Auf die Ohren

Jazz-Miniaturen zur Bewältigung der Corona-Krise

| Lesedauer: 2 Minuten
Holger True
Jazz-Pianist Brad Mehldau

Jazz-Pianist Brad Mehldau

Foto: picture alliance

Akustische Tagebuchnotizen des Pianisten Brad Mehldau, die für ihn in der Pandemie eine Art emotionaler Anker gewesen sein dürften.

Hamburg. 26 Jahre ist es her, dass Joshua Redman (Saxofon), Brad Mehldau (Piano), Christian McBride (Bass) und Brian Blade (Schlagzeug) ein gemeinsames Album aufnahmen und anschließend anderthalb Jahre als Quartett tourten. Danach war Redman klar, dass seine Mitstreiter so innovativ und selbstständig waren, dass sie eigene musikalische Wege gehen mussten.

Nun also ein Comeback unter neuen Vorzeichen, denn alle vier sind inzwischen Stars und wenn Redman über die Vergangenheit sagt „Es ging mir nie darum, mit meinem augenscheinlich extrovertierten Instrument ,über‘ eine Rhythmusgruppe zu spielen“, dann gilt das heute umso mehr. Sieben neue Kompositionen sind auf „Round Again“ (Nonesuch) zu hören, nur drei sind von ihm, den Rest haben Mehldau, McBride und Blade beigesteuert.

Dabei reicht das Spektrum von der frischen Uptempo-Nummer mit ausführlichem Schlagzeugpart („Moe Honk“) über den sehnsuchtsvollen Soulfunk-Groover mit bezwingender Melodie („Silly Little Love Song“) bis zur herrlich verqueren Bluesnummer („Floppy Diss“).

„Diese Band ist wie ein Plattenteller, der sich weiterdreht, nachdem die Nadel angehoben wurde. Wir mussten die Nadel lediglich wieder sinken lassen“, sagt Brad Mehldau. Und so klingt dieses Album auch.

Während „Round Again“ deutlich vor der Corona-Krise aufgenommen wurde, ist das neue Soloalbum von Brad Mehldau entstanden, als die Schließung der Clubs und Konzerthallen, vielerorts begleitet von radikalen Lockdowns, gerade für große Verunsicherung sorgte. Entsprechend schreibt der Pianist auf dem Cover von „Suite: April 2020“ (Nonesuch) ausführlich über seine Gefühle angesichts der Ereignisse und die Songs tragen Titel wie „Keeping Distance“, „Uncertainty“, „Waiting“ aber auch „Family Harmony“.

Es sind Miniaturen, die ganz unterschiedliche Gefühle in Töne kleiden, akustische Tagebuchnotizen, deren Komposition für Mehldau in dieser Phase eine Art emotionaler Anker gewesen sein dürfte. Und dabei wird hier keineswegs nur die moll-Schublade aufgezogen, es gibt auch lakonisch-komische Momente, bevor das Album mit drei Coverversionen (Neil Young, Billy Joel, Jerome Kern) schließt.

Eine auf 1000 Stück limitierte und signierte Vinyl-Version zum Preis von 100 Dollar war schnell ausverkauft; 90 Dollar gingen an den Covid-19-Hilfsfonds der Jazz Foundation Of America, sind doch im Trump-Amerika noch viel mehr Künstler als bei uns in existenzielle Nöte geraten. Auf den bekannten Streaming- und Download-Plattformen ist das Album bereits zu haben, CD und reguläre LP erscheinen am 18. September.