Hamburg

Santiano auf Kaperfahrt in Hamburg

Shanty? Schlager? Irish Folk? Die Seebären aus Flensburg spielen alles – und äußern sich nebenbei auch noch politisch

Hamburg.  Als gebürtiger Norddeutscher hat man gleichsam automatisch einen Platz in seinem Herzen für Seemannslieder, Seemannsgarn und überhaupt alles, was mit der See zu tun hat. Also wundert es nicht, dass die Herren von Santiano die Barclaycard Arena am Donnerstagabend vollmachen und dass die Ersten bereits auf der Fahrt zur Mehrzweckhalle am Stadtrand damit beginnen, sich einzustimmen. Gut, man hat „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren“ schon deutlich melodiöser gehört – und wird es im weiteren Verlauf des Abends abermals. Aber an Enthusiasmus werden die Herren in der S-Bahn nach Stellingen auch von der Band aus dem noch ein wenig höheren Norden nicht überboten.

Und auf das Gefühl kommt es schließlich fast die ganze Zeit über an bei diesem ein wenig gen Süden verrutschten Heimspiel von Santiano: Es wird Platt geschnackt, geschunkelt und das „Salz auf unserer Haut“ beschworen, schließlich gilt „Gott muss ein Seemann sein“, mit Schwung und Fiedel und Quetschkommode. „Das Boot“ wird zu Wasser gelassen, bei „Könnt ihr mich hören?“ in akustischer Keyboard-Ge­gniedel-Reminiszenz an den Soundtrack des Wolfgang-Petersen-Epos, während ein U-Boot über die Videowand flimmert: „Folgt meinem Ruf, ich schenke euch Unsterblichkeit“, markige Worte. Und wenn man sich doch etwas besinnlicher einfach durchsacken lässt, bei „Ich bring dich heim“ oder dem titelgebenden und sterbenslangweiligen Song des aktuellen Albums, „Im Auge des Sturms“ (gut, da ist ja bekanntermaßen auch immer Flaute), dann schafft der Griff zum anderen alteingesessenen Sehnsuchtsort neben der rauen See schnelle Abhilfe.

Das „Land of Green“, wo man im Pub „Hooray for Whiskey“ ruft und den „Irish Rover“ besingt – mit Flöte vom Band. Alternativ gibt es ja noch Gassenhauer wie das bereits vorher angestimmte „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren“ – die gehen sowieso immer. So ein Bart hilft schließlich auch gegen die Winterkälte. Fast so gut wie ne Buddel voll Rum, joho… Es fehlen eigentlich nur „It’s a Long Way to Tipperary“ und Herbert Grönemeyer im Strickpulli und mit Fusselbart, schon wäre man mitten im Nordatlantik. Andererseits kann man der Band Militarismus nicht wirklich vorwerfen, schließlich haben sie für alle potenziellen Kriegsdienstleistenden in „Sail Away“ einen guten Ratschlag: „When they ­come for you / come running for the shore / sail away, sail away, sail away.“

Es ist eine bunte Tüte der Wohlfühl-Nostalgie von jetzt „Bis in alle Ewigkeit“ – und trotzdem bleibt das echte Leben nicht ganz vor der Tür der Mehrzweckhalle, die an diesem Abend das Walhalla des Shanty-Schlagers ist: „Frei wie der Wind“ moderiert Frontmann Björn Both mit einer Warnung vor dem drohenden Verlust der Freiheit an. Inzwischen müsse man sich „mit so was wie der AfD herumschlagen“, während „die Etablierten“ sich ins Fäustchen lachten. Sie stünden wohl nur deshalb besser da, weil es inzwischen „noch größere Arschlöcher“ gebe.

Bevor die schwere Kost der Tagespolitik aber irgendwem auf den Magen schlagen kann, geht es auch schon weiter: „Wir singen die Lieder“, und zwar „Wir für euch, ihr für uns“. Gemeinschaft wird großgeschrieben, und man möchte der Band nur allzu gerne glauben, dass sie es wirklich so meint, sich wirklich ihren Fans verbunden fühlt.

Spätestens mit dem Abschiedsschunkler „Die Sehnsucht ist mein Steuermann“ haben sich ohnehin alle wieder vom kurzen Einbruch der Realität in die fast zweieinhalb Stunden und mehr als zwei Dutzend Lieder Seefahrer-Romantik erholt, liegen sich in den Armen und freuen sich auf den nächsten Landurlaub der Nordlichter hierzulande: Am 11. August legt die „Santiano“ wieder in Hamburch an, genauer gesagt im Stadtpark.

Dann aber bitte mit dem „Hamborger Veermaster“ im Original statt bloß als Stückwerk aus „Blow Boys Blow“ und „Californio“ – das sind die Piraten aus Flensburg der Hansestadt schon deswegen schuldig, weil sie den „Liekedeeler“ Klaus Störtebeker hochleben lassen. Nicht dass wir Pfeffersäcke am Ende kopflos an elf Merchandisingständen vorbeilaufen und vergessen, den Santiano-Seesack, die Santiano-Stullendose und den Santiano-Heckscheibenaufkleber zu kaufen.