Corona und Kultur

Live-Kultur: Was Hamburg plant und was anderswo erlaubt ist

In Berlin verlegte man das "Rheingold" kurzerhand auf ein Parkdeck. Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper, mit einer Wagner-Büste.

In Berlin verlegte man das "Rheingold" kurzerhand auf ein Parkdeck. Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper, mit einer Wagner-Büste.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Hamburg plant für Anfang Juli neue Corona-Regeln – andernorts ist bereits sehr viel mehr erlaubt und erleichtert vorerst die Planung.

Hamburg. „Wir reden natürlich darüber, wie wir Kultureinrichtungen in die Lage versetzen zu veranstalten, obwohl sie gesichert wissen, dass es nicht profitabel ist. Wir wollen ermöglichen, dass etwas stattfinden kann.“ Seit der alte und neue Hamburger Kultursenator Carsten Brosda vor einer Woche diese Ansage machte, hat sich bundesweit viel getan, um einem Publikum wieder Live-Kultur-Veranstaltungen anzubieten und nicht lediglich den x-ten Mitschnitt aus der nächstbesten Archiv-Ecke.

Hier, in der oft betonten „Musikstadt Hamburg“, gilt: Keine „Großveranstaltungen“ bis Ende August, Freiluft-Angebote sind unter Einhaltung der Sicherheitsvorschriften für bis zu 50 Menschen erlaubt. Theater könnten, straff reglementiert, bald wieder aktiv werden. Museen durften bereits, reglementiert, öffnen.

Hamburg will Anfang Juli mehr Live-Kultur erlauben

„Wir wollen jetzt langsam wegkommen vom Verbot einzelner Formate, hin zu klaren, einheitlichen Abstands- und Hygieneregeln, unter denen Kultur allgemein wieder möglich sein wird“, sagte Brosda nun. „Dazu bereiten wir für Anfang Juli eine Änderung der Rechtsverordnung vor.“ Damit wären bei entsprechend guten Infektionszahlen ab Anfang Juli auch Veranstaltungen im Inneren erlaubt, hieß es aus der Kulturbehörde.

Der Grad der Lockerheit unterscheidet sich hierzulande von Bundesland zu Bundesland. In NRW fällt ab Montag die Abstandspflicht bei Veranstaltungen flach und wird durch Rückverfolgbarkeit ersetzt. Österreich und die Schweiz gehen ebenfalls eigene Wege. Überall regt sich Kreativität im Umgang mit den Spiel-Regeln bei Konzerten. Als Umsetzung eines Kulturauftrags unter akutem Krisendruck, der unter ganz anderen Vorzeichen definiert worden war. Auch kleine Formate mögen sich nun nicht rechnen. Doch momentan rechnet sich ohnehin nichts. Es gab keine normale Frühjahrs-Saison, es wird im Herbst keine normale Spielzeit beginnen. Es könnte also auch eine andere „Sommerpause“ geben, eine, die keine Auszeit wäre.

Live-Generalpause in der Hamburger Kultur

Bei den hiesigen Anbietern herrscht derzeit eine Live-Generalpause: „Die Laeiszhalle ist bis 31. August für Publikum geschlossen, Open-Air-Veranstaltungen sind nur mit bis zu 50 Gästen zugelassen“, teilte ein Sprecher der Symphoniker mit, das Orchester ist im Juli im Urlaub. Noch stehe nicht fest, ob man danach die Rathauskonzerte spielen könne.

Auch die Philharmoniker wissen nichts Konkretes über das Open-Air-Konzert auf dem Rathausmarkt am 22. August. „Das NDR Elbphilharmonie Orchester geht am 5. Juli in die Sommerpause,“ teilte der Sender mit, „für die neue Saison prüfen wir in Abstimmung mit HamburgMusik verschiedene Szenarien für Konzerte mit Publikum.“

Für Auskünfte über Konzertpläne "ist es noch zu früh"

Das Ende dieser Saison: ein Konzert in der Elbphilharmonie am 26. Juni mit Igor Levit als Solist, Werke von Adès, Schostakowitsch und Beethoven. Aber: ohne Publikum, live gestreamt. Die Antwort von HamburgMusik auf Fragen zu Aktivitäten: „Für Auskünfte über eventuelle (Konzert-)Pläne in den kommenden Wochen bei uns ist es noch zu früh.“

Open Air mit Technik erteilte Tobias Rempe, Geschäftsführer vom Ensemble Resonanz, bedauernd eine Absage: „Die sind aus den jetzigen Bordmitteln nicht drin.“ Im August soll es beim Kampnagel-Sommerfestival einen Auftritt geben, im Juli etwas im Resonanzraum.

