Holger Karsten Schmidt

Hamburger Krimiautor: „Schreiben ist ein Bedürfnis“

Holger Karsten Schmidt mag nur noch zu seinen Bedingungen TV-Drehbücher liefern.

Holger Karsten Schmidt mag nur noch zu seinen Bedingungen TV-Drehbücher liefern.

Foto: Volker Albers

Der aus Hamburg stammende Drehbuch- und Romanautor Holger Karsten Schmidt über die Arbeit fürs Fernsehen und seinen Krimi.

Asperg..  Es ist ein warmer Frühsommertag, als Holger Karsten Schmidt an den hölzernen Tisch im von hohen Hecken gesäumten Garten bittet. Wir sind im württembergischen Asperg nahe Ludwigsburg, und der Mann, dessen Namen und Gesicht nur wenige kennen, ist der wohl zurzeit erfolgreichste deutsche Drehbuchautor. Dreimal ist er für seine Drehbücher mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet worden. In jüngster Zeit jedoch hat er sich mehr und mehr dem Schreiben von Kriminalromanen gewidmet – und das äußerst erfolgreich unter dem Pseudonym Gil Ribeiro. Die Geschichten spielen an der portugiesischen Algarve in der kleinen Hafenstadt Fuseta. Zum Gespräch über die Vor- und Nachteile beim Schreiben von Dreh­büchern und Romanen gibt es Erdbeerkuchen.

Sie sind gebürtiger Hamburger. Jetzt leben Sie im württembergischen Städtchen Asperg in einem modernisierten „alten Hexenhäuschen“, wie Sie es nennen. Aber der ländliche Typ sind Sie eher nicht, oder?

Holger Karsten Schmidt Na ja, wenn ich heute 20 wäre, würde ich nach Berlin gehen. Aber jetzt gefällt es mir auf dem Land besser.

Haben Sie hier mehr Ruhe zum Arbeiten?

Ja, auch, vor allem aber die Ruhe der anderen. Ich arbeite gerne nachts. Wenn Redaktionen und Produktionsfirmen um 18 Uhr Feierabend machen, beginnt mein Arbeitstag, dann schreibe ich bis drei oder vier Uhr morgens. Dabei höre ich auch manchmal laut Musik, wenn ich das gerade für ein Drehbuch oder einen Roman brauche. In einem Mietshaus wäre das eher schwierig.

Was macht denn Ihre Frau, wenn Sie nachts laut Musik hören?

Die bleibt notgedrungen auch wach. (lacht)

Wenn ich mir die Liste Ihrer Drehbücher anschaue: Bestimmt 90 Prozent sind Kriminalfilme. Ihr Lieblingsgenre?

Nein, das ist das liebste Genre der Fernsehzuschauer. Und ich kann im Gewand des Krimis sehr viele Themen und existenzielle Fragen verhandeln. Das reizt mich daran.

Hatten Sie früher schon eine Disposition für den Krimi?

Nein, eher zum Western. Oder zum Film noir, Filme, an deren Ende eben nicht alles gut wird, sondern es auch einmal böse ausgeht.

Was im Fernsehen aber nicht besonders populär ist.

Es kommt auf die Redaktion an, mit der man arbeitet. Es gibt „Tatort“-Redaktionen, die sagen, dass der Täter am Ende unbedingt gefasst werden müsse, damit der Zuschauer beruhigt ins Bett gehen kann. Es gibt aber auch Redaktionen, die sagen, okay, wagen wir es einmal, etwa der Hessische Rundfunk mit seinem Ulrich-Tukur-„Tatort“. Es geht also durchaus, aber nicht mit vielen, da haben Sie recht.

Was hat Sie in erster Linie gereizt, als Sie begannen, Romane zu schreiben?

Dass ich die Hoheit über meinen Stoff behalte. Das ist mir das Wichtigste. Niemand schreibt da hinter meinem Rücken in meinen Sachen herum ...

