Rezension

Die schöne Jüdin, die den Nazis half

Prozess gegen Stella Kuebler-Isaaksohn

Prozess gegen Stella Kuebler-Isaaksohn

Foto: ullstein bild

Um Takis Würgers auf wahren Begebenheiten beruhenden Roman „Stella“ wird heftig gestritten. Der Vorwurf: NS-Instrumentalisierung.

Hamburg. Wenn sogar „Bild“ über Literatur berichtet, dann muss Hitler mit im Spiel sein. Und genau so ist es. Im Falle von Takis Würgers Roman „Stella“ geht es um eine historisch belegte Berliner Jüdin, die, zunächst um ihre Eltern zu retten, aber auch über deren Gas-Tod hinaus, mit der Gestapo kollaborierte und während des Zweiten Weltkriegs Juden denunzierte.

Würger, Jahrgang 1985, ist eine klare Bestsellerhoffnung seines Verlages. Und es sieht derzeit nicht zuletzt aufgrund des medialen Getöses, das um das schmale Buch gerade entstanden ist und das ausdrücklich ein fiktionales Werk ist, kein Tatsachenbericht, auch schwer danach aus.

Die eingangs erwähnte Boulevardzeitung berichtete dabei nicht nur aus Anlass der Buchveröffentlichung über die bislang nur Geschichtsinteressierten bekannte Stella Goldschlag („Das blonde Gespenst der Gestapo“), sondern nach den vernichtenden Rezensionen der Feuilletons und einem kleinen Facebook-Gebrülle auch über den „Riesenstreit um Nazibuch“.

Wurde die Shoah instrumentalisiert?

Das war insofern konsequent, als die Kritik an „Stella“ noch mehr über die Rauflust und die engagierte Bekämpfung eines Aufmerksamkeitsdefizits verriet als über den Roman selbst. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte den Roman „ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen“ und warf dem Autor sinngemäß Instrumentalisierung der Shoah vor, um einen Unterhaltungsroman zu verfassen.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sprach von „Schund“ und alliterationsverliebt von „Relotius reloaded“. Einfach nur deswegen, weil Romanautor Würger im Hauptberuf Reporter ist und wie der aufgeflogene Fälscher Claas Relotius zumindest im „Spiegel“ gerne sprachlich ehrgeizige Texte schrieb.

Es war, in einem Wort, viel Häme im Spiel, die auch den Hanser-Verlag traf, der besonders im Nachklapp in der Tat keine sonderlich glückliche Figur machte. Auf Facebook verzettelte sich einer der Hanser-Lektoren in Diskussionen mit Literaturkritikern. Souveräner wäre es trotz der harten Kritik gewesen zu schweigen, andererseits lernt man insgesamt ja auch wieder einmal: Jedes Wort ist letztlich mehr Publicity.

"Stella" ist filmisch angelegt

Apropos: Es bleibt der Eindruck, als wollten mit ihrer Totalverdammung zwei Jungkritiker mal ihr Mütchen kühlen. „Stella“ lädt nachgerade dazu ein, die Scharfrichterkeule rauszuholen: Das liegt am Thema „Shoah“ und an dessen formal umstandsloser Umsetzung.

Und trotzdem darf einem lediglich das Signalwort „frivol“ sofort einfallen, weil über die Möglichkeiten der Literatur in der Tat leichtfertig hinweggegangen wird. Aber sonst? Warum sollte über den Judenmord nicht auch so, nun ja, unkompliziert erzählt werden wie in „Stella“? Ist der schmissige Tarantino-Film „Inglourious Basterds“ eigentlich auch ein Ärgernis?

Die moralischen Einwände gegen dieses Buch tragen nicht alle, sehr wohl aber die ästhetischen. „Stella“ ist für ein Massenpublikum geschrieben, das macht seine Konstruktion sehr durchsichtig. Der Roman ist filmisch angelegt, viele Dialoge, plakative Charaktere. Ein Drehbuch aus Takis Würgers Roman zu extrahieren dürfte nicht weiter schwer sein. Die Einfachheit, das Forsche der Darstellung, mit der und mit dem hier die mörderische Diktatur auf den Punkt gebracht wird, ist purer NS-Kitsch.

Würger dichtet der realen „Greiferin“ Goldschlag, der schönen Stella, aufgrund deren Tätigkeit Schätzungen zufolge zwischen 600 und 3000 Berliner verhaftet wurden, eine Liebesgeschichte mit einem jungen Schweizer an, der sich als naiver Hardcore-Romantiker in Zeiten des Krieges keinen besseren Ort als ausgerechnet Berlin denken kann. Dass er, der kleine Schweizer und Ich-Erzähler, ins Land der großen Deutschen reist, um herauszufinden, ob es tatsächlich stimmt, dass Menschen in Möbelwagen abtransportiert werden, und später unwissend mit der Kollaborateurin schläft, ist dabei allerdings als Pointe mindestens billig.

Würger bedient sich im Setzkasten der Bestsellerliteratur (Illies, Schlink), um möglichst barrierefrei eine unglaubliche Geschichte zu erzählen. Wichtige Vorarbeiten hat dabei der Autor Peter Wyden geleistet, der 1992 ein Buch über seine ehemalige Klassenkameradin Stella Goldschlag veröffentlichte und sie dafür interviewte. Würgers Roman ist übrigens spannend geschrieben, und man darf ihm zugestehen, dass er eine Aura des Unheilvollen evoziert.

Dafür legt Würger allerdings plotmäßig alles rein: Zusammenkünfte mit diabolischen Nazi-Schergen, heimliche Jazzkonzerte, Bombenhagel. Die nicht mehr nur schöne, sondern auch für den Erzähler irgendwann schaurige Stella darf Sätze wie diesen sagen: „In diesem Land sind nur noch die schönen Geschichten Gerüchte. Die hässlichen sind alle wahr.“

Aber authentisch sind lediglich die vom Autor in den Text eingestreuten Auszüge aus den Gerichtsunterlagen eines sowjetischen Militärtribunals: Zeugenaussagen zum ungeheuerlichen Tun einer tragischen Frau, deren Schicksal nun einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird.

Takis Würger stellt seinen Roman am 7.3., 20 Uhr, in der Buchhandlung Lesesaal vor.