Berlin nähert sich Stück für Stück der Großveranstaltung

In Berlin liegt die Freiluft-Publikums-Grenze bis zum 16. Juni bei 200 Personen, danach bei 500 und ab dem 1. Juli bei 1000, „Großveranstaltungen“ mit mehr als 1000 Personen sind bis Ende August untersagt. Weil es so ist, wie es ist, verlegte die Deutsche Oper eine kleine Version von Wagners „Rheingold“ auf das Parkdeck, für je 175 Besucher, 90 Minuten kurz und mit einem gerade mal 22-köpfigen Orchester. Die fünf Vorstellungen waren in zwölf Minuten ausverkauft. Das Deutsche Theater bietet eine Bühnenfassung von Camus’ „Die Pest“ auf seinem Vorplatz an, das Berliner Ensemble bespielt eine Bretterbühne, „ein Gruß aus der Küche“, so nannte das der BE-Intendant Oliver Reese.

Das könnte Sie auch interessieren:

Das Berliner Konzerthausorchester hat ein Open-Air-Programm auf dem Gendarmenmarkt entwickelt: Am 20. und 21. Juni wird es auf der Freitreppen-Bühne Beethovens Fünfte spielen, dirigiert von Chefdirigent Christoph Eschenbach. Bislang plant man mit je 250 Besuchern, alle Tickets waren in einer Stunde weg.

Dresden beendet die Corona-Zwangspause mit Anna Netrebko

Vor wenigen Tagen gastierte dieses Orchester im Konzerthaus Dortmund, zur „Wiedereröffnung“ spielte man unter Leitung von Mirga Grazinyte-Tyla mit kleiner 32er-Besetzung Beethovens Vierte, in einem Bundesland, das dort knapp 400 Besucher erlaubte. Das Staatsorchester Stuttgart will bis zur Sommerpause rund 30 Konzertchen spielen, darunter einen Beethoven-Zyklus ohne die Neunte, der an diesem Sonnabend beginnt.

Die Dresdner Semperoper beendet die dreimonatige Zwangs-Spielpause am 19. Juni: Anna Netrebko als Publikumsmagnet und vier Abende hintereinander mit passend gemachten, konzertanten Höhepunkten aus Verdis „Don Carlo“. In der Münchner Staatsoper finden die „Montagskonzerte“ nun mit Publikum statt, 50 Karten pro Termin.

In Bremen soll am 18. Juni das Sommerfestival „Summarum“ starten, 60 Veranstaltungstage bis zum August mit 45-minütigen Open-Air-Programmen, für 20 bis 100 Menschen. Ende Juni wollen die Sommerlichen Musiktage Hitzacker ihr Programm-Update vorstellen, man hofft, im Konzertsaal VERDO bis zu 250 Besucher regelkonform platzieren zu können.

Wien kündigt den "Kultursommer 2020" an

Groß aufgetischt wird in Wien. Dort soll der „Kultursommer 2020“ im Juli und August 80 Acts mit 2000 Künstlerinnen und Künstlern an 25 Spielstätten präsentieren. Alles kostenlos, donnerstags bis sonntags mit zwei Vorstellungen hintereinander. Wegen der lockereren Vorschriften werden die beiden größten Freiluftbühnen 500 bzw. 300 Menschen den Besuch ermöglichen, es gibt „Modular Spaces“ für 100 und „Artist Corners“ für bis zu 30 Menschen, dazu „Public Moves“ und Balkon-Konzerte für Senioren. Vor wenigen Tagen haben die Wiener Philharmoniker begonnen, wieder Konzerte im Musikverein zu geben, maximal 100 Menschen, aber: immerhin.

Kleiner, aber auch aktiv sind die Innsbrucker Festwochen, die mit sparsam besetztem Barock-Repertoire besser in die infektionsgefährdete Gegenwart passen als große Orchester für spätere Epochen. Dort wird es Ende Juli „Concerto mobile“-Termine mit ambulanter Alter Musik in der Innenstadt geben.

Die Schweiz plant kleinere Festivals

Auch die Schweiz, wo seit dem 6. Juni Veranstaltungen mit bis zu 300 Personen erlaubt sind, will wieder etwas bieten. Nach der Absage großer Festivals wie Verbier und Luzern scheinen die Chancen kleinerer Festspiele zu steigen: Die Pianistin Martha Argerich soll im August das aus sieben Terminen bestehende Engadin Festival in St. Moritz eröffnen.

In Zürich wird das Tonhalle-Orchester unter Paavo Järvi in den letzten beiden Juni-Wochen zwölf kleinformatige Konzerte (je drei täglich) geben: 30 bis 40 Mitwirkende, 240 statt 1200 Gäste, keine Pause. Die Oper hat für den 4. bis 12. Juli gleich ein ganzes „Finale“-Festival angekündigt, mit A-Prominenz wie Diana Damrau oder Camilla Nylund; als Finale eine Operetten-Gala.

„Wir müssen lernen, mit diesen Situationen umzugehen“, sagte Markus Hinterhäuser, Intendant der nun doch, aber anders stattfindenden Salzburger Festspiele, kürzlich der Deutschen Welle, „und wenn wir es nicht lernen, werden wir alle verlieren, und zwar nicht nur in jedem gesellschaftlichen Bereich.“