Hamburg

Ein Konzert, zwei Perspektiven

Igor Levit und das Tonhalle-Orchester Zürich gastierten in Hamburg. Wir haben den Abend gleich doppelt begleitet: im Großen Saal der Elbphilharmonie – und hinter den Kulissen

Hamburg. Backstage in der Elbphilharmonie. Die letzten Minuten vor Konzertbeginn sind ein großer Countdown. Allerdings einer, bei dem so ziemlich jedes Orchestermitglied den eigenen Zählrhythmus auslebt. Was vor 19.30 Uhr hinter dem Großen Saal der Elbphilharmonie geschah: In der Cafeteria, zwölfter Stock Backstage, gelang es Olli Dittrich, vor seinem Auftritt bei der gleichzeitig stattfindenden Nannen-Preis-Gala im Kleinen Saal sehr unsichtbar und unangesprochen zu bleiben. Schweizer Gönner des Züricher Tonhalle-Orchesters huschten mit aufregungsroten Zaungast-Bäckchen herum. Obwohl anders geplant und gebucht, spielte der Pianist Igor Levit sich von 17 bis 19 Uhr nicht im zehnten Stock im Flügellager ein, sondern kam erst kurz vor der Gesamtprobe. Er plaudert fröhlich, noch nicht im Konzentrations­tunnel, der ihn aus der Garderobe in Zimmer 12.1 in Brahms’ Opus 15 leiten wird. Ein Orchestermusiker, der erst nach der Pause zu spielen hat, frotzelt: Der zweite Teil ist eh der bessere. Kurz vor Beginn stecken zwei Musiker seelenruhig in ihrer Schachpartie fest, das Brett steht auf einem Instrumentencontainer. Tournee-Alltag.

Foyer-Alltag: Das Publikum trifft ein, Selbstporträts, Garderobe abgeben.

Ganz kurz vor Beginn ist es im Seitengang neben der Bühnentür rechts fast so voll wie an den Landungsbrücken beim ­Hafengeburtstag. „Wir können superpünktlich starten“, sagt ein Stage Manager, „Einmarsch!“ Als alle sitzen, holt jemand Levit. Bevor er ins Rampenlicht einbiegt, sich wie ein adrenalinbetanktes Rennpferd hineinwirft in die Spannung und die Musik, die noch in seinem Kopf ist, grinst er so kurz wie breit und meint zum d-Moll-Konzert: „Nur ein Vorzeichen, nur ein B...“, als ob der Schwierigkeitsgrad davon abhinge.

20.03 Uhr. Tür auf. Herz auf. Brahms.

Der Frack, traditionelle Dienstkleidung eines Sinfonieorchesters, ist bei Dirigenten und Solisten aus der Mode gekommen. Lionel Bringuier, 31 Jahre jung und als Tonhalle-Chefdirigent auf Abschiedstournee, betritt den Großen Saal im schwarzen Anzug. Und der gleichaltrige Igor Levit? Der kommt im Frack. Levit hat zwar seine Musikerohren dicht am Puls der Zeit und äußert sich gern und dezidiert politisch, aber um Mode schert er sich herzlich wenig.

Mit demselben Eigenwillen macht er sich auch Brahms’ 1. Klavierkonzert vom ersten Einsatz an zu eigen. Er wendet sich zum Orchester und verfolgt die Stimmen mit einer gespannten Aufmerksamkeit, die klarmacht: Er hat von jedem Detail eine klare Vorstellung. Dass in der Einleitung einiges klappert, lässt Levits ansonsten überaus beredter Gesichtsausdruck höflich unkommentiert; er bringt die erste elegische Passage zum Singen und kommuniziert so ­intensiv mit den ersten Geigen hinter ihm, dass die gar nicht anders können, als ihm zu folgen.

