Nach dem Muff schon ewig nicht mehr getragener Kostüme. Nach einer Ästhetik, die ihre Gestrigkeit liebevoll ausstellt. Dass Hübner mit rasselndem Atem ein gnadenloses Overacting an den Tag legt, liegt ja nicht daran, dass er Subtilität nicht draufhätte – es liegt daran, dass er genau dieses Zuviel der Mittel gerade möchte. Weil er ahnt: Die Pandemie wird noch eine ganze Weile dauern, und auf lange Sicht erwartet uns eher weniger als mehr expressive Schauspielkunst. Irgendwie verständlich, dass er es noch mal krachen lässt, mit schwerem Atem und erstickender Stimme.

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Der hier beschworene Geist ist die Theaterkunst selbst, und noch ist nicht ausgemacht, ob sie eine Zukunft hat. Aber, um noch einmal das Zombie-Thema zu bemühen: Manchmal kommen sie wieder. Ein ziemlich starker Überlebenswille ist jedenfalls zweifellos da, das zeigt diese schnell gedrehte, unaufwendige Video-Serie, von der im Wochenrhythmus neue Folgen auf der Website geplant sind. Eine zweite Folge steht schon online, eine etwas sentimentale musikalische Nachkriegszeit-Erinnerung von Rosemary Hardy. Angekündigt sind noch Filme mit Maximilian Scheidt, Ute Hannig und Jonas Hien.

„Haus der Geister“ erste Folgen kostenlos abrufbar im Internet: www.schauspielhaus.de