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Hamburger Illustrator kämpft mit Comic gegen rechte Gewalt

Interessierte Schulen können die multimediale Lesung mit Nils Oskamp über dreisteine.com buchen.

Interessierte Schulen können die multimediale Lesung mit Nils Oskamp über dreisteine.com buchen.

Foto: Roland Magunia

Mit der Graphic Novel „Drei Steine“ klärt der Comiczeichner Nils Oskamp in Hamburger Schulen über Rassismus und Hetze auf.

Hamburg.  Es ist seine eigene Geschichte. Nils Oskamp steht in der Aula der Geschwister-Scholl-Schule in Lurup, und auf der großen Leinwand erscheinen Bilder aus seinem Leben. Als er 14 Jahre alt war, in Dortmund zur Schule ging, sich gegen die Nazi-Sprüche eines Mitschülers auflehnte und dann schmerzhaft erleben musste, dass er plötzlich quasi völlig allein der rechten Gewalt ausgesetzt war.

„Ich wollte mit neun Jahren Comiczeichner werden“, sagt Nils Oskamp zu den rund 50 anwesenden Schülern, die in etwa so alt sind, wie er damals war. „Comics sind bunt, spannend, vielfältig und lustig. Doch dann kam ein Neonazi in meine Klasse, und es wurde braun, und er verbreitete mit seinen Klassenkameraden ein Klima der Angst.“ Nils ist damals der Einzige, der sich gegen die Nazi-Sprüche auflehnt. „Das hätte mich beinahe das Leben gekostet.“

Beschleunigung der rechten Gewalt in Deutschland

Deutschland erlebt gerade eine Beschleunigung der rechten Gewalt. Rechtspopulisten werden in Parlamente gewählt, manche bürgerlichen Politiker denken ernsthaft über Koalitionen mit der AfD nach. Wie kann sich die Demokratie gegen die Extremisten schützen? Was tun bei Hetze gegen Juden im Netz? Wie soll man offenem Rassismus begegnen? Welche Lösungen hat die Kunst?

Nils Oskamp (50) hat seine Antwort auf diese Fragen gefunden: Der Illustrator geht direkt zu den jungen Menschen. Er hat seine Erlebnisse als Graphic Novel aufgezeichnet und „Drei Steine“ genannt. Es ist die Geschichte von einem Jugendlichen, der sich plötzlich rechter Gewalt ausgesetzt sieht, weil er den Mund aufgemacht hat und nicht schweigen wollte, als deutsche Geschichte verfälscht und das mörderische Hitler-Regime verherrlicht wurde.

Dramaturgisches Geschick

„Mit künstlerischem Feingefühl, dramaturgischem Geschick und zeichnerischer Perfektion beschreibt Oskamp, wie er als Jugendlicher zwei Mordanschlägen mit knapper Not entging und um sein Überleben kämpfte, ohne selbst schuldig zu werden“, schreibt Drehbuchautor Wolfgang Kirchner („Die Brücke“) im Nachwort.

Es ist auch die Geschichte einer deutschen Gesellschaft in den 1980er-Jahren, als mancherorts Lehrer, Polizeibeamte und Staatsanwälte die mordlustigen Schläger aus der rechten Szene nicht ernst nahmen – oder nehmen wollten. Oskamp schildert die Geschehnisse sehr unaufgeregt. Weil er authentisch ist und die Sprache der Jugendlichen spricht, erreicht er die Schüler, die über eine Stunde lang aufmerksam zuhören.

Nebenbei gibt es noch Geschichtsunterricht

Und quasi nebenbei noch Geschichtsunterricht bekommen. Was war der Hitler-Stalin-Pakt? Wer war Rudolf Heß? „Damit sich Geschichte nicht wiederholt und sich die Nazis nie wieder in Deutschland breitmachen, müsst ihr wissen, was passiert ist“, sagt Oskamp. Der Schlüssel sei die Bildung. „Deswegen bin ich hier, um euch zu unterstützen.“

Dirk Voss, Schulleiter der Stadtteilschule, hat Oskamp auch eingeladen, um „Bezüge zur Gegenwart“ herzustellen. „Nationalistisches und extremistisches Gedankengut, das sich gegen die Werte und Grundgedanken der Verfassung und des Grundgesetzes richtet, ist Bestandteil unserer Gesellschaft und auch mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht verschwunden“, sagt er.

Oskamp stellte sich den Fragen der Schüler

In seinem Buch beschreibt Oskamp, wie sehr er sich damals in seiner Not alleine gelassen gefühlt hat. Im Januar wurde die Altonaer Deklaration vorgestellt, mit der sich der Bezirk „zur Vielfalt der Menschen und ihrer Lebensentwürfe“ bekennt. Voss: „Die Deklaration stellt unsere Haltung allen Menschen gegenüber dar und fordert uns auf, solidarisch füreinander einzustehen, unsere gemeinsamen Werte nicht aus den Augen zu verlieren und zivilcouragiert zu handeln.“ Als Schulleiter sei es ihm wichtig, sich gegen jegliche extremistischen und die Menschenrechte missachtenden Handlungen zu stellen und seine Schüler zur eigenen Meinungsbildung und zum kritischen Dialog aufzufordern.

Nach dem Vortrag stellt sich Nils Oskamp den Fragen der Schüler. Warum haben Sie Ihre Geschichte als Comic gezeichnet? „Weil sie so vieles hat“, sagt er. „Gut und Böse, Hoffnung und Verzweiflung, Einsamkeit und Freundschaft.“ Gab es keine Konsequenzen für die fünf Schläger, die ihn lebensgefährlich verletzten? „Es wurde unter den Teppich gekehrt. Es wurde nicht ermittelt, Zeugen wurden unter Druck gesetzt, Beweise verschwanden. Und es gab damals noch keine Opferschutz-Organisation. Beim Sorgentelefon sagten sie zu mir, ich solle zur Polizei gehen – und bei der Polizei wurde nichts unternommen.“

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Auch als auf ihn geschossen wurde, gab es für den jungen Nils keine Hilfe. „Das hat niemanden interessiert.“ Selbst seine Eltern hätten ihn nicht ernst genommen. Es habe damals ja auch keinen interessiert, dass die Borussenfront, ein Zusammenschluss rechtsextremer Dortmund-Anhänger, „regelmäßig nach Heimspielen Ausländer verprügelt hat“.

Und heute? „All das ist nicht Vergangenheit“, schreibt Wolfgang Kirchner. Wer Oskamps Geschichte lese und seine Zeichnungen sehe, fühle sich unmittelbar berührt. „Wir brauchen Geschichten, die Jugendlichen zurufen: ,Fallt nicht auf die Einflüsterungen rechter Ideologen herein, lasst euch nicht verführen! Unterstützt Betroffene rechter Gewalt und tretet Neonazis, Rassismus und Antisemitismus entgegen‘“, so Kirchner.

Am Ende gibt Nils Oskamp den Jugendlichen noch einen Satz mit auf den Weg. „Demokratie ist keine Gabe“, sagt er, „sondern eine Aufgabe.“