Trauer um Michel Piccoli

Ein Franzose, der Kinogeschichte schrieb

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Volker Behrens
Michel Piccoli hat mit vielen spannenden Künstlern gearbeitet – eine Autobiografie schreiben allerdings wollte er nie.

Michel Piccoli hat mit vielen spannenden Künstlern gearbeitet – eine Autobiografie schreiben allerdings wollte er nie.

Foto: picture alliance

Mit 94 Jahren starb der Schauspieler. Er war in mehr als 220 Filmen zu sehen. Wie Michel Piccoli seinen Durchbruch schaffte.

Hamburg.  Michel Piccoli war ein Gigant. Weniger körperlich, obwohl er sich seiner auf 1,85 Meter gut verteilten Kräfte stets bewusst war. Aber er war sowohl auf der Bühne als auch vor der Kamera ein versierter Psychologe, der seinen Rollen auf den Grund ging und viele von ihnen mit großer Wucht unvergesslich machte. Dekadente Bourgeois und grandseigneurhafte Verführer konnte er besonders gut. Jetzt ist der französische Charakterdarsteller, wie erst am Montag bekannt wurde, bereits am vergangenen Dienstag im Alter von 94 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben.

Vor wenigen Wochen erst konnte man ihn auf dem Bildschirm in einem schönen Alterswerk sehen. In Nanni Morettis Tragikomödie „Habemus Papam“ spielt Piccoli einen Kardinal, der zum Pontifex Maximus gewählt wird, dann aber angesichts der schweren Aufgabe kalte Füße bekommt und sein Amt auf keinen Fall antreten will. Er haut ab und taucht ein bisschen im römischen Alltagsleben unter. Im Vatikan ist man entsetzt, versucht aber, die Contenance zu wahren. Auch damals schon hochbetagt, spielte Piccoli den Regisseur Moretti, der hier einen Psychiater verkörpert, mal eben locker gegen die Wand.

Im Jahr 1997 kam Piccoli nach Hamburg

Im Jahr 1997 kam Piccoli nach Hamburg, um vier Tage lang im Stück „La maladie de la mort“, einer Inszenierung von Bob Wilson nach einem Text von Marguerite Duras, auf der Bühne des Thalia Theaters zu stehen. An einem der Nachmittage nahm er sich Zeit für ein Gespräch. Das Interview auf Englisch zu führen kam für ihn natürlich nicht infrage, naturellement. Also versuchten wir es mit einer Mischung und kamen ganz gut zurecht.

Über Wilson, erzählte er, habe er sich zuerst nur gewundert. „Ich wusste nicht, wofür er mich benötigte. Er ist ein Architekt des Lichts und des Raums.“ Schauspieler seien für den Amerikaner nur Marionetten. „Aber es gefällt mir, seine Marionette zu sein, denn er liebt auch die Schauspieler.“ Die Zusammenarbeit mit Wilson beschreibt er so: „Es gab eine Art Osmose zwischen uns, auch Marguerite Duras ist immer dabei, obwohl sie schon tot ist. Das Ganze ist ein alchimistischer, geheimnisvoller Raum.“

Durchbruch schaffte Piccoli in Jean-Luc Godards Film „Die Verachtung“

Seinen Durchbruch schaffte Piccoli 1963 in Jean-Luc Godards Film „Die Verachtung“ an der Seite von Brigitte Bardot, Jack Palance und Fritz Lang. Er spielt einen Drehbuchautor, der bei seiner Arbeit in eine Krise gerät. Später spielte er in Buñuels „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ und futtert sich in „Das große Fressen“ zusammen mit Marcello Mastroianni , Philippe Noiret und Ugo Tognazzi zu Tode. Alfred Hitchcock besetzte ihn in seinem Thriller „Topas“ – und immer wieder drehte Piccoli auch mit Romy Schneider: in „Trio Infernal“, „Das Mädchen und der Kommissar“ und „Die Spaziergängerin von Sanssouci“. Auf sie angesprochen schüttelte er den Kopf und seufzte. Sie haben einander wohl recht gern gehabt.

Schauspieler Michel Piccoli gestorben:

Schauspieler Michel Piccoli gestorben
Schauspieler Michel Piccoli gestorben

Piccoli war ein leidenschaftlicher Schauspieler. Souverän, großzügig und charmant galt er als eine Art Gegenentwurf zum kühleren Alain Delon. Seine Kolleginnen mochten das und seine oft undurchschaubare Art, mit Cathérine Deneuve hat er gespielt, mit Jeanne Moreau, Claudia Cardinale und Susan Sarandon. Junge Filmemacher hat er unterstützt, indem er ihre Filme produzierte. Sein Lieblingsfilm, erzählte er damals in Hamburg, sei „Die schöne Querulantin“ von Jacques Rivette. Sie zeigt ihn als alternden Künstler zwischen Eros und Kreativität. „Vielleicht ein Meisterwerk“, glaubte er.

Ritter der Ehrenlegion in Frankreich

In Frankreich hat man ihn zum Ritter der Ehrenlegion gemacht und alle möglichen Preise verliehen. Gärtner wäre er ganz gern geworden, erzählte er einmal. „Ich arbeite gern mit meinen Händen.“ In die USA hat es ihn nie gezogen. „Man kann hier ganz gut leben, ohne in Hollywood zu arbeiten. Zu einer anderen Zeit war es dort großartig, aber das Hollywood, das ich mochte, gibt es heute nicht mehr.“

Damals, 1997, ist Piccoli viel in Hamburg spazieren gegangen. Am liebsten am Hafen. „Ein Hafen macht so eine Stadt doch erst richtig interessant“, fand er. Piccoli, der mit Ludivine Clerc verheiratet war und vorher zehn Jahre mit Juliette Greco, hatte auch im Alter große Pläne, wollte nach Jahrzehnten auf der Bühne und vor der Kamera einen eigenen Film inszenieren und hat das auch geschafft. Mit 71 Jahren und „Alors voilà“ wurde Piccoli zum Nachwuchsfilmer.

Überhaupt war er damals in einer Art Aufbruchsstimmung. „Im Moment fühle ich mich wie ein Vogel auf einem Zweig“, sagte er, ein Schwanken zwischen Sitzenbleiben und Wegfliegen. „Ich bin auch glücklich, wenn ich kein Schauspieler mehr bin.“ Er ist dann doch erfreulicherweise noch lange einer geblieben. Piccoli hat in seinem Leben mit so vielen interessanten Künstlern zusammengearbeitet. Aber eine Autobiografie schreiben wollte der Sohn zweier Musiker nie. „Schauspieler können nicht schreiben. Interessante Biografien gibt es doch höchstens von Regisseuren.“ Ein Buch über ihn heißt „Piccoli Provocateur“. „Das Buch ist schlecht“, maulte er. Und der Titel? „Ich hoffe, der stimmt!“ Sagte er und ließ die Augen blitzen.​