Fussballbücher

Kaube: "Die allermeisten Fußballspiele sind stinklangweilig"

Fußball, mon amour: Christoph Biermann (v. l.), Jürgen Kaube, Birgit Schönau und Rainer Moritz vor dem Stadion am Millerntor

Foto: Marcelo Hernandez

Fußball, mon amour: Christoph Biermann (v. l.), Jürgen Kaube, Birgit Schönau und Rainer Moritz vor dem Stadion am Millerntor

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube und andere Denker erörterten im St.-Pauli-Vereinsheim den Status quo der populärsten Sportart.

Hamburg.  An der Wand direkt hinter den Rednern prangte das Symbol des Vereins, der hier zu Hause ist: der Totenkopf. Aber beerdigt worden ist der Fußball am Millerntor noch nie, und er wurde es auch an diesem Abend im Clubheim des FC St. Pauli nicht. Fußball und Verdruss, so sagte es Jürgen Kaube, gehören derzeit dennoch zusammen. Weil wir einfach viel zu viel Fußball gucken, "und uns gleichzeitig darüber beschweren, dass so viel Fußball gezeigt wird".

Ein Paradoxon, so unauflösbar wie die anderen Widersprüche, die den Fußball bestimmen. "Ein sehr runder Fußballabend" war die Veranstaltung betitelt; dass beim populärsten Sport der Welt das "Runde" eine der Hauptkategorien ist, bestätigte sich an diesem kurzweiligen Abend fraglos. Der so leidenschaftliche wie kluge "FAZ"-Herausgeber Kaube ("Ich bin Mitglied bei Werder Bremen") war für das kultivierte Gespräch über das Kicken ebenso gut gecastet wie Christoph Biermann ("11 Freunde") und Birgit Schönau, die für die "Süddeutsche Zeitung" über den italienischen Fußball berichtet.

Die Schwemme an Fußballbüchern

Alle drei bestätigen übrigens den seit einigen Jahren schon anhaltenden Trend, dass es mit der intellektuellen Nobilitierung des ehemaligen Arbeitersports nie genug sein kann. Seit den Neunzigerjahren, führte Gastgeber Rainer Moritz aus, "schreibt quasi jeder ein Fußballbuch, der schon einmal ein Fußballspiel besucht hat". Die Spitze gegen die publizistische Beredsamkeit des Denkbetriebs musste an diesem Abend jedoch ins Leere zielen, oder aber sie war vor allem selbstironisch. Moritz, der Leiter des Hamburger Literaturhauses und ehemalige Schiedsrichter, hat selbst schon mehrere Fußballbücher veröffentlicht, und auch sein aktuelles "Als der Ball noch rund war" (Hoca, 16 Euro) ist gar nicht übel. Mindestens das trifft auch auf die im Millerntor-Clubheim – herrlich: Zapfanlage, Wimpel, Pokale, Heldengalerie – verhandelten Titel zu.

So unterschiedlich die auch sind. Kaube, Jahrgang 1962, geht in seinem "Lob des Fußballs" (C.H. Beck, 14,95 Euro) der Frage nach, wieso ausgerechnet Fußball zum populärsten Sport auf dem Erdenrund werden konnte. Für die Besucher der Lesung fasste er seine Erörterung unter anderem mit der schönen Feststellung zusammen, der Erfolg des Fußballs beruhe vor allem auf der Tatsache, "dass von jeder Aussage zum Fußballgeschehen auch das Gegenteil stimmt".

Wer daran zweifelt, der überprüfe zunächst dringend seine eigenen Voraussagen und Analysen: In der Tat hat man doch immer auch schon in alle Richtungen argumentiert, ob nun hinsichtlich der potenziellen Qualität des Hamburger Vereinsfußballs oder der Spielstärke der Bundesliga, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Die allermeisten Spiele sind stinklangweilg

Kaube erinnerte daran, dass der Reiz von Fußballspielen darin liege, dass anders als etwa beim Basketball in beinah jedem Duell auch der Schlechtere gewinnen kann. Wahr ist auch Kaubes Beobachtung, dass die allermeisten Spiele stinklangweilig sind. Was das Faszinosum Fußball nur noch rätselhafter macht. Allerdings musste man nur Birgit Schönaus Vortrag über den düsteren italienischen Mittelfeldstrategen Andrea Pirlo lauschen, das Genie, in dessen Gesicht "der Weltekel gemalt schien", um den Fußball uneingeschränkt zu lieben. Schönau lebt seit Jahrzehnten in Italien und ist Anhängerin von AS Rom. Derzeit ist das eine extrem gute Wahl. Der Pirlo-Auszug stammt allerdings aus Schönaus Hommage "La Fidanzata: Juventus, Turin und Italien" (Berenberg, 22 Euro). Wahrscheinlich gibt es in Italien wirklich die besten Geschichten über Juve zu erzählen, einen Verein, der ähnlich wie die ewigen Bayern geliebt und gehasst wird, aber niemanden kaltlässt.

Fußball ist das eine Thema, auf das sich gefühlt immer (fast) alle einigen können; der Katalysator, der noch jeden Gesprächsstillstand beendet hat. Man kann sich über Fußball generell, und nicht nur aufgrund unterschied­licher Präferenzen und lokaler Rivalitäten, trefflich streiten. Sollte Rainer Moritz das als moderierende Instanz im Sinn gehabt haben, scheiterte er allerdings auf ganzer Linie. Selbst in die Nostalgie-Falle wollte keiner tappen.

Aktueller Fußball ist immer der beste

Und so herrschte auch bei der Frage, zu welcher Zeit denn der schönste oder beste Fußball gespielt wurde, maximale Harmonie. Die Antwort lautete ganz einfach: heute. Was man nur kurzzeitig nicht glauben mochte angesichts der überwiegend miesen Qualität der Bundesligaspiele im Jahr 2018, erschloss sich dann doch recht schnell in den Ausführungen der Buchautoren.

Angesichts der Langsamkeit und Trägheit der legendären Spiele – man schaue sich die Zusammenfassung von Deutschland gegen England 1972 auf YouTube an – erübrigt sich die Frage nach der Güteklasse eigentlich. Athletisch und taktisch, erklärte Christoph Biermann, sei immer der aktuelle Fußball der beste. Biermann, 1960 in Herne geboren und Fan des VfL Bochum, ist einer der anerkanntesten Fußball-Autoren des Landes. Sein aktuelles Werk trägt den Titel "Matchplan: Die neue Fußballmatrix" (Kiwi, 14,99 Euro) und stellt die These auf, dass der Sport, dieser Bereich des Zufalls und der Wahrscheinlichkeiten, in den Zeiten der Digitalisierung mehr denn je berechenbar ist.

Vielleicht ist ja diese Entzauberung, neben Kommerz und Korruption, der Hauptgrund für manche Ermüdungserscheinungen. Jürgen Kaube vermutete allerdings eher ein allgemeingesellschaftliches Phänomen am Werk, nämlich die Tendenz, "alles blöd zu finden, ein klassisches Wohlstandsphänomen". Später nannte er hübsch pointiert und bei allem Verständnis für etliche ihrer Kritikpunkte die Ultra-Bewegung eine "aggressive Nostalgiegewerkschaft". Und wenn schon...

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