Konzert

Anne-Sophie Mutter mit Beethoven in der Elbphilharmonie

Anne-Sophie Mutter, Ye-Eun Choi, Vladimir Babeshko, Daniel Müller-Schott (r.)  bei ihrem Kammermusik-Abend.

Anne-Sophie Mutter, Ye-Eun Choi, Vladimir Babeshko, Daniel Müller-Schott (r.) bei ihrem Kammermusik-Abend.

Foto: Sebastian Madej

Kammermusik statt Violinkonzert: Anne-Sophie Mutter mit Beethoven und Widmann in der Elbphilharmonie.

Hamburg. „Wir spielen einfach weiter...“, feixte Anne-Sophie Mutter in der zweiten Kammermusik-Runde des Abends, vor der zweiten flott dahingeworfenen Mozart-Quartett-Zugabe – und obwohl sie am Ende von Runde eins noch mit Bedauern eine Zugabe abgesagt hatte. Weil die Corona-Spiel-Regeln eine derartige Nachspielzeit, leiderleider, nicht mehr zuließen. Aber natürlich wusste sie auch, dass man eine Anne-Sophie Mutter wegen musikalischen Ungehorsams schon nicht so schnell von der Bühne beordern würde.

Eigentlich hätte sie in diesen Tagen mit dem Beethoven-Konzert und dem Pittsburgh Symphony den ProArte-Saisonstart zum Glänzen bringen und alle 2071 Plätze im Herzen der Elbphilharmonie wie immer spielend füllen sollen. Business as usual wäre das gewesen, edel, ja sicher, erwartbar aber auch. Bei Beethoven blieb es, eine schöne Geste im pulverisierten Jubiläums-Jahr, doch etliche Nummern kleiner und durch eine zeitgenössische Anspielung ergänzt. Unfeiner aber wurde dieses Alternativ-Programm deswegen nicht. Denn anstatt sich, wie man es von ihr gewohnt ist, als Über-Virtosin zu präsentieren, die jedes Violinkonzert im Repertoire vorwärts, rückwärts, seitwärts spielen kann, war Mutter – im Rahmen ihrer alle anderen überragenden Fähigkeiten – nun einen Abend lang eine von einigen.

Eine Rolle, die ihr bestens zu gefallen schien und nichts von Notwehr oder kleinteiliger Verlegenheitslösung hatte. Obwohl man die Virtuosin wohl nie so ganz aus der Kammermusikerin herausbekommt, war erstaunlich, wie harmonisch und im besten Sinne dezent und klug sich Mutter als Teil eines Ensembles verstand, mit dem sie sich kreativ auseinandersetzen wollte. Wie sie auf Augenhöhe agierte und ihr Können dabei nie voll ausfuhr, obwohl ihr Ton in jeder Lage seine Reserven durchklingen ließ.

Kein Huster kam Widmanns Quartett in die Quere

Als Zeichen der Solidarität war Mutter nicht mit weiteren längst etablierten Stars angereist, sondern mit jetzigen oder früheren Stipendiaten ihrer Stiftung, die jeden Auftritt, jedes Rampenlicht, jeden Applaus anders nötig haben als ihre Förderin. Zum Warmwerden mit der ungewohnten Situation eines derart leeren Großen Saals lag zunächst das frühe Trio op. 9/3 auf den Pulten. Kein Genie-Streich-Stück, eher ein Gesellenstück mit Potenzial, das die Vorbilder Mozart und Haydn anklingen lässt und den wachsenden Sinn für Effekte und Einfallsreichtum. Noch interessanter wurde es durch die – früher unmögliche – Vergleichsmöglichkeit, ein und das selbe Stück zweimal an einem Abend zu hören, hier zudem aus unterschiedlichen Hör-Perspektiven.

Zunächst mittig sitzend erlebt, schienen der Bratscher Vladimir Babeshko und der Cellist Daniel Müller-Schott in Runde eins etwas ausgebremst und gedämpft durch den Respekt vor der Primst-Geigerin neben ihnen. Gut zwei Stunden später, seitlicher mitgehört, war die Binnendynamik eine deutlich andere. Die Mittelstimmen passierten nicht nur synchron zu Mutters sattsanfter Dominanz, sie lebten, sprachen, widersprachen auch mal und mischten sich ein. Der Cello-Part wurde dadurch zwar nicht weltbewegend, aber er hatte nun mehr Profil, bis ins leicht aushauchende Ende. Jede Phrasierung saß, die Hausaufgaben waren gründlich gemacht worden. Davon profitierte auch, in Runde zwei, das spätere „Harfen-Quartett“ op. 74. Mit bestechender Sicherheit hielt Mutter die Vierstimmigkeit auf Linie, alle genossen die Situationsdramatik, mit der Beethoven in diesem Quartett Haken schlagen lässt und es nie allzu lang in einer Gemütslage aushält.

Und so erbaulich es auch war, Mutter und die Ihren in diesem kleinen Kreis zu hören, wie sie sich ganz auf die Feinheiten und Zwischentöne dieser Musik konzentriert, die großes Ego-Drängeln nicht verträgt – der interessanteste Teil des Abends waren letztlich nicht die zwei Originale, sondern die eine zeitgenössische Annäherung. Jörg Widmanns „Studie über Beethoven“, sein 6. Streichquartett und Mutter gewidmet, war nämlich genau das: eine Studie mit den Mitteln der Verfremdung und Übermalung. Das Stück begann wie ein sehr naher Verwandter, entfernte sich aber schnell mehr und mehr aus dem Vokabel-Bereich der Wiener Klassik und mutierte zur vierstimmigen Umkreisung der Stilmittel und Ausdrucks-Gesten.

Niedlich geradezu, dass Mutter vor Beginn freundlich davor gewarnt hatte, es könne jetzt „etwas schwierig“ werden, sie würden aber „alle Überzeugungskraft“ hineinlegen, um drohende Schmerzen zu lindern. Doch, ach: Kein einziger Huster, nicht mal ein verschämt verdruckstes Röcheln war am Ende, als der Beifall begann, dem Widmann-Quartett in die Quere gekommen. Deutlicher ließ sich nicht erkennen, dass dieser Teil des Konzerts keine kleine Zumutung war, sondern, wie alles andere, große Bereicherung.