Hamburg

Der Roman zur Willkommenskultur

Der in Hamburg lebende Schriftsteller Norbert Gstrein liest heute im Literaturhaus aus seinem neuen Buch

Hamburg.  Richard ist Gletscherforscher. Emotional eher von der unterkühlten Sorte also, ein etwas dröger Wissenschaftler, der in Höchst­ge­schwindigkeit in seine Midlife-Crisis schlittert. Seine Frau Natascha, Schriftstellerin, garniert ihr Leben mit aufregenden Nebenhandlungen: Sie quartiert eine syrische Flüchtlingsfamilie in das geerbte Sommerhaus am See ein, ­gewährt der Presse euphorisch Home­storys, die Schwierigkeiten mit der argwöhnischen Nachbarschaft lassen nicht lange auf sich warten. Klimakrise, Flüchtlingskrise, Ehekrise. Norbert Gstrein lässt in seinem neuen Roman „Die kommenden Jahre“ wenig aus.

„Sie hatte ihre Fiktionen und Doppelungen, ich hatte meine“, resümiert Richard den Stand seiner Beziehung, die so rasant dahinschmilzt wie die großen Eisberge, und er spielt damit nicht nur auf den literarischen Beruf seiner Frau an, sondern auch auf den Umstand, dass Natascha einst eine Zwillingsschwester hatte, der er sehr nahestand. Für amouröse Ablenkung sorgt Richards mexikanische Kollegin Idea, eine Kritikerin der deutschen Willkommenskultur, wie sie sich hier insbesondere in Richards sendungsbewusster Ehefrau darstellt.

Auch Gstrein spielt mit seinen ei­genen Doppelungen. Nicht nur, weil der in Tirol geborene und in Hamburg ­lebende Schriftsteller auch seine Hauptfigur mit dieser Herkunftsgeschichte versieht oder weil er eine Autorin zur Protagonistin macht. Er verdoppelt und verdreifacht auch die Möglichkeiten des Geschichtenausgangs.

Gstrein hat seinen Roman in vier Teile gegliedert. „Kanada“ heißt der erste, er beginnt auf einer Tagung in New York kurz vor der Trump-Wahl – dort liebäugelt man mit Amerikas liberalem Nachbarland. Dass Richard, eigentlich im Sabbatical, ausgerechnet in einem US-Kaff namens Canaan einen Fahrradunfall hat, sieht nicht nur er als Omen: In diesem Roman sind viele auf der ­Suche nach dem gelobten Land. Nur stellt sich jeder etwas anderes darunter vor. Ein Land ohne Krieg die einen, ein Deutschland ohne Flüchtlinge die anderen. Manche suchen schlicht nach einer Ausfahrt aus dem eigenen Leben. ­Richard träumt von Neufundland.

„Canaan“ nennt Gstrein folgerichtig seinen zweiten Part, in dem die syrische Familie Farhi (Vater, Mutter, zwei halbwüchsige Söhne) versucht, an einem See kurz vor Hamburg anzukommen, in dem Natascha sich immer tiefer ins Kümmern wirft, in dem Richard sich immer weiter entfernt und die Situation rund um die syrische Familie immer undurchsichtiger und bedrohlicher wird.

Der Ton ist leicht und dringlich ­zugleich, unterhaltsam und ironisch, das Thema gegenwartsnah. Der Roman ist die Geschichte zur Willkommenskultur. Und die „kommenden Jahre“, sie haben längst begonnen. Auch erfindet Gstrein vielschichtige Nebenfiguren, ­Richards strauchelnden Wissenschaftlerfreund Tim, einen stalkenden Nachbarn am See, den Syrer, der womöglich Regimescherge war. Man möchte auch ihnen weiter folgen, doch Gstrein entscheidet sich für eine Stilübung, die den Leser seltsam distanziert zurücklässt. Das dreizehnte Kapitel gibt es gleich mehrfach, einem „So könnte es gewesen sein“ folgt das „Was wirklich geschehen ist“. Kann man einem Roman vorwerfen, dass er zu abrupt endet?

Norbert Gstrein liest heute im Literaturhaus, 19.30 Uhr, Eintritt 12,– /8,–