„Tatort“-Star

Devid Striesow: Bei Verdi kamen ihm die Tränen

Devid Striesow wurde 1973 in Bergen auf Rügen geboren. Seit 2013 spielt der den Saarbrücker "Tatort"-Kommissar Jens Stellbrink.

Devid Striesow wurde 1973 in Bergen auf Rügen geboren. Seit 2013 spielt der den Saarbrücker "Tatort"-Kommissar Jens Stellbrink.

Foto: imago/APress

Der „Tatort“-Star ist ein begeisterter Klassikhörer. Ab Januar ist er endlich wieder auf der Schauspielhaus-Bühne zu erleben.

Hamburg.  Bestens bekannt ist Devid Striesow als Schauspieler. Weniger bekannt ist, dass er seit früher Jugend leidenschaftlicher Klassik-Fan ist. So sehr, dass er in „Klassik drastisch“ bei Deutschlandfunk Kultur mit dem Autor und Regisseur Axel Ranisch Lieblingsstücke kurz vorstellt und gern auch mal vorsingt. Striesow ist gerade zurück in Hamburg. Die Proben für Karin Beiers Inszenierung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Premiere: 18. Januar) haben begonnen, am 11. Dezember steht die Lesung „Als ich Christtagsfreude holen ging“ in Striesows Kalender. Beim Gespräch in der Schauspielhaus-Kantine ging es um vieles, von einer im „Kirschgarten“ gebrochenen Hand bis zum Herzenswunsch, einmal ein Orchester zu dirigieren.

„Meine Kindheit ist von Klassik überlagert“, haben Sie in einer Folge Ihrer Radiosendung gesagt. Wie muss man sich das vorstellen, als Sohn eines Elektrikers und einer Kinderkrankenschwester, der in Rostock aufwuchs?

Devid Striesow: Mit sechs Jahren hatte ich am Konservatorium den ersten Geigenunterricht, musikalische Früherziehung ... Dann wurde ich etwas mir selber überlassen.

Wie bei jeder guten Leidenschaft kann das schnell ins Manische abgleiten: unbedingt auch noch die 35. Einspielung von Mahlers Neunter haben wollen, so etwas. Wie war es bei Ihnen?

So war das nicht. Es ging vor allem um die Stücke und die Komponisten.

Was gibt Ihnen Klassik, was andere Musik nicht zu bieten hat?

Komplexität. Unglaubliche Schönheit und Harmonie, Entspannung, das Finden zu einem selbst.

Gab es ein Aha-Erlebnis oder ein Aha-Stück?

Bezugspunkte. Einmal habe ich mit meiner damaligen Freundin zum ersten Mal das Verdi-Requiem gehört. Und irgendwann fängt man einfach an zu flennen. Ein Problem bei Klassik ist ja: Sie bekommt oft diesen Bildungsstatus. Aber wichtiger ist der pure Zugang, der Emotionalität und Altersgrenzen überschreitende Intensität hat.

Etliche Klassiker können deutliche Spuren von Pathos enthalten. Das hat ein Song von Depeche Mode vielleicht nicht.

Aber der hat dann etwas anderes. Pathos ist ja nichts Schlechtes. Kleist ist, auf seine Art, ja auch pathetisch. Das ist ja etwas, das einen rührt.

Muss ich Sie mir als einen Dauer-Entdecker vorstellen, nach dem Motto: Gefällt mir eine Schostakowitsch-Sinfonie, höre ich erst auf, nachdem ich auch die 14 anderen gehört habe?

Wir hatten in Rostock großes Glück: Da gab es damals den Generalmusikdirektor Michael Zilm, der hat einen Mahler-Zyklus gebracht. Da bin ich zum ersten Mal mit Mahler warm geworden. Beim „Klagenden Lied“ habe ich im Chor mitgesungen, das war wirklich faszinierend.

Trotzdem: Allzu viele Punkte macht man als Teenager mit Klassik-Vorliebe nicht, wenn man fragt: Soll ich dir mal meine Schubert-Platten zeigen?

Nee. Man ist ziemlich alleine. Das hat mir komischerweise nie etwas ausgemacht. Ich hab auch Blues gehört. Das hat sonst niemand gehört. Johnny Winter interessierte keinen. Aber bis heute habe ich Lieblingskomponisten ...

Welche?

… ich bin absoluter Bach-Fan und von klein auf beethovenbelastet. Die Neunte mit Kurt Masur im Fernsehen war eine Institution. Mozart habe ich später erst schätzen gelernt.

Wagner?

Wagner ...! Damals, vor meiner Rostocker Wohnung, stand an einem Mülleimer eine großer Packen Wagner-LPs, nagelneu! Die habe ich mitgenommen und in die Plattensammlung gestellt. Da ist sie noch. An den habe ich aber mich noch nicht rangetraut. Das ist die volle Dröhnung, davor habe ich etwas Angst.

Als Ihr Lebenslauf sich aufs Schauspielen hin bewegte, verschwand die Geige dann im Kasten?

