Kultur-Tipp

Am Ende tröstlich: das neue Album von Norah Jones

Die US-amerikanische Soul- und Jazz-Sängerin Norah Jones hat ein neues Album veröffentlicht.

Die US-amerikanische Soul- und Jazz-Sängerin Norah Jones hat ein neues Album veröffentlicht.

Foto: Diane Russo / dpa

„Pick Me Up Off The Floor“ ist das achte Studioalbum der US-Sängerin. Sie singt auch über ihre Aufs und Abs in der Liebe.

Hamburg. Norah Jones hatte 2002 gerade ihr Debüt „Come Away With Me“ veröffentlicht, da telefonierte ein großer deutscher Konzertveranstalter verschiedene Musikjournalisten ab. „Was hältst du von der? Hat die Potenzial? Sollen wir ihre Tour machen?“

Die Antwort fiel leicht, denn der damals 22-jährigen US-Sängerin und -Pianistin war ein Volltreffer gelungen, ein Barjazz-mit-Tiefgang-Meisterstück, das das Pop-Publikum ebenso erreichte wie eingeschworene Jazz-Zirkel. Platz eins in den USA und Großbritannien, Platz zwei bei uns, 20 Millionen verkaufte Platten. A Star was born.

Norah Jones hat ein neues Album veröffentlicht

Doch Norah Jones haderte mit dem plötzlichen Ruhm. Vor allem damit, dass das Private plötzlich öffentlich wurde – etwa die Tatsache, dass sie eine uneheliche Tochter der indischen Sitar-Legende Ravi Shankar (1920–2012) ist (und ­Anoushka Shankar ihre Halbschwester). Auch in der Liebe gab es einige Aufs und Abs, die sie auf den folgenden Alben verarbeitete.

Ausläufer davon finden sich auch auf „Pick Me Up Off The Floor“ (Blue Note), ihrem achten Studioalbum. Dessen Songs waren bei zahlreichen früheren Aufnahmesessions übrig geblieben, doch Ausschussware ist keiner von ihnen. Im Gegenteil. Immer wieder habe sie die Lieder auf langen Spaziergängen angehört, irgendwann seien sie ein Teil von ihr geworden. Und mussten jetzt unbedingt veröffentlicht werden.

Über die Texte allerdings wolle sie nicht reden, leitete Norah Jones im März ein Interview mit dem US-Magazin „Downbeat“ ein. Aber das ist auch gar nicht so dringend notwendig, denn wie immer trägt sie ihr Herz auf der Zunge, und schon die Songtitel lassen wenig Interpretationsspielraum: „How I Weep“, „Hurts To Be Alone“, „Say No More“, „Heartbroken“.

Die Herzensdinge standen offensichtlich nicht gerade günstig, als diese Titel entstanden. Und doch ist das Album kein Jammertal, sondern zu Beginn bittersüß in seiner offenen Ausstellung zehrender Sehnsucht und nicht erwiderter Gefühle. Später dann geradezu beflügelnd und kraftspendend, was auch daran liegt, dass Norah Jones sich nicht an Genredefinitionen klammert, sondern spielt, wonach ihr ist.

Norah Jones Musik hat etwas Tröstliches

Und so hat etwa „This Life“ die Wärme von Gospel und Soul, während die Americana-Nummer „To Live“ sogar an die tröstlichen „Seeger Sessions“-Großtaten eines Bruce Springsteen erinnert. Musik, die die Seele wärmt und nie aus dem Blick verliert, dass jede noch so bittere Abwärtsspirale irgendwann endet – und es dann wieder bergauf geht. Bei Norah Jones klingt das so: „I live in this moment, and find my true place“, den eigenen Platz im Leben finden, das ist es, was zählt.

In der Corona-Krise hat sie immer wieder für ihre fast vier Millionen Fol­lower bei Facebook kurze Wohnzimmerkonzerte mit vielen neuen Songs gespielt. Jetzt hofft sie, der Albumveröffentlichung möglichst bald eine Tour folgen lassen zu können.

Und heute fragt natürlich kein besorgter Veranstalter mehr, ob sich die wohl lohnt.