Corona und Kultur

So könnten Hamburgs Orchester wieder vor Publikum spielen

Bläser als Infektionsrisiko: Die Charité-Studie empfiehlt für diese Musiker größeren Abstand.

Bläser als Infektionsrisiko: Die Charité-Studie empfiehlt für diese Musiker größeren Abstand.

Foto: imago stock

Eine Studie der Charité gibt Empfehlungen. Das halten Kent Nagano, Alan Gilbert und Sylvain Cambreling von den Vorschlägen.

Hamburg. Ein Publikum, das sich nach Live-Erlebnissen sehnt, Veranstalter, für die es finanziell immer enger wird. Und auch die Musikkünstler wünschen sich, Konzerte zu geben, endlich wieder echte Konzerte. Während es im Bereich Rock/Pop/Jazz noch wenig Bewegung gibt, sieht es da im Bereich Klassik schon besser aus. Vor allem natürlich, weil sich das auf festen Plätzen sitzende Publikum ähnlich wie im Theater gut weiträumig im Saal verteilen lässt. Doch wie gut sind die Musiker selbst geschützt? Wie können große Orchester unter Corona-Bedingungen proben und Konzerte geben?

Einige Antworten hat eine Studie der Berliner Charité geliefert, die ganz konkrete Maßnahmen bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebs von Konzert- und Opernorchestern empfiehlt. Dabei attestieren die Wissenschaftler der Kunst und Kultur grundsätzlich eine „unverzichtbare Bedeutung“ für die Bevölkerung. Insbesondere die Musik habe „heilende Wirkungen“. Eine Wiederaufnahme des Kunst- und Kulturbetriebs sollte daher aus ihrer Sicht „dringend angestrebt werden“.

Welche Voraussetzungen Orchester erfüllen müssten

Damit dies gelingen kann, gibt es nach Ansicht der Autoren einige Voraussetzungen. Neben den allgemeinen Schutzmaßnahmen wie Symptom-Achtsamkeit, Händehygiene und Hustenetikette spielt dabei die Orchesteraufstellung auf der Bühne eine zentrale Rolle.

So raten die Wissenschaftler etwa zu einem Stuhlabstand der Streicher von 1,5 Metern, bei Bläsern sogar von zwei Metern. Dezidiert wird aufgeschlüsselt, welche Menge an Atemluft und Kondenswasser bei welchem Blasinstrument in die unmittelbare Umgebung der Musiker gelangt und wie eine „Kontaminierung des Arbeitsplatzes“ vermieden werden kann.

Was Nagano, Gilbert und Cambreling von der Studie halten

Die Dirigenten der drei großen Hamburger Orchester, Kent Nagano (Philharmonisches Staatsorchester), Alan Gilbert (NDR Elbphilharmonie Orchester) und Sylvain Cambreling (Symphoniker Hamburg) sehen in der Studie unisono einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu Konzerten vor Publikum. Allerdings hätten die vorgeschlagenen Mindestabstände Auswirkungen auf das Repertoire.

Groß besetzte Werke könnten unter diesen Umständen nicht mehr aufgeführt werden, erklärt etwa Cambreling: „Chorwerke wie die 9. Beethovens wären bereits ausgeschlossen, wohl auch Brahms- oder Tschaikowski-Sinfonien. Beethoven-Sinfonien ohne Chor müssten mit weniger Streichern und mit mehr Abstand als gewohnt gespielt werden.“ Das wäre in der Laeiszhalle „aufgrund ihrer akustischen Vorzüge vorübergehend machbar“.

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Auch Kent Nagano konstatiert, dass großbesetzte Werke zunächst nicht mehr gespielt werden könnten, fügt aber hinzu: „Unser Repertoire ist breit gefächert und ermöglicht uns unzählige Alternativen. Der Prozess der Programmplanung unter diesen neuen Voraussetzungen fordert uns dazu heraus, vieles neu zu denken: Traditionen, Status Quo und Inhalte.“ Das könne wie ein Katalysator wirken und neue Wahrnehmungen, Ideen und Perspektiven ermöglichen.

Alan Gilbert sammelt derzeit in Stockholm Erfahrungen

Und Alan Gilbert, derzeit in Stockholm, verweist darauf, dass Orchester und Dirigenten auch unter vermeintlich perfekten Umständen oft Kompromisse eingehen müssen; um so mehr sei jetzt Kreativität gefragt. „Ich musiziere unter diesen Vorgaben seit zwei Monaten, und kann Ihnen sehr deutlich sagen: Es geht gut. In Schweden proben und konzertieren wir mit einer Orchesterstärke von 50 Musikern. Entscheidend ist, dass wir gemeinsam musizieren können, dass wir die Musik zu unserem Publikum bringen – derzeit auf digitalem Wege. Es gibt großartige Musik, und man kann auch große sinfonische Werke in kleinen Besetzungen spielen.“

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Dass die Wissenschaftler für die Blechbläser Plexiglaswände vorschlagen, die die vor ihnen sitzenden Musiker schützen, hält Sylvain Cambreling nicht für störend, „sofern sie eine gewisse Größe nicht überschreiten“. Kent Nagano hingegen gibt zu bedenken: „Jeder Musiker reagiert darauf, was er sieht und hört und wenn diese Information nicht präzise ist, beispielsweise aufgrund einer Plexiglas-Barriere, dann ist es unmöglich einen musikalischen Ausdruck zu erzeugen. Musik ist wie ein Organismus – nicht wie eine Maschine. Genau das erlaubt Musikern über sich hinauszuwachsen“. Man könne allerdings darauf vertrauen, „dass sie Möglichkeiten finden werden, trotz aller Hindernisse großartige Musik zu erschaffen“.

„Der volle und normale Konzertbetrieb ist kein Luxus“

Grundsätzlich setzen die drei Dirigenten fest darauf, dass es – natürlich unter anderen Bedingungen als vor der Corona-Krise – möglich sein wird, Konzerte zu geben. „Ich hoffe sehr, bald wieder in Hamburg vor Publikum, auch wenn es in kleiner Zahl sein wird, konzertieren zu können. Denn natürlich fehlen uns die Konzertbesucher, die Energie und die besonderen Momente, die nur im gemeinsamen Erleben mit Musikern und Publikum entstehen können“, teilt Alan Gilbert mit, der zudem betont, „dass sich gerade auch in Zeiten der Krise zeigt, wie wichtig Kultur nicht nur für den einzelnen, sondern für die ganze Gesellschaft ist“. Dieser zentrale Aspekt sollte aus seiner Sicht in der aktuellen Diskussion Gewicht bekommen.

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Das sieht auch Sylvain Cambreling so, der darauf verweist, man müsse „immer wieder mit deutlichen Worten daran erinnern, dass der volle und normale Konzertbetrieb kein Luxus ist, sondern ein Geschehen, das dafür da ist, uns mit uns selbst und mit der Welt zu verbinden“. Die Untersagung und die Einschränkung des Konzertbetriebs beträfen uns letztlich – ebenso wie die Schließung der Kitas – alle „auf unheilvolle Weise als denkende und fühlende Menschen, als soziale und als politische Wesen“. Die Einschränkungen dürften daher nur solange anhalten, wie unbedingt notwendig.

Und doch: Da ist jetzt Licht am Horizont. Kent Nagano jedenfalls ist zuversichtlich: „Es fühlt sich so an, als ob sich die Wolken verziehen.“