Auf die Ohren

Hamburger Pop zum Tanzen und Abheben

| Lesedauer: 3 Minuten
Birgit Reuther
Die Band Tonbandgerät

Die Band Tonbandgerät

Foto: Universal Music/Alex Bach

Konzerte vor realem Publikum sind rar gesät. Fokus liegt auf Veröffentlichung konservierter Musik. Aber auch das kann gelingen.

Hamburg. In diesen herausfordernden Tagen sind Konzerte vor realem Publikum rar gesät. Umso mehr liegt der Fokus auf der Veröffentlichung konservierter Musik, um den Fans in Erinnerung zu bleiben.

Und auch die Videos zu einzelnen Songs dürfen gerne so richtig knallen, um in der Aufmerksamkeitsökonomie der Popbranche zu bestehen. Drei Hamburger Produktionen zeigen dieser Tage, wie das aufs Beste gelingen kann.

Der Hamburger Musiker Bosse hat die alles und jeden mitreißende Energie seiner Live-Auftritte nun in einen Videoclip gepackt, bei dem vor allem Hamburgern das Herz überlaufen dürfte. In „Der letzte Tanz“ (Vertigo/Universal)‟ erzählt er in schönster „Absolute Giganten“-Manier die Geschichte einer Abschiedsnacht. Zu sentimental-euphorischem Pop fährt und stromert ein junges Paar durch die Stadt – und zwar dort entlang, wo die Straßen dreckig sind, wo der Tresen kantig ist und wo der Hafen sehnsuchtsvoll leuchtet.

Für sein Anti-Helden-Dreamteam hat Bosse zwei unglaublich tolle (und angesagte) Schauspieler gewinnen können: Jasna Fritzi Bauer („Rampensau“) und Maximilian Mundt („How To Sell Drugs Online (Fast)“) trinken und tanzen sich wahrhaftig durch Hamburg. Bier und Schnaps fließt in der Kiezkneipe Crazy Horst, wo Bosse gemeinsam mit Gaststar Bjarne Mädel am Klavier hockt. Von der Reeperbahn geht’s übern Zaun zum nächtlichen Kicken ins Stadion des FC St. Pauli und weiter zum Lagerfeuer an den Elbstrand. „Nichts ist für immer, alles Einwegmoment/Du weißt nie, was morgen kommt“, singt Bosse dringlich. Und tatsächlich wirken sein Song sowie der Clip unter der Regie von Katja Mali­no­wski wie ein Nachhall jener Zeit, in der sich noch unbeschwert ausrasten ließ.


Noch eine Spur nostalgischer geht es bei der Hamburger Band Tonbandgerät zur Sache. Optisch und akustisch verbreitet das Quartett mit seiner neuen Single „Bacardi Breezer“ (BMG) lässige Nuller-Jahre-Atmosphäre – inklusive Fischaugen-Optik und Sweatshirt-Look. Die junge Skateboardmeisterin Lilly Stoephasius ist – neben einem Rollbrett-fahrenden Hund – der Star in dieser Coming-of-Age-Story. Die Knieschoner anlegen und rauf auf die Rampe, das eigene Ding machen und sich frei fühlen. Sänger Ole Specht erzählt unterdessen vom jugendlichen Warten und Sich-Trauen.

Und von einer Zeit, als das Handy noch ein Nokia-Knochen war. Als auf Partys eng getanzt wurde zu „Island In The Sun“ von Weezer. „Du und ich haben uns so gut gekannt/Doch die großen Sätze fing keiner an“, singt Specht über das Teenager-Dasein. Und wieder einmal zeigt Tonbandgerät, wie gut die vier Zwischenzustände und Lebensgefühle in Sound und Text verdichten können. Ein fein driftender Gitarrenpopsong, visuell charmant eingefangen von dem Hamburger Fotografen und Filmemacher Fynn Freund im Skatepark Wustermark beim alten Olympiadorf nahe Berlin.


Eine durch und durch beherzte Eigenproduktion hat wiederum die Hamburger Musikerin Kate Louisa hingelegt. Gemeinsam mit ihrer Band und einer illustren Schar an Statisten hat sie in einer Lagerhalle an der Bille das Video zu ihrer Single „Raketen“ (Eigenverlag) realisiert.

„Wir sind Rebellen, die sich nicht verbiegen/lass uns springen, ich schwör, wir werden fliegen“, singt Kate Louisa in ihrem impulsiven Popsong. Und mit einem Raumschiff Marke Eigenbau wird die positive Utopie auch direkt in die Tat umgesetzt. Dreimal Pop aus Hamburg – zum Tanzen, Erinnern und Abheben.