Einige Meter Luftlinie entfernt: warten, vorbereiten. Einige Streicher und viel Blech haben noch viel Zeit. Mails checken, Krimi lesen. Aus dem Cafeteria-Fenster das Hafenpanorama bewundern hat für Schweizer ja auch was. Im Bühnengang links parken zwei Glocken. Richtige, mächtig laute Glocken. Zu denen kommen wir später wieder. Die Cafeteria-Bedienung stört es nicht, dass die Saal-Musik nur als Stummfilm auf dem Wandbildschirm passiert. Der TV-Ton sei wirklich sehr schlecht, und „wir hören das ja auch jeden Tag hier“.

Ist es nur dem Sitzplatz der Reporterin geschuldet, dass Bringuier hinter dem Flügel zu verschwinden scheint? Um die Akkuratesse der Verständigung zwischen Dirigent und Orchester scheint es bei Brahms nicht zum Besten bestellt zu sein. Schon klar, das Jugendwerk ist überdicht, verschlungen komponiert, rhythmisch vertrackt. Die hervorragende Cello- und Bassgruppe tut, was sie kann, um das Schiff auf Kurs zu halten. Levit bringt das Kunststück fertig, sich trotz alledem in die Musik zu versenken. Spät erst hat er das Eröffnungsmotiv des Satzes zu spielen, aber dann schlägt er es wie mit dem Hammer ein, als wollte er das Erdinnerste erreichen.

Rechts vom Tutti, hinter der Tür, kommt der Schlagzeuger Andreas Berger, in legerer Freizeitkleidung, zur Kunstproduktion. Allzu viel zu tun hat er nicht, unsichtbar für das Publikum ist er auch. Elfmal das „Dies irae“-Geläut als Special Effect im letzten Satz von Berlioz’ „Symphonie fantastique“. Aber das muss sitzen.

Immer wieder nimmt Levit unterdessen Blickkontakt mit dem Publikum auf, der Ausdruck mal flehentlich und mal koboldhaft. Selten ist es so direkt zu beobachten, wie sehr sich ein Künstler mit seinen Empfindungen exponiert. Zu Beginn des zweiten Satzes, das Orchester lässt ihn im zartesten Pianissimo wie aus dem Nebel aufscheinen, blickt Levit nach rechts oben. Ein Handyblitz? Jedenfalls flackern Levits Augen bei der Anstrengung, diese Zumutung auszublenden. In den dritten Satz stürzt er sich ohne Übergang wie ein Raubtier. Was den Vorteil hat, dass die Leute wenigstens dieses Mal nicht dazwischenklatschen. Und er nimmt die Anwesenden für die Zugabe mit in eine andere Welt, nämlich in zwei von Schumanns „Kinderszenen“, die kein bisschen kindlich wirken, sondern wie der mürbe, zaghafte Gesang einer erschöpften Seele. Da herrscht wenigstens einmal so ­etwas wie Ergriffenheit im Saal. Von Stille kann man heute nur träumen.

Das Erste, was Levit sagt, als er verschwitzt und glücksglühend wieder im Off ist: „Moin ...“ Das Zweite: „Wie war die Zeit!?“ Stage Manager Matthias Lehmann kennt das schon. „46 Minuten.“ Mittelgroße ­Begeisterung, denn aus Gründen, die nur er kennt, möchte Levit seit Beginn dieser Tournee – Hamburg ist der dritte Abend nach Wien und Essen – diesen Brahms in weniger als 46 Minuten spielen. Wie das Rennpferd hinter der Ziellinie eilt Levit zurück in die Garderobe. Vor deren Tür wird es eng: Pro-Arte-Chef Burkhard Glashoff, Steinway-Künstlerbetreuer Gerrit Glaner, Petra Gaich, künstlerische Betriebsdirektorin der Elbphilharmonie. Wenige Flurmeter weiter liegt ein iPhone auf einem Notenpult, eine Traube aus Fräcken beobachtet ­gespannt: Champions League. Ein Tubist sitzt wie meditierend vor einer Transportkiste. Um 21.25 Uhr geht es raus, zweite Halbzeit.

