Neu im Kino

US-Schauspielerin Jean Seberg im Fadenkreuz des FBI

Der ehemalige „Twilight“-Star Kristen Stewart als Schauspielerin Jean Seberg, die mit Jean-Luc Godard den Klassiker „Außer Atem“ drehte.

Der ehemalige „Twilight“-Star Kristen Stewart als Schauspielerin Jean Seberg, die mit Jean-Luc Godard den Klassiker „Außer Atem“ drehte.

Foto: PROKINO

Der Film „Jean Seberg – Against all Enemies“ handelt von der Schauspielerin, die 1979 unter ungeklärten Umständen starb.

Hamburg. Ein Filmstar, der zu sehr mit der Realität in Berührung kommt und sich dabei verbrennt: In „Jean Seberg – Against all Enemies“ ist das gleich doppelt zu sehen. Zu Beginn dreht die US-amerikanische Schauspielerin für Otto Preminger den Film „Saint Joan“ (1957) über die Heilige Johanna von Orléans.

Bei der Scheiterhaufen-Szene fängt ihre Kutte Feuer. Und man hört die herzzerreißenden Schreie der damals gerade erst 19-Jährigen, die sich schwerste Verbrennungen zuzieht und bis zum Ende ihres Lebens Narben davontragen wird. Aber in der eigentlichen Geschichte des Films spielt sie dann ganz selbstbewusst mit dem Feuer, als sie Ende der 1960er-Jahre zufällig den Black-Panther-Aktivisten Hakim Jamal kennenlernt, sich daraufhin mit der revolutionären Bewegung solidarisiert – und ins Fadenkreuz des FBI gerät.

Jean Sebergs Kurzhaarfrisur löste eine Modewelle aus

Jean Seberg sagt heute wohl nur noch ausgewiesenen Cineasten etwas. Denen dürfte sie noch bekannt sein durch ihren Film „Außer Atem“, mit dem Regisseur Jean-Luc Godard die französische Nouvelle Vague entfesselte. Und durch ihre markante Kurzhaarfrisur, mit der sie erst einen Schock und dann eine Modewelle auslöste. Nun wurde ihr Leben selbst zum Film. „Jean Seberg – Against all Enemies“ feierte genau an ihrem 50. Todestag, am 30. August 2019, Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig und kommt nun in die Kinos. Dabei handelt es sich um kein klassisches Biopic.

Längst ist es aus der Mode gekommen, dass Filmbiografien durch ein ganzes Leben hasten. Meist wird ein Schlüsselerlebnis daraus erzählt. Benedict Andrews’ Film steht da in guter Tradition. Und sticht doch hervor. Weil er eine recht kühne Erzählperspektive einnimmt: über weite Strecken die des sie ausspionierenden FBI-Agenten.

Ein Ermittler wird auf die Schauspielerin angesetzt

Der junge, karrierebewusste Mann (Jack O’Connell) ist eigentlich auf Hakim Jamal (Anthony Mackie) angesetzt. Wie viele andere Agenten der Bundespolizei, die mit der illegalen Überwachungsoperation „Cointelpro“ die Black-Power-Bewegung diskreditieren und zerstören wollen. Dabei trifft der Agent auch auf die Schauspielerin (Kristen Stewart) – und verfällt ihr. Er sorgt aber durch sein Verhalten unabsichtlich dafür, dass nun auch sie ins Visier der Behörde gerät. Fortan muss er sie beschatten, ihr Telefon abhören, sie heimlich fotografieren. Fast manisch studiert er ihre Filme. Und ihre Akte.

Der Film sollte schon am 19. März in den Kinos starten. Doch dann wurde eine Woche zuvor der Lockdown beschlossen. „Jean Seberg“ ist vielleicht der einzige Film, der von der Verschiebung profitiert. Weil er durch die weltweite „Black Lives Matters“-Solidarisierungswelle aktuelle Bezüge schafft. Und den tiefen Riss der US-Gesellschaft in einem historischen Fall spiegelt. Zugleich handelt der Film vom kalten Geschäft von Überwachungsorganisationen, wie man sie aus Francis Ford Coppolas „Der Dialog“ oder von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ kennt. Hier soll eine öffentliche Person in Verruf gebracht und zugleich ihr Seelenhaushalt erschüttert werden. Dafür rückt der Film seinen Star fast leitmotivisch immer wieder vor Spiegel, vor denen Jean Seberg sich selbst prüfend beäugt. Und als mehrfach gebrochene Figur wahrnimmt.

Die Schauspielerin ahnt bald, dass sie überwacht wird. Was ihr Mann, der Schriftsteller Romain Gary (Yvan Attal), lange als Überspanntheit und Neurose abtut. Sie scheint sich in einen Verfolgungswahn zu verlieren, betäubt sich mit Drogen, unternimmt einen Suizidversuch und verliert dabei ihr Baby, von dem die Medien behaupten, es sei von Jamal. Und nie lässt der Film einen Zweifel daran, wer hinter alldem steckt: das FBI.

Die Faktenlage ist unklar. Ließ das FBI sie ermorden?

Seberg kam 1979 unter nie ganz geklärten Umständen ums Leben. Romain Gary und viele andere behaupteten schon damals, dass der US-Inlandsgeheimdienst sie ermordet habe. Und bereits vor 25 Jahren wurden in dem Dokumentarfilm „Jean Seberg: American Actress“ die widersprüchlichen Aussagen, derer, die damals einen Suizid behaupteten, als Lügen entlarvt. Auch der Spielfilm, der im Original schlicht „Seberg“ heißt, geht klar von einem Mord aus.

Ein Spielfilm erreicht immer ein größeres Publikum als jeder noch so ambitionierte Dokumentarfilm. Und so ist es Andrews’ Verdienst, den fast vergessenen Star wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Trotzdem bleibt sein Film etwas eindimensional: wie aus Angst, nicht den Ruf des Filmstars zu schädigen. Sebergs Motivation wird nie ganz klar. Die Black-Panther-Bewegung unterstützt sie recht spontan, weil sie „etwas bewegen“ will. Dass sie mit Jamal auch eine Affäre hatte und der weiße, weibliche Star von Teilen der Black Community als Fremdkörper behandelt wurde, wird erwähnt, aber nicht vertieft.

Etwas mehr Ambivalenz hätte dem Film gutgetan. So bietet er vor allem Kristen Stewart eine große Bühne. Es ist das zweite Mal, dass der ehemalige „Twilight“-Star eine reale Person spielt, nach Joan Jett im Musikfilm „The Runaways“ über die gleichnamige Frauen-Rockgruppe der 70er-Jahre. Als Nächstes soll sie in „Spencer“ Lady Diana spielen. In „Jean Seberg“ darf sie den Star in all seinen Facetten zeigen, von androgyn und verführerisch über trotzig und kampfbereit bis hin zu verzweifelt und schizophren.

Und ein Bild wirkt wie ein aktueller Kommentar: Wenn sie, um die Schwarzen-Bewegung zu unterstützen, die geballte Faust erhebt.

„Jean Seberg – Against all Enemies“ 103 Minuten, ab 12 Jahren, läuft im Abaton, Studio, UCI Mundsburg, Zeise