Konzertkritik

Mahlers Neunte, im Blindflug sensationell gespielt

Myung-Whun Chung bedankt sich beim Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie.

Myung-Whun Chung bedankt sich beim Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie.

Das Concertebouworkest spielte Mahlers Neunte in der Elbphilharmonie – und Myung-Whun Chung dirigierte mit.

Hamburg.  Hin und wieder kommen diese Grundsatz-Fragen auf: Wofür ist so ein Dirigent eigentlich gut, wofür ist er notwendig, geht’s nicht auch ohne, womöglich sogar besser? Im Prinzip nicht, wäre die übliche Antwort. Nach dem Auftritt des Amsterdamer Concertgebouworkest mit Myung-Whun Chung darf sie anders lauten. Denn ihn hätte es nicht gebraucht. Kaum ein Orchester hat den Ruf, aus seiner Tradition heraus derart perfekt mit Mahlers Tonsprache umgehen zu können; kaum ein anderes Orchester kann in Sekundenbruchteilen einen derart zauberhaften, runden Klang entfesseln, der schockverliebt macht.

Wenn dann auch noch die Neunte Mahler auf den Pulten liegt, wie es beim Gastspiel im Großen Saal der Elbphilharmonie nun der Fall war, ist ein ergebnisoffener Dirigent wie Chung nicht zielführend, weil: Blindflug. Autopilot. Kreative Selbstverwaltung. Immerhin: Chung störte niemanden ernsthaft, er hatte aber auch nichts Sachdienliches beizutragen. Das Werk stand und klang für sich. Nicht das Schlechteste, auf diesem Niveau.

Mahlers erschütternd endenden Welt-Abschied gleich fünfmal zu hören

Diese Elbphilharmonie-Saison bietet den geradezu aberwitzigen und wohl einmaligen Luxus, Mahlers erschütternd endenden Welt-Abschied gleich fünfmal zu hören: Salonen und das Philharmonia gestalteten die Neunte mit analytischer und detailgenauer Schärfe, eine Interpretation wie ein Röntgenbild. Currentzis machte mit dem SWR ein existenzielles Ringen mit der Ewigkeit daraus.

Chung jedoch ließ es, untermalt von mitunter erstaunlich aufgekratzten Gesten, im Großen und Ganzen so virtuos und klangsinnlich laufen, wie es aus dem Orchester vor ihm kam. So klang das Ganze vor allem verbindlich, immer wieder bestaunenswert toll unterbrochen von Instrumentalsoli (der Konzertmeister! die Erste Hornistin!), die in ihrer ausdrucksstarken Selbstverständlichkeit perfekt waren.

Wäre ein Dirigent zugegen gewesen, der aus der Wiedergabe eine Interpretation mit eigener Handschrift gemacht hätte – dieses Konzert hätte Bestnoten verdient. So war es vor allem das Schaulaufen eines Orchesters, das überwältigte, obwohl es dabei unterfordert war.

Nächste Mahler 9-Termine: 24. März San Francisco Symphony und Michael Tilson Thomas. 30. April / 3. Mai NDR Elbphilharmonie Orchester und Alan Gilbert. Elbphilharmonie, Gr. Saal. Evtl. Restkarten.