Die Geige hat nie aufgehört, wir hatten mit unserer Folk-Punk-Band an jedem Wochenende Konzerte.

Gibt es seitdem einen Phantomschmerz, weil Sie nicht mehr zum Geigenspiel kommen?

Nein, den gibt es, weil ich mir 2012 auf der Bühne so die Hand gebrochen habe, dass ich nichts mehr spielen kann. Im Wahnsinn der Rolle bei einem „Kirschgarten“, bei einem Gastspiel in Liechtenstein, so gegen eine Wand gehauen ... Bis einen Tag vor Drehbeginn von „Fraktus“ trug ich eine Schiene. Der vierte Finger ist nicht mehr sauber aufzusetzen. Liedbegleitung auf der Gitarre, das bekomme ich noch hin. Na ja.

Profitieren Sie als Schauspieler davon, dass Sie sich so intensiv mit einer anderen Kunstform beschäftigt haben?

Auf jeden Fall. Schauspielen ist immer wie das Musizieren einer Partitur. Wenn ein guter Text funktioniert, hat das immer mit einem Gefühl für den Rhythmus zu tun, nicht nur für den Inhalt. Ich merke dann aber auch immer, wenn es nicht ganz stimmt.

Wie steht es um Ihren missionarischem Eifer? Haben Sie schon jemanden von Max Giesinger zu Max Reger bekehrt?

(lacht) Nein, habe ich nicht. Aber ich habe oft mit Kollegen zu tun, die die gleiche Leidenschaft haben.

Luther, immerhin auch Komponist, haben Sie schon gespielt. Welcher Komponist würde Sie als Rolle reizen?

Viel lieber würde ich per Zeitmaschine einen Tag an der Seite von Beethoven verbringen. Ich bin oft in Wien, wo es überall Gedenktafeln an Wohnhäusern von Komponisten gibt. In einem Haus im 3. Bezirk hat er seine Neunte vollendet. Jedes Mal vor der Ampel stand ich dort ehrfürchtig staunend. Und was das Dirigieren betrifft: Axel und ich, wir haben beide als Teenager vor den Plattenspielern unserer Eltern gestanden und stundenlang dirigiert ...

… genau so haben schon große Karrieren begonnen ...

… eben, und ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als einen beseelten Dirigenten zu spielen. Besonders Bernstein hat mich immer fasziniert. Spiegeltrinker, Kettenraucher ... So eine intellektuelle und emotionale Figur, das wäre eine Herausforderung.

Wenn jemand wie Sie tatsächlich vor ein Orchester treten kann, aus dem Musik herauskommt, dann müssten Sie womöglich weinen vor Glück?

Diesen Moment aus der Perspektive kann ich mir so überhaupt nicht vorstellen. Ich war zwar oft im Orchester, aber dieser eine Moment, bevor der erste Einsatz kommt ... Das ist so aufgeladen! Wirklich großartig! Allein darum beneide ich Dirigenten. Ich würde auch gern sehen, wie es gelehrt wird.

Die Analogie „Gutes Theater ist wie gutes Streichquartett“, ist die zu doof? Oder passt das?

Da ist schon was dran. Doof ist das nicht.

Womit wir elegant bei Albees Kammerspiel für zwei Paare sind, in dem Sie hier – nach langer Abwesenheit vom Schauspielhaus – George spielen. Wie kam es dazu?

Ich mache möglichst nur alle zwei Jahre etwas am Theater. Karin Beier hatte sich unsere Version von „Unendlicher Spaß“ angesehen und war angetan und kam spontan auf mich zu.

Wie lang braucht es bei einem Stück wie „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, bei dem alle ständig auf ihre Seelen eindreschen, bis man sich das auch tatsächlich traut?

Das geht sofort, das ist ja die Herausforderung. Man kann den Text aber auch gar nicht anders sprechen. Die leiden alle an sich, gefangen in ihrer Biografie.

Und es gibt von Anfang an, auf Deutsch, aufs Maul.

Ja. Muss es. Macht ja auch Spaß. Wir fahren morgens alle mit meinem Auto zur Probe, da verstehen wir uns noch gut. Danach gehen wir ins Kostüm, dann geht’s gerade noch. Und wenn wir tatsächlich anfangen zu spielen, ist alles verloren.

Lesung: „Als ich Christtagsfreude holen ging“, Texte von Kishon, Walser, Dostojewski u. a.,
Di, 11. Dezember, 19.30 Uhr, Schauspielhaus
Theater: „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, Premiere: Fr, 18. Januar, 19.30 Uhr. Schauspielhaus. www.schauspielhaus.de.
Radio: „Klassik drastisch“ in der Sendung „Echtzeit“, Deutschlandfunk Kultur, sonnabends ab 16.05 Uhr. Weihnachts-Special:
22. Dezember, mit Nikolaus Habjan, Kunstpfeifer und (Opern)-Regisseur, als Gast.