"Reflektor"-Festival

Elbphilharmonie: Doppelt klingt spezieller

Kim Kashkashian im Kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Kim Kashkashian im Kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Foto: Luciano Rossetti

Am Dienstag war Schichtwechsel im Konzertsaal angesagt: Erst Heiner Goebbels’ „Eislermaterial“, dann die Bratschistin Kim Kashkashian.

Hamburg. Geschichte wiederholt sich also doch: Immer noch die gleiche Sitzordnung. Alle Musiker sind in Alltagskleidung für das „inszenierte Konzert“ am Rand des Karrees aufgereiht. In der Mitte steht eine kleine Eisler-Statuette, als wäre diese Freifläche nicht nur horizontale Projektionsfläche für Anspielungen auf eine faszinierende Komponisten-Biografie in West und Ost, sondern auch eine Ringkampf-Matte, auf der man mit dem musikalischen Material in den Clinch geht. Und mit dem ideologischen Hin und Her in den deutschen Geschichten des 20. Jahrhunderts gleich mit.

Immer noch spielt das Ensemble Modern. Und nach wie vor, als Teil des Klangkollektivs, ist mittendrin der Schauspieler Josef Bierbichler. Ein Trumm von Mann, das Unikat vom Starnberger See, aus dem dennoch dieser ätherische Moritaten-Falsett kommt, das auch noch leicht rau bajuwarisch eingefärbt. Der Orpheus der Arbeiterklasse ist hier seine Rolle, äußerlich ungerührt auf seine Einsätze wartend, um den gut einstündigen Noten-Plan zu erfüllen.

Ein Weltanschauungs-Klassiker beim Reflektor-Festival

Im Rahmen seines „Reflektor“-Festival-Freifahrtscheins hatte sich ECM-Chef Manfred Eicher auch Heiner Goebbels‘ Weltanschauungs-Klassiker „Eislermaterial“ gewünscht. Vor etwa zwei Jahrzehnten, damals im Schauspielhaus, war dieses Projekt-Gastspiel wohl provokanter gewesen, wenn die verklärende Erinnerung nicht trügt. Jetzt, honorig in die Jahre gekommen, haftet dem Spezial-Konzert bei seiner Wiederbelebung im Großen Saal der Elbphilharmonie etwas Museales an, umweht von Goethe-Institut-Sortiment-Gediegenheit.

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Warum der Schönberg-Schüler und Brecht-Vertoner Eisler, der spätere DDR-Vorzeigekomponist, die Auseinandersetzung lohnt, erklärt sich nicht von selbst, diese leichte Schwäche des Konzepts ist natürlich unverändert geblieben. Doch es hat schon etwas Anrührendes, Ostalgisches auch, wenn das Harmonium und der Bass wie bei einer kleinen Gebetsrunde mit dem Pathos von Brechts „Kinderhymne“ von 1950 beginnen: „Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / daß ein gutes Deutschland blühe / wie ein andres gutes Land“. Wenige Stunden später, eine bittere Ironie dieser Geschichtslektion, wird in Thüringen mithilfe der AfD ein FDP-Politiker zum Ministerpräsidenten gewählt werden.

Schichtwechsel: Ein Publikum verlässt den Saal, das nächste kommt

Danach wird collagiert, es spielt nacheinander, was im Großen und Ganzen zusammengehört. Zickiges aus den späten 1920ern und frühen 1930ern, Elegisches aus den unbekannten Winkeln des Werkkatalogs und Tondokumente von Eisler. Und damit es nicht zu gemütlich wird, grätschen immer wieder Jazz-Episoden dazwischen. Ein Kaleidoskop, ein Gesamtbild mit vielen Facetten.

Während das eine Publikum den einen Saal verlässt, kommt das nächste: Zu späterer Stunde zieht einige Etagen tiefer im Kleinen Saal die Bratschistin Kim Kashkashian eine gute Stunde lang das Publikum mit einer Solodarbietung in ihren Bann. Es sind gefühlt sämtliche Bratscher Norddeutschlands da; aufmerksamer kann ein Auditorium schwerlich zuhören.

Kashkashian, die alte Bühnenhäsin, hält Kontakt zum Publikum

Dass Kashkashians Karriere bereits mehrere Jahrzehnte währt, ist der Künstlerin aus einigen Reihen Entfernung nicht anzusehen. Man muss schon die eigene Erinnerung daran bemühen, welche Aura diese Frau umwehte, als sie in jungen Jahren aus Amerika kam und das damals noch reichlich gediegene deutsche Streicherleben aufmischte. Schön, eigenwillig, kapriziös: So sah und sieht sie aus, so spielte und spielt sie. Federnd in den Knien, führt sie mit weicher Altstimme und nuancenreichem, englisch durchmischtem Deutsch selbst durch den Abend.

Bei einem Solo-Recital ist der Künstler nicht nur für die eigentliche Wiedergabe verantwortlich, sondern auch für das an Dramaturgie, was nicht im Programmheft steht: Körpersprache, Länge der Pausen zwischen den Sätzen, Kontakt mit dem Publikum. Kashkashian, alte Bühnenhäsin, gibt noch den Leuten in der hintersten Reihe das Gefühl, sie in ein Gespräch zu vermitteln. Bachs G-Dur-Suite BWV 1007 rahmt sie mit Auszügen aus György Kurtágs Zyklus „Signs, Games and Messages“ ein, darin verdichtete, kunstvoll eingedampfte Miniaturen mit so sprechenden Titeln wie „Zerren, reißen“ oder „Hommage à John Cage“.

Ein armenisches Volkslied als Gute-Nacht-Hupferl

„The Carenza Jig“ widmete Kurtág der kleinen Carenza, die gerne tanzte und sang. Mit solchen Fußnoten erhält Kashkashian die Verbindung zwischen sprachlicher und musikalischer Erzählung aufrecht. Kurtágs Miniaturen erschaffen kleine Welten aus einzelnen Tönen, sie fügen Bratschen-Stunts im Taschenformat mit Schlichtem zusammen und machen nicht ein Wort, nicht eine Wendung zuviel. Kashkashian und ihr farbenreich, variabel und voll klingendes Instrument (wer es gebaut hat, bleibt an diesem Abend ein Geheimnis) bringen all das zum Sprechen.

Nicht ganz so überzeugend wirkt die Bach-Suite. Kashkashian spielt auch hier nach Noten – geschenkt. Ihre Interpretation wirkt wie improvisiert, und nimmt sich alle Freiheiten im Metrum. Nun hält Bach es zweifellos aus, aus unterschiedlichsten Richtungen befragt zu werden; es muss nicht immer die historisch informierte Aufführungspraxis sein. Für eine Suite von Tanzsätzen wäre etwas mehr rhythmische Klarheit allerdings wünschenswert.

Als Gute-Nacht-Hupferl gibt Kashkashian ein armenisches Volkslied zu. Die innige Melodie ist der rechte Abschluss nach einem intensiven, fordernden Hörerlebnis.