Künstler

"Jahrhundertfälscher" Beltracchi stellt in Hamburg aus

Christian Zott (l.) und Wolfgang Beltracchi beim Aufbau der Ausstellung "Kairos. Der richtige Moment" in der Barlach Halle K, im Hintergrund das Werk "Darf man Gott malen".

Christian Zott (l.) und Wolfgang Beltracchi beim Aufbau der Ausstellung "Kairos. Der richtige Moment" in der Barlach Halle K, im Hintergrund das Werk "Darf man Gott malen".

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Für den deutschen Kunstmarkt ist er eine Persona non grata: Die Barlach Halle K zeigt erstmals eigene Werke von Beltracchi.

Hamburg.  Wolfgang Beltracchi malt schon sein ganzes Leben lang. Wenn eins seiner vier Geschwister etwas zeichnen sollte, sagte sein Vater, von Beruf Kirchenmaler, immer: „Lass das mal lieber den Wolfgang machen.“ So eine frühe Anerkennung macht wahrscheinlich selbstbewusst. „Ich beherrsche eben das Sehen“, sagt der 67-Jährige beim Interview in der Barlach Halle K. Das Medieninteresse ist nicht so groß, wie man meinen könnte an diesem Freitag. Immerhin ist Wolfgang Beltracchi eine öffentliche Person, seitdem der „Jahrhundertfälscher“ aufflog.

An die 300 Werke berühmter Maler wie Max Pechstein und Fernand Léger hat er im Laufe seiner „Karriere“ in deren Handschrift angefertigt – und signiert. Wegen Urkundenfälschung und gewerbsmäßigen Bandenbetrugs wurde er 2010 in Köln verhaftet. Geschätzter Betrugswert: 20 bis 50 Millionen Euro. Überführt wurde Beltracchi bei einer chemischen Analyse des Werkes „Rotes Bild mit Pferden“, das er als einen echten Heinrich Campendonk ausgab. Das dafür verwendete Titanweiß existierte zur angegebenen Entstehungszeit allerdings noch gar nicht. Ein Schönheitsfehler, der dem Fälscher sechs Jahre und seiner Frau Helene, die die Werke Käufern angeboten hatte, vier Jahre Gefängnis und öffentliche Ächtung bescherte.

Beltracchi ist Persona non grata

Für den deutschen Kunstmarkt ist er seitdem eine Persona non grata. Der Galeristenverband kündigte an, jeden Händler auszuschließen, der Beltracchi ausstellt. Zu groß war die Schmach für die Branche, deren Mythen durch den Meisterfälscher entzaubert und deren Gesetzmäßigkeiten mit seiner Arbeit ausgehebelt wurden. „Ich war mal im Frankfurter Städel Museum. Da hat mich das Personal bis zur Toilette verfolgt“, erzählt er lachend. „Sie hatten wohl Angst, dass ich vor einem Gemälde stehen bleibe und es als gefälscht, vielleicht sogar von mir selbst, enttarne.“

In der Schweiz, wo das Ehepaar heute lebt, gehe man unbefangener mit der Vergangenheit um; einige Sammlungen hätten bereits Werke von ihm angekauft. Mit der Ausstellung „Kairos. Der richtige Moment“, die am Sonntag eröffnet wird, stellt er nun erstmals öffentlich seine eigenen Bilder aus, zusammen mit Fotografien von Mauro Fiorese. Allerdings bleibt Beltracchi seinem jahrelangen Erfolgsmodell treu: In den Handschriften richtungsweisender Maler hält er bedeutende historische Momente fest – mit dem Unterschied, dass diese nie gemalt wurden.

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In der Reihe „Ballets Russes“ (1909–1929) sind Porträts von Igor Strawinsky und Vaslav Nijinsky in einer an Picasso erinnernden Stilistik zusammengefasst. Monets „Boulevard des Capucines“ von 1874 malte Beltracchi kurzerhand von der gegenüberliegenden Straßenseite. Oder das Schiff „HMS Beagle“, das den Hafen von Devonport 1831 verlässt: „William Turner malte viele Schiffe“, so der Künstler. „Nur diese Abfahrt nicht. Dabei war es die erste Expeditionsreise von Charles Darwin, also im Rückblick unserer Geschichte ein historisch entscheidender Moment.“ Ein Kairos-Moment eben. Nicht alle Werke der Ausstellung sind so gelungen wie diese; bei manchen Bildern war offensichtlich die Idee überzeugender, als es die anschließende Umsetzung einlösen kann.

Ausstellung lockte in Venedig 27.000 Besucher an

Vor der Hamburger Station gastierte „Kairos“ in Venedig, lockte knapp 27.000 Besucher an. „Es ist das heilige Recht eines intelligenten und genialen Künstlers, mit den Künstlern der Vergangenheit zu spielen“, lobte Andrea Bellieni, Direktor des dortigen Museo Correr. Er empfehle „flüsternd, die Freiheit, den Mut, die Leidenschaft und die Qualität der Malerei zu betrachten. Jetzt, da das Gemälde vor uns hängt, liegt das Urteil allein an uns.“ Eine Bestätigung? „Nein, diese Art von Erfolg interessiert mich nicht“, so Beltracchi. „Mir geht es um die Kunst; darum, schöne Bilder zu malen.“ Auftraggeber dieser ungewöhnlichen Ausstellung ist der Münchner Unternehmer Christian Zott, der damit „einen neuen Blick auf die Kunstgeschichte werfen und die Entwicklung der Kunst von der römischen Antike bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts wie im Zeitraffer erlebbar machen will“.

Dass für ein Projekt mit so viel ­Hybris nur einer wie Beltracchi infrage kommen konnte, dämmerte auch dem zielstrebigen Manager, der gerade Richtfest für sein eigenes Museum in Unterammergau gefeiert hat. Im Herbst 2019 soll dort die „Kairos“-Schau als Dauerausstellung einziehen. Damit wäre Wolfgang Beltracchi rehabilitiert: Aus dem Namen Beltracchi, der weltweit für einen der größten Kunstfälscherskandale der Geschichte steht, ist der Inbegriff für eine einzigartige Begabung geworden. Als „Free Method Painting“ beschreibt das Paar sein „zweites Künstlerleben“.

Beltracchi möchte die Arche Noah malen

Endgültige Absolution könnte Wolfgang Beltracchi mit einem Auftrag erlangen, über den er gerade verhandelt: Für eine neoromanische Kirche im schweizerischen Wädenswil soll Beltracchi ein großflächiges Fresko entwerfen und dem Haus einen „human touch“ geben. „Ich soll zwei Marienfiguren liefern. Im Gegenzug möchte ich aber unbedingt die Arche Noah malen. Sie ist für mich ein Zeichen von Neuanfang und Hoffnung.“

„Kairos. Der richtige Moment“ 20.11.–19.12, Barlach Halle K (U Steinstr.), Klosterwall 13, Di–So 11.00–19.00, Eintritt 6,-