Hamburg

Shania Twain – mal Hardrock, mal lasziver Pop

Die Country-Ikone war anderthalb Jahrzehnte nicht auf Tour. Beim Comeback begeistert sie in der Barclaycard Arena

Hamburg.  Wenn ein Popstar 15 Jahre nicht auf Tour war, ist die Frage: Was für Menschen gehen auf das Konzert? Im Fall von Shania Twain – Coun­trypopikone und wegen einer Borreliose-Erkrankung lange bühnenabstinent – lautet die Antwort: treue Fans, insgesamt 9000 an diesem Abend, schick gemacht, voller Vorfreude. Viele aus Hamburg, aber auch aus Süddeutschland und Skandinavien angereist.

Zwei Frauen mit Cowboyhüten, in Karohemden und Jeansröcken stehen vor Beginn in Shoppinglaune am Merchandise-Stand. Die Shania-Jacke mit Raubtierstickerei für 160 Euro oder doch lieber für 30 Euro die langen Handschuhe im Leo-Look, Markenzeichen der Sängerin? Die Dichte an Shania-Shirts im Publikum ist ohnehin hoch. Das Konterfei der Kanadierin, fünffache Grammy-Gewinnerin und eine der erfolgreichsten Solokünstlerinnen der Welt, prangt auf Bier- und Babybäuchen. Die Atmosphäre ist entspannt-euphorisch. Bis dann mit dem Start der Show die Magie des Pop mit voller Wucht einsetzt. Der Alltag wird abgelöst von etwas Größerem, Glamouröserem, Gefühligerem.

Inmitten des Saals wirbelt Schlagzeugerin Elijah Wood auf einem Podest. Köpfe und Kameras drehen sich suchend umher. Und dann schreitet Shania von einem der Seitenränge herab durch die Menge bis zur Hauptbühne. Der Glitzer von Hut und Kleid reflektiert bis in den letzten Winkel. Ein Funkelwesen. Mit langer Security-Schleppe. Alle springen auf, jubeln, strahlen, filmen, greifen nach Nähe. Gänsehaut.

Ihr Set beginnt mit „Life’s About To Get Good“, einer zuckerbunten Powerpopnummer. Der Comeback-Song auf ihrem fünften, 2017 erschienenen Album „Now“, das der aktuellen Tour den Namen gibt. Im Laufe von zwei Stunden lässt die 53-Jährige keinen Zweifel daran, dass das Leben mit all seiner Liebe und trotz all seiner Schmerzen, wie sie singt, gut und immer besser wird.

Mit „Come On Over“ folgt ein fröhlicher Hit aus dem Jahr 1997. Die Band steigt empor aus Videowürfeln, über die Bilder von Palmen und Bergen flimmern. Eskapismus ist jetzt. Wenn Gitarre und Akkordeon ihr Spiel kurz zurücknehmen, erklingt Shanias Stimme besonders warm, weich, dunkel, schön und stark. Fast hätte man sich im Laufe des Konzerts noch mehr dieser puren Momente gewünscht. Doch der Pop strebt höher und höher. Und so fährt der Star auf einem der Würfel zum rockigen „Up“ gen Himmel. Wie überhaupt die Show dynamisch ist. Shania und Band sowie zwei Backgroundsängerinnen und zwei Tänzer bewegen sich fortwährend horizontal und vertikal durch den Bühnenraum. Das Dasein, es will voll und ganz ausgeschöpft werden. Eine imposante und zugleich elegante Show, die immer wieder ihre Hauptfigur in wechselnden, stets glitzernden Roben in den Fokus rückt.

Cool, stark und geschmeidig stolziert La Twain an der Rampe entlang. Sie tanzt und lacht, stößt Juchzer aus und schüttelt ihre rote Mähne. Im Rhythmus mit sich und der Welt. Schönster Diva-Moment: Als sie sich zum Überhit „That Don’t Impress Me Much“ immer wieder beherzt leicht breitbeinig vor einen der Ventilatoren stellt und ihr seidiges Leo-Dress voluminös weht. Lange vor Begriffen wie „Mansplaining“ und „Me Too“ hat Shania Twain mit diesem Song im ausgehenden Jahrtausend mal eben munter klargestellt, dass die Herren der Schöpfung ihr Ego bitte ein wenig herunterfahren dürfen.

Auch die Männer in der Arena feiern diese Hymne. Bei Shania sollen alle Spaß haben. Deshalb gibt es lustige Gimmicks wie eine Kiss-Cam, bei der auf den Leinwänden eingeblendete Paare zum Kuss aufgefordert werden. Und deshalb ist die musikalische Dramaturgie äußerst abwechslungsreich.

Vom wilden Hardrock bis zum lasziven Pop. Vom Country-Part mit Twang, Fiddle-Verstärkung, Linedance und viel Augenzwinkern in Songs wie „Whose Bed Have Your Boots Been Under“ bis zum perfekten Sternenhimmelkitsch mit dem schmelzenden „From This Moment On“.

Soweit im Rahmen eines solchen Großevents möglich, gibt Frau Twain immer den nahbaren Star: Auf dem Podest in der Saalmitte nimmt sie auf einem Thron Platz, dessen Lehne aus einem aufgeklappten Gitarrenkoffer besteht. Hübsch. Flugs bittet sie noch – ganz patente Selfmadefrau – um Tape, um das wackelnde Mikro zu kleben, bevor sie ihre Ballade „You’re Still The One“ singt und im Anschluss leicht hyperventilierende Fans zum Selfie bittet. Die übrigen Anhänger tanzen immer wieder zwischen den Stuhlreihen, singen, klatschen mit. „Shania, I love you“ ruft einer. Kein Klischee wird ausgelassen, alles fühlt sich richtig und richtig schön an. Shania holt dann noch Bastian Baker, den Charmebolzen aus dem Vorprogramm, auf die Bühne, und setzt schließlich mit „Man! I Feel Like A Woman“ zum fulminanten Finale an, in dem sie das Recht einer Frau besingt, Spaß zu haben.

Mission erfüllt.