Lektoren manchmal schon.

Bei mir nicht.

Drehbücher werden von diversen Leuten verändert, sodass das ursprüngliche Werk manchmal kaum wiederzuerkennen ist. Haben Sie sich schon mal gefragt, ob Sie sich das wirklich antun müssen?

Ja, ich frage mich das immer wieder. Und nein, ich muss mir das nicht antun, und deshalb gehe ich eben in Richtung Roman. Beim Schreiben von Drehbüchern arbeite ich nur noch mit Leuten zusammen, mit denen ich schon einmal gearbeitet habe. Leute, mit denen ich schlechte Erfahrungen gemacht habe, meide ich, dafür ist mir meine Lebenszeit zu schade.

Mögen Sie ein Beispiel geben?

Ich habe zehn Jahre lang nicht für den NDR gearbeitet, weil dessen damalige Fernsehspielchefin Doris Heinze ihre Zusagen nicht eingehalten hat. Als sie nicht mehr bei dem Sender war, habe ich wieder für den NDR gearbeitet.

Sind Sie bedingungslos konsequent?

Wenn Leute einen Fehler einräumen, reiche ich durchaus die Hand.

Sie haben in 25 Jahren rund 75 Drehbücher geschrieben, wenn ich mich nicht verzählt habe ...

... das sind nur die verfilmten ...

Dann passt die Frage umso besser: Ist Arbeit für Sie eine Sucht?

Das Schreiben ist ein Bedürfnis. Ich schreibe eigentlich nur an zwei Tagen im Jahr nicht, an Weihnachten und am Geburtstag meiner Frau. Hinzu kommt, dass ich anfangs schwer Nein sagen konnte ...

Wenn Ihnen ein Auftrag angeboten wurde.

Genau, weil ich das Gefühl hatte, wenn ich einem Sender absage, dann fragen die gar nicht mehr ...

Kam dann aber nicht so.

Nein, ich habe damals einen Dozenten dazu befragt, und er hat gesagt, sage Nein und sie werden dir umso mehr die Bude einrennen. Und er hatte recht.

In jüngster Zeit haben Sie großen Erfolg mit Kriminalromanen, die an der Algarve spielen. Dort waren Sie mit 19 das erste Mal. Sie sprechen sicher auch Portugiesisch?

Nein, ich kann es bis heute nicht ...

Und wie recherchieren Sie dort, ohne die Sprache zu sprechen?

Der Kontakt zu Portugiesen läuft immer über deutsche Exilanten, die schon viele Jahre an der Algarve leben und die Sprache fließend sprechen.

Wie entstand überhaupt die Idee, diese Region als Schauplatz von Kriminalromanen zu nehmen?

Diese ruhige und lässige Haltung der Portugiesen war ein guter Gegensatz zum Autisten Leander Lost, der die Ordnung und die Pünktlichkeit liebt.

Lost ist eine eigenwillige Figur. Wie ist es zu ihr gekommen?

Ich habe vor Jahren den Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman und Tom Cruise gesehen. Hoffman spielt darin ja einen Autisten. Diese Menschen mit ihren Inselbegabungen wie etwa einem fotografischen Gedächtnis empfand ich schon immer als faszinierend.

Im privaten Umfeld haben Sie also keinen Kontakt zu einem Autisten?

Nein. Ich habe später die TV-Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ mit Sofia Helin als autistische Kommissarin gesehen. Da habe ich mir ausgemalt, wie es wäre, meinen Asperger nach Fuseta zu versetzen. Und schon sind in meinem Kopf jede Menge Situationen mit ihm und den Kollegen entstanden.

Und wie kam der Name Leander Lost zustande?

Zuerst hieß er Leander Witt. Der Titel des ersten Romans hieß aber „Lost in Fuseta“. Da hatte der Verlag Bedenken, weil das zu englisch klang. Ich hatte natürlich an den Kinofilm „Lost in Translation“ gedacht. Irgendwann hat meine Frau gesagt, nennen wir Leander Witt doch einfach Leander Lost. Und dann passte das.

