Hamburg

Weltstar mit Anhang

In der Laeiszhalle wurde das Martha-Argerich-Festival eröffnet. Auch ein Ex-Mann der Pianistin saß am Konzertflügel

Hamburg.  Eine Frau und ein Mann fortgeschrittenen Alters betreten die Bühne, streben auf zwei Konzertflügel zu, setzen sich, sehen einander an – da sagt er: „Einen Moment.“ Erhebt sich und verlässt die Bühne. Das Licht ist zu hell. Er kommt zurück, setzt sich, stutzt. Nun ist es zu dunkel. Das Publikum kichert. Dieses Mal geht die Dame. Das Publikum kichert vernehmlicher, aber bevor die Erheiterung tatsächlich in Albernheit umschlagen kann, ist die Pianistin zurück, setzt sich, sieht ihren Partner an, es wird knisternd still im Saal.

Die kleine Slapstickeinlage kann der Aura des Abends nichts anhaben. Wenn Martha Argerich auftritt, ist das ein Ereignis. Im Kleinen Saal der Laeiszhalle läutet die Grande Dame der Pianistenzunft – mit grauer Löwenmähne und geblümtem Seidenrock auch als 77-Jährige noch von der Anmut eines jungen Mädchens – einen Reigen von neun Konzerten in acht Tagen ein, Überschrift: das Martha Argerich Festival.

Der Laeiszhalle gilt Martha Argerichs erklärte Liebe

Der Intendant der Symphoniker Hamburg, Daniel Kühnel, hat im rechten Moment die Gelegenheit ergriffen – und am rechten Ort. Im Leben Argerichs, die in Argentinien geboren wurde und eine Weltbürgerin par excellence ist, spielt Hamburg nämlich eine besondere Rolle. Geschah es doch in der Laeiszhalle, damals hieß sie noch Musikhalle, dass eine gerade 19 Jahre alte Künstlerin für den großen Glenn Gould einsprang. 1960 war das. Seither ist Argerich regelmäßig zurückgekehrt; dem Konzerthaus am Johannes-Brahms-Platz gilt ihre erklärte Liebe.

Zum Eröffnungsabend also ein bunt gemischtes Programm von Martha and family and friends. Das Altersspektrum der Künstler reicht von dem 24 Jahre jungen französischen Cellisten Edgar Moreau über Argerichs Tochter aus erster Ehe, Bratschistin Lyda Chen, bis zu der Künstlerin drittem und vorläufig letztem, längst geschiedenen Ehemann Stephen Kovacevich. Eben jenem Pianisten, mit dem Argerich eine hinreißend farbige, subtile Fassung für­
zwei Klaviere von Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ vorträgt.

Argerichs Kollege Anton Gerzenberg, Jahrgang 1996, könnte ihr Enkel sein. Die beiden spielen „Fêtes“ von Debussy, einige knackige Minuten Musik. In Maurice Ravels Bearbeitung des Orchesterstücks für zwei Klaviere treten die jazzigen Elemente deutlicher hervor. Es folgt ein Original-Ravel: Die junge Geigerin Alexandra Conunova und der noch jüngere Moreau setzen die Sonate für Violine und Violoncello unter Strom, vom Fauchen bis zum fast unhörbar gezupften piano. So nah kommt man dem Geschehen auf der Bühne im Kleinen Saal der Elbphilharmonie nicht, schießt es dem Hörer da durch den Kopf.

Argerich hält sich eher im Hintergrund, sogar wenn sie zu spielen hat, und bleibt doch das Kraftzentrum. Mit der selten gespielten, überaus süffigen „Ouvertüre über hebräische Themen“ für Klarinette, Klavier und Streichquartett von Prokofjew reißen die Künstler das Publikum schier von den Stühlen.

Und dann, nach der Pause: Schubert, Sonate B-Dur, das tiefgründige, zerklüftete Spätwerk eines jungen Mannes, dem der Tod ein ständiger Begleiter gewesen sein muss. Was das Stück mit all der französischen Heiterkeit zu tun hat? Das könnte man sich fragen. Doch wenn man Stephen Kovacevich damit erlebt, erübrigen sich dramaturgische Beckmessereien.

Seine Knie streben Richtung Kinn, die Tastatur hat er auf Brusthöhe. Aber es ist nichts als Bluff, dass er dahockt wie ein Barpianist. Er bewohnt die ­B-Dur-Sonate, er gewährt dem Publikum in der folgenden Dreiviertelstunde eine Führung durch sein Haus, ach was, durch sein Anwesen. Er kennt jede Treppenstufe. Lässt den grummelnden Basstriller zu Beginn mit einem abrupt kurzen Ton enden, legt Witz und Schärfe in die Harfenakkorde. Im langsamen Satz schlägt er ein fließendes Tempo an, ohne falsche Sentimentalität. Auf den Läufen des dritten Satz mag ein wenig Staub liegen, doch was Kovacevich in den Mittelstimmen alles zündet, ist mehr als subversiv. Und beim langen ersten Ton des letzten Satzes greift er mit der Rechten nach seinem Taschentuch und wischt sich den Schweiß vom Gesicht.

Der älteste Mitstreiter bei diesem Familientreffen ist 95

Das Publikum hält den Atem an, aber die Musik ist über die Komik des Moments erhaben. Den Schlussapplaus nimmt Kovacevich mit Unschuldsmiene entgegen, als hätte er gerade eine Flasche Wein aus dem Keller geholt. Und in Reihe drei applaudiert der älteste Mitstreiter bei diesem musikalischen Familientreffen, der israelisch-französische Geiger Ivry Gitlis. 95 Jahre ist er alt, seinen Geigenkasten hält er auf den Knien. Am heutigen Mittwoch ist er beim Kammermusikabend im Kleinen Saal der Laeiszhalle dabei.

Festival-Infos: www.symphonikerhamburg.de

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