Biographie

Mit seinem Selbstmord wollte er Hitler stoppen

Der Völkerbund nahm im Januar 1920 seine Arbeit auf. Die Versammlungen fanden in Genf statt.

Der Völkerbund nahm im Januar 1920 seine Arbeit auf. Die Versammlungen fanden in Genf statt.

Foto: Getty Images

Ein wichtiges Buch über den jüdischen Journalisten Stefan Lux, der sich 1936 während einer Versammlung des Völkerbundes erschoss.

Hamburg. Blitzschnell zieht er den Revolver aus der Tasche, richtet ihn auf die Brust, knapp unter dem Herzen, den Lauf nach oben gerichtet. Ein Bruchteil einer Sekunde, der ihm wie eine Ewigkeit erscheint. Der Zeigefinger auf dem Abzug. Eine winzige Bewegung der ersten beiden Fingerglieder. „Das ist das Ende!“, ruft er aus. Ein Knall. Es ist genau 10.30 Uhr.

Was sich wie ein Kriminalroman liest, ist die Beschreibung eines historischen Ereignisses, das die Weltöffentlichkeit leider nur für einen ganz kurzen Moment aufhorchen ließ. Als sich der jüdische Künstler und Journalist Stefan Lux vor beinahe 84 Jahren, am 3. Juli 1936, mitten in der Versammlung des Völkerbundes in Genf vor den anwesenden Politikern, Diplomaten und Berichterstattern aus aller Welt erschoss, wollte er die Menschheit wachrütteln.

Stefan Lux sah das voraus, was viele nicht sehen wollten. Dabei wüteten die Nazis, die knapp ein Jahr nach dem Börsencrash in New York bei den Reichstagswahlen im September 1930 18,3 Prozent der Stimmen erhalten hatten, schon seit einigen Jahren in Deutschland. „Die Zeit der Extremisten war endgültig gekommen. Das demokratische Intermezzo der Weimarer Republik ging nun rapide seinem Ende entgegen“, schreibt Rüdiger Strempel in seinem Buch „Lux. Gegen den Nationalsozialismus und die Lethargie der Welt“ (Osburg Verlag, 22 Euro). Und das kann durchaus auch als Warnung in heutigen Zeiten verstanden werden.

Lux sah das Unheil schon früh nahen

„Lux allerdings hat das Unheil schon früher nahen sehen, hatte erkannt, wohin das antidemokratische Denken und Empfinden weiter Teile der Gesellschaft, die gnadenlose Diffamierung der anderen und der stets virulente, teils unterschwellige, teils offene Antisemitismus führen konnten“

Strempel hat das Leben des Stefan Lux, der mit seiner Tat die größte Katastrophe der Menschheit mit mehr als 60 Millionen Toten im 2. Weltkrieg nicht verhindern konnte, nachgezeichnet. „Lux allerdings hat das Unheil schon früher nahen sehen, hatte erkannt, wohin das antidemokratische Denken und Empfinden weiter Teile der Gesellschaft, die gnadenlose Diffamierung der anderen und der stets virulente, teils unterschwellige, teils offene Antisemitismus führen konnten“, schreibt der Autor, der auch für die Vereinten Nationen tätig ist und derzeit das Sekretariat der Helsinki Kommission zum Schutz der Meeresumwelt im Ostseeraum leitet.

In den 1920er-Jahren hält sich Lux, der den Ersten Weltkrieg nur knapp überlebt hatte, in Berliner Film- und Künstlerkreisen mühsam über Wasser. Schon hier warnt er vor dem wachsenden Antisemitismus und dem heraufziehenden Totalitarismus. Mehrmals demolieren SA-Schlägertrupps seine Wohnung und misshandeln ihn. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten siedelt er 1933 mit Frau und Kind nach Prag über. „Die Familie trat die Reise mit wenig mehr als einigen Koffern voller persönlicher Habseligkeiten an. Ihr Hausrat blieb in Berlin. Ihr Vermieter hatte diesen kurzerhand beschlagnahmt.“

Ultimatives Opfer

Anfang 1936 versucht Lux, in Pariser Emigrantenkreisen Unterstützung zu finden. Beginnend mit der Reise von Paris nach Genf am 26. Juni 1936 zeichnet das Buch ein Bild seiner letzten Tage, seiner völligen Verzweiflung und seiner fürchterlichen Zerrissenheit bis zur dramatischen Selbsttötung – in halb fiktiven Kapiteln, die so weit wie möglich auf den wenigen noch vorhandenen Quellen beruhen.

Lebensmüde war Stefan Lux nicht. Er liebte seine Frau Dora und seinen Sohn Albert. Dennoch beschloss er, das zu tun, was er als ultimatives Opfer sah. In seinem Hotelzimmer verfasste Lux zwei Tage und Nächte lang eine Mahnschrift an den britischen Außenminister Sir Anthony Eden, Briefe an den Generalsekretär des Völkerbunds, den Chefredakteur des „Manchester Guardian“, an Freunde und schließlich auch an seine liebste Dora.

Am Morgen des 3. Juli bezahlt er seine Hotelrechnung, fährt zum Völkerbund und begibt sich mit einigen Kollegen auf die Pressetribüne, die er dann mit seiner Kamera verlässt, um hinunter zu den Fotojournalisten in den Saal zu gehen. Dort wird an diesem Vormittag über die Besetzung des Kaiserreiches Abessinien durch das faschistische Italien unter Benito Mussolini und den völkerrechtswidrigen Einsatz von Giftgas debattiert. „Die linke Hand hält die Kamera, die rechte verkrampft sich um die Schusswaffe in der Hosentasche“, schreibt Strempel. Dann fällt der Schuss.

„Es wird der Tag kommen, da wird man Stefan Lux in Deutschland ein Denkmal bauen“

Zeitungen in zahlreichen Ländern berichteten über den spektakulären Selbstmord. „Er hat keine Heldentat begangen. Er hat sich an niemandem gerächt, er hat auf niemanden geschossen, er hat kein tödliche Bombe geworfen. Um die öffentliche Meinung aufzurütteln, hat er seinem Leben ein Ende gesetzt“, schrieb der Warschauer „Moment“ am 5. Juli 1936. „Der Schuss richtete sich gegen einen der größten Feinde jeder kultivierten universellen Empfindung: gegen die Feigheit“, hieß es im Prager „Selbstwehr“.

„Es wird der Tag kommen, da wird man Stefan Lux in Deutschland ein Denkmal bauen“, sagte Nahum Goldmann, Gründer und langjähriger Präsident des jüdischen Weltkongresses. Nun gibt es zumindest schon einmal die erste Biografie über diesen Mann, der mit seinem Selbstmord Hitler stoppen wollte.

„Ihr werdet vor Ruinen stehen“, hatte Lux in dem Brief an Sir Anthony Eden, von dem er sich vor allem ein stärkeres Eingreifen gegen Hitler-Deutschland erhoffte, geschrieben. Hören wollte das niemand. Auch der Völkerbund, aus dem nach dem Zweiten Weltkrieg im Oktober 1945 die Vereinten Nationen hervorgingen, spielte das Ereignis herunter. „Verehrte Kollegen: Die Sitzung wird fortgesetzt. Der tragische Zwischenfall, dessen Zeugen wir soeben geworden sind, hat mit dem Gegenstand unserer heutigen Beratungen nichts zu tun“, bemerkte der belgische Sitzungspräsident Paul van Zeeland lakonisch.

Um 11.45 Uhr kehrte die Versammlung des Völkerbundes zur Tagesordnung zurück.