Wie haben Sie für diese Figur recherchiert?

Ich habe mich in Sachbüchern und Dokumentarfilmen über Asperger-Autisten informiert. Zudem kenne ich eine Erzieherin, die mit Autisten arbeitet. Der habe ich das Buch zum Lesen gegeben, und sie hat danach gesagt, ich könne das genau so machen. Ich habe dann auch viel Zuspruch von Lesern erhalten, die Asperger-Autisten in der Familie haben. Das hat mich natürlich sehr gefreut.

Die Figur hat durchaus auch komische Züge. Lost kann etwa nicht lügen und versteht anfangs keine Ironie.

Das folgt dem Grundprinzip der Komik. Die wirklich komischen Filme sind die, in denen die Hauptperson das, was ihr passiert, überhaupt nicht komisch findet. Für die ist das todernst. Genauso ist es für Leander Lost. Für ihn ist das nicht komisch, was er macht. Für den Leser aber manchmal schon, hoffe ich.

Im aktuellen Lost-Band „Weiße Fracht“ geht es um Drogengeschäfte. Können Sie in einem Kriminalroman besonders gut aktuelle gesellschaftliche Probleme vermitteln?

Nicht nur das, sondern auch substanzielle Fragen. Es geht in den ersten drei Bänden auch um Inklusion. Es geht um die Akzeptanz des Andersseins. Es geht um Mitmenschlichkeit. All das ist mir wichtig. Wer am Ende der Mörder war, ist für mich nebensächlich.

Dass Leander Lost aus Hamburg an die Algarve wechselt, war eine kleine Reminiszenz an Ihre Heimatstadt, oder?

Ja, ich bin mit 23 Jahren aus Hamburg weggegangen, aber immer wenn ich zurückkehre, denke ich: Hamburg ist solch eine wunderschöne Stadt geblieben und geworden. Wenn ich wieder in eine Großstadt ziehen würde, dann wäre es Hamburg.

Dass Sie nun aber ausgerechnet in Asperg wohnen und einen Asperg-Autisten als Helden haben, ist ja schon ein wenig kurios.

Ja, der Verlag wird auch manchmal gefragt, ob das ein Marketinggag sein soll. Aber das ist reiner Zufall.

Welche Folgen hat das erfolgreiche Romanschreiben für Ihr Schreiben von Drehbüchern? Lehnen Sie jetzt Aufträge ab?

Ja. Ich habe das letztes Jahr entschieden und die Drehbücher, zu denen ich noch nicht vertraglich verpflichtet war, abgesagt. Ich muss jetzt schauen, ob ich allein von den Romanen leben kann. Das probiere ich gerade aus.

Ist es denn eine Option, ganz mit dem Schreiben von Drehbüchern aufzuhören?

Natürlich ist das eine Option. Aber nach ein paar Jahren Pause kann ich mir schon vorstellen, wieder ein Drehbuch zu schreiben. Denn irgendwie haben wir Drehbuchautoren uns ja alle in das Medium Film verliebt.

Gibt es eigentlich schon einen Produzenten, der an der Leander-Lost-Reihe interessiert ist?

Ja. Es gibt auch Kontakt zu einem Sender. Wir sind in Vorgesprächen. Ich weiß ja, was bei Romanadaptionen passiert, und das soll mit Lost nicht passieren.

Haben Sie sich den Namen Gil Ribeiro selbst ausgedacht?

Ja, das musste ich. Verlag und Marketing haben das als Wunsch an mich herangetragen. Mein Agent hat mir ebenfalls zum Aufbau dieser „Marke“ geraten. Meine einzige Bedingung war, dass es ein offenes Pseudonym ist, also hinten im Buch steht, wie ich wirklich heiße. Ich möchte die Leser ja nicht belügen.