In Berlioz’ „Symphonie fantas­tique“ nach der Pause scheinen Dirigent und Orchester endlich denselben Puls gefunden zu haben. Berlioz, er war zarte 26, suchte mit dem Werk seinen Liebeskummer zu verarbeiten. Ganz nebenbei schrieb er damit auch noch Musik­geschichte. Erzählt das Stück doch in leuchtenden Farben, mit neuartiger Instrumentierung und raffinierten Klangeffekten geradezu fotorealistisch von den Leiden des jungen Helden.

Backstage ist es ruhig geworden, in der Cafeteria wird routiniert aufgeräumt. Die Schweizer haben weiter vorn gut zu tun.

Bringuier hält das Orchester jetzt mit seinem sportlichen, undiktatorischen Elan wesentlich besser zusammen als bei Brahms. Wie blank geputzt präsentieren sich all die Situationen, die Berlioz klingend in Szene setzt. Wienerisch schwelgt der Satz „Un bal“ – da verlässt jemand die Bühne. Ob ihm beim Walzerdrehen schlecht geworden ist? Der nächste Satz bringt die Lösung des Rätsels: Es war der Oboist. Der antwortet von hinter der Bühne auf den Hirtengesang des Englischhorns.

Während Berger dort unter dem Kopfhörer sein Handy leer liest, kommen die großen Momente für Isaac ­Duarte, stellvertretende Solo-Oboe, um 21.48 Uhr öffnet sich die Tür. Als sein letzter Ton gespielt ist, verabschiedet er sich fröhlich. Berger bleibt.

Wie traurig, dass die Oboe am Schluss nicht mehr antwortet. Die ­Geliebte bleibt stumm. Zarter, trauriger, leiser kann man wahrscheinlich nicht Englischhorn spielen. Den Trick mit der Fernwirkung kennen wir von Mahler, aber Berlioz hat ihn sich selbst aus­gedacht, er lebte früher als Mahler.

22.10 Uhr, Bühnentür öffnen – und dann: DIE GLOCKEN! Die gelben Ohrstöpsel, vom Schweizer Stage Manager vorsorglich verteilt, tun, was sie sollen. Berger benötigt keine, er bekommt den Orchesterklang auf die Kopfhörer gelegt, für den Blickkontakt zum Dirigenten hat er den Monitor. Dennoch: Beeindruckend klingt das hier schon – und laut.

Was für eine Wirkung entfalten die Glockenklänge! Sie scheinen absichtslos hereinzuwehen, aber sie sind perfekt platziert. Ein beinahe gruseliges Innehalten, bevor der finale „Hexensabbat“ losbricht, mit Maschinengewehrsalven in der Trommel und vier Fagotten im perfekten Staccato.

Im Bühnengang werden die beiden Glocken weggerollt. Richtung Feierabend sind alle Profi-Musiker rasend schnell. Wo Levit ist, ist nicht ganz klar, manche meinen, er sei noch im Großen Saal.

Am Ende: großer Jubel. Bringuier gibt ihn an die Musiker weiter. Er macht den Solobläsern kein Handzeichen zum Aufstehen für den Extra-Applaus, er geht hin und bedankt sich. Als Erstes beim Englischhornisten.

Neben der Tür warten Wasserflasche und Handtuch auf Bringuier. Trinken, ­abtrocknen, zurück in die 2073 Menschen große Begeisterungswelle. Nach der Zugabe, dem Ungarischen Marsch aus Berlioz’ „Faust“, steht Bringuier am Gangrand und bedankt sich bei allen mit „Bravo“. Die Stage Manager sehen das schon nicht mehr. Ein komplettes ­Orchester muss jetzt verpackt werden; das Hotel für die Nacht steht nicht in Hamburg, sondern in Bremen. Am nächsten Abend wartet Paris. Ein neuer Abend. Neues Glück. Vielleicht.