Sven Meyer

Der Hamburger Künstler, der mit den Pflanzen musiziert

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Holger True
Der Hamburger Sven Meyer macht unter dem Projektnamen Kymat Musik mit Pflanzen.

Der Hamburger Sven Meyer macht unter dem Projektnamen Kymat Musik mit Pflanzen.

Foto: Thomas Koch

Er spielt als Kymat mit Schlüsselblumen und Vergissmeinnicht. Wie er Blattwerk in seine Kompositionen mit einbezieht.

Hamburg.  Die prächtig blühende Schlüsselblume scheint heute in besonders aufgeräumter Stimmung zu sein, während das Vergissmeinnicht die Säfte eher entspannt fließen lässt und auch bei der Ficus benjamina keine Hektik aufkommt. Ganz klar: Die Band von Sven Meyer ist gut drauf.

Moment mal… Die Band? Kann man tatsächlich so sagen, denn der 49-Jährige Hamburger, macht unter dem Projektnamen Kymat Musik mit Pflanzen. „Ich warte auf ihren Impuls, dann improvisiere ich“, erklärt er mit ruhiger Ist-doch-völlig-normal-Stimme am Telefon. Vor einigen Jahren habe er begonnen, sich mit Klangtherapie zu beschäftigen, dabei seine eigene Einschlafmusik komponiert. Irgendwann kam ihm die Idee, Pflanzen einzubeziehen.

Sven Meyer verbindet das Blattwerk mit Elektroden

Dafür verbindet er das Blattwerk mit Elektroden, die die elektromagnetischen Schwingungen etwa einer Monstera, als Zimmerpflanze wegen ihrer großen Blätter sehr beliebt, in hörbare Midi-Signale umwandeln. Die speist Meyer dann in einen Synthesizer ein und heraus kommen (meist) meditative Klangflächen. Da gibt es keinen Beat, keinen Takt, nur unterschiedliche Frequenzen. Pflanzen tanzen nicht, könnte man daraus schließen. Sie chillen. Und Sven Meyer nimmt das, was die Bewohner seiner Fensterbänke im Karoviertel vorgeben, als Basis für spontane Kompositionen, die sich jetzt auf dem Album „Sonic Bloom“ wiederfinden – zu bekommen bei den üblichen Download-Plattformen, aber auch direkt bei ihm (www.kymat.de), unter anderem in einer Vinyl-Version.

Schweigen würden seine Pflanzen nie, sagt er („Dann wären sie tot.“), aber auf ganz unterschiedliche, geradezu „verrückte“ Signale müsse er sich schon einstellen. So habe eine junge Pflanze, deren Säften er beim Fließen geradezu zuschauen könne, ein besonders starkes magnetisches Feld. Grundsätzlich gelte: Kein Stück ist wiederholbar, alles hängt von seinen „Mitmusikern“ ab.

Visuelle Komponente ist ebenfalls wichtig

Allerdings sei der Klang auch nur die Hälfte des Gesamtergebnisses, mindestens ebenso wichtig ist ihm die visuelle Komponente, die vor allem bei Konzerten zum tragen kommt. Da leitet er die Schallwellen in ein kleines Wasserbecken und zeigt das Ergebnis live auf einer Leinwand: dreidimensionale Skulpturen, die an Eiskristalle und buddhistische Mandalas erinnern. „Die Strukturen finden sich überall in der Natur“, sagt Meyer. „Ich mache sie nur sichtbar.“ Beeindruckende Beispielvideos finden sich auf seiner Website.

Wie intensiv er sich mit der Thematik beschäftigt hat, wird im Gespräch schnell deutlich. Da geht es um die philosophische Frage, ob zuerst der Klang oder die Materie da war. Um die „Urtöne“, mit denen sich der legendäre Musikproduzent und -journalist Joachim-Ernst Berendt beschäftigte. Aber auch um schamanistische Rituale im Regenwald, die bereits Eingang in Meyers Musik gefunden haben.

„Ich bin ein Hör-Freak“, sagt er von sich. Stundenlang in der Natur sitzen, schweigen und erlauschen, wie der Wind durch Blätter der Bäume rauscht, wie in der Ferne die Schafe blöken: ein Traum. Nur die Schlüsselblume vom eigenen Fensterbrett klingt manchmal noch ein bisschen schöner.

Kymat: „Sonic Bloom“ Download ab 9 Euro, LP für 29 Euro unter www.kymat.de