Hamburg

Theater Kontraste droht Verlust der Bühne

Der mehrfach ausgezeichnete Verein könnte heute seine letzte Premiere in der Komödie Winterhuder Fährhaus feiern

Hamburg.  Die Hudtwalckerstraße 13 ist in Hamburg – und längst darüber hinaus – eine beliebte und gute Theateradresse. Seit fast 30 Jahren lockt dort die Komödie Winterhuder Fährhaus mit Stars fast 200.000 Besucher pro Spielzeit, und seit der Jahrtausendwende hat sich im kleinen Saal das Theater Kontraste von einer ambitionierten Reihe zu einer renommierten Bühne für zeitgemäße Gegenwartsdramatik und skurrile Komödien entwickelt.

Zweimal erhielt das Theater Kon­traste den mit 35.000 Euro dotierten Pegasus-Preis, vor eineinhalb Jahren zugleich den allerletzten für eine laut Jury „herausragende Spielzeit“ 2015/16. Insbesondere Stücke wie Juli Zehs Farce „Mutti“ um Merkel und Co., die französische Komödie „Der Vorname“, die Elternabend-Groteske „Frau Müller muss weg“ oder zuletzt „Die Firma dankt“ sorgten als Dauerbrenner für die notwendige Auslastung von bis zu 100 Prozent. Die beiden letztgenannten Stücke des Dramatikers Lutz Hübner standen hier schon auf dem Spielplan, bevor sie ins Kino kamen („Frau Müller muss weg“) oder fürs Fernsehen verfilmt wurden – wie an diesem Mittwoch in der ARD die Farce „Die Firma dankt“.

Fast zeitgleich steht heute mit „Herrinnen“ von Theresia Walser die einzige Premiere dieser Spielzeit an (siehe Infokasten). Es soll nicht die letzte sein, könnte es aber – zumindest im Winterhuder Fährhaus. Michael Lang, bis Sommer vorigen Jahres 18 Jahre lang Intendant der ­Komödie Winterhude und seitdem Chef am Ohnsorg, hatte als Geschäftsführer und Programmgestalter das Theater Kontraste aufgebaut und geprägt, im Verbund mit Schauspieler Konstantin Graudus, den Regisseurinnen Meike Harten und Ayla Yeginer sowie Kristina Lord, der Frau hinter und neben den Kulissen. Das Theater besteht als gemeinnütziger Verein.

Als solcher genießt Kontraste e.V. noch bis Ende Juli Gastrecht im Fährhaus inklusive eines Büros. Das und die Miete hatte Lang vor seinem Wechsel an den Heidi-Kabel-Platz mit der Komödie Winterhude ausgehandelt. Die wird als GmbH geführt und in Hamburg jetzt von Britta Duah geleitet; vertretungsberechtigter Geschäftsführer ist der Berliner Jürgen Wölffer, dessen Sohn Martin Woelffer hat die künstlerische Leitung. Alle vier haben sich kürzlich zu einem Gespräch getroffen.

Ob und wie es mit dem Theater Kontraste weitergeht, ist indes ungewiss. Es geht – wie so oft im Theaterleben – ums Geld, konkret um die Jahresmiete, eine Summe im noch mittleren fünfstelligen Bereich. „Wir sind stolz darauf, dass sich das Kontraste künstlerisch so gut entwickelt hat. Ich gehe auch gern dorthin“, zeigt sich Seniorchef Wölffer – Theatermacher durch und durch – voll des Lobes. „Wirtschaftlich sieht es leider nicht so gut aus.“

Zusätzliches Problem: Wölffer und Sohn Martin müssen ab Ende Mai auf ihre Komödie und das Theater am Kurfürstendamm verzichten. Es wird abgerissen. Zwar können die Berliner Bühnenprofis, die bisher weder in der Hauptstadt noch in Hamburg Subventionen erhalten haben, das Schillertheater als Ausweichspielstätte nutzen, mangels Räumen dort wollen sie von Sommer an aber öfter in Hamburg proben, sprich: im Theater Kontraste.

Sich den Saal für Komödien-Proben und Kontraste-Spielbetrieb zu teilen schließt Wölffer als eine Variante nicht aus. „Wir wollen auch in Zukunft weiter zusammenarbeiten und nicht unsere Freundschaft aufs Spiel setzen“, sagt er. Aber Konkurrenz fördern woanders in der Stadt, falls das Theater Kontraste seinen Standort wechselt? Wohl kaum.

Auch Michael Lang, noch Teil des vierköpfigen Kontraste-Vorstandes, schätzt die logistischen Vorteile, bisher Kasse und Vertrieb der Komödie Winterhude mitnutzen zu können. Er verweist auf strukturelle Einnahmedefizite eines Theaters wie Kontraste mit nur 98 Plätzen und auf Alt-Schulden. Die seien aber aufgrund der gestiegenen Besucherzahlen von einst 150.000 Euro auf gut ein Drittel reduziert worden.

Zudem hat Hamburgs Kulturbehörde das Renommee und die Beschäftigungsmöglichkeiten der Bühne für hiesige Schauspieler anerkannt: Ohne 140.000 Euro Basisförderung für die noch laufende Spielzeit hätte Lang diese auch nicht verantwortet. Die gleiche Summe steht für 2018/19 in Aussicht, jedoch ist sie an einen Veranstaltungsort und etwa 100 Vorstellungen pro Jahr geknüpft, darunter eine, besser noch zwei Neuproduktionen. Für „Herrinnen“ bekommt Kon­traste wie für die vorherige sehenswerte Flüchtlingsalltags-Satire „Phantom (Ein Spiel)“ im Juni 2017 20.000 Euro Projektmittelförderung.

Mit dem Kontraste-Förderverein und dessen Vorsitzenden Gert Hinnerk Behlmer wirbt Michael Lang weiter um Unterstützer. Ebenso mit dem Unternehmer Markus Linzmair, neben Else Schnabel und Frank Albrecht einem von drei privaten Sponsoren. Sollte sich Lang, derzeit wegen einer schweren Grippe krankgeschrieben, mit der Komödie Winterhuder Fährhaus GmbH nicht über die Miete verständigen und woanders in der Stadt ein neues Zuhause für Kontraste suchen, bedeutete das sicher ein halbes Jahr Spielpause, sagt er. In jedem Fall wird es nach den „Herrinnen“ in Winterhude bis Juli die Wiederaufnahme des Dramas „Unter Verschluss“ und von „Der Vorname“ geben.