Hamburg

Alt-J: Drei Streber auf der perfekten Welle

Gefeiert: Alt-J in der Sporthalle

Gefeiert: Alt-J in der Sporthalle

Foto: Nico Binde

Die Indie-Folker Alt-J liefern in der Sporthalle eine makellose, aber mutlose Show ab. Es dominiert noch immer „An Awesome Wave“.

Hamburg.  Dass hier musikalische Streber am Werk sind, wird sofort klar: Schon der erste Ton in der sonst so undankbaren Sporthallen-Akustik sitzt. Orgeln kündigen die Welle an, dann flirrt eine zarte Gitarrenlinie herein, schwappt durch die Halle, nimmt wohlfrisierte Hipster sofort in Trance. „Guten Abend, Hamburg“, ruft der Mann am Keyboard in einem Wald aus Leuchtstäben. Es ist nur der Auftakt zu einer minutiös geplanten Verzauberung.

Gestatten: Alt-J, Mercury-Prize-Gewinner, zweifach meistgehypte Band, die Mathematiker unter den Indie-Rockern, Futtergeber für die Seele. Sänger Joe Newman gibt den stoischen Prediger mit Bauchansatz und flokatiweicher Falsettstimme, Drummer Thom Green treibt in Turnhose die Traumsongs mit mal flackernden, mal schweren Schlägen voran. Es gibt da ein neues Album, „Relaxer“, dem die Briten aber live nicht recht trauen. Stattdessen dominiert noch immer „An Awesome Wave“ – Debüt, Meisterwerk und Bürde der Band in einem.

Leuchtstäbe flackern perfekt zu jedem Akkord

So geht es auf die Reise mit altbekannten Begleitern: „Something Good“, „Bloodflood“, „Tesselate“, Songs über Liebe, die alte Wunden aufreißen und zarte Hoffnung hauchen. Jeder Ton sitzt, gesabbelt wird nicht, die Köpfe im Publikum nicken brav, wie Lavalampen flackern die Leuchtstäbe perfekt zu jedem Akkord. Eine Band wie eine Theatertruppe, jeder fest in seiner Rolle.

Das Publikum dankt, bei „Matilda“ raunt der große Chor jede Zeile textsicher durch die Halle; ältere Semester gehen am Rand auf Entdeckung nach Innen, jüngere Frauen liegen sich in den Armen. Und doch nutzt sich der Zauber etwas ab, einen Ausbruch aus ihrer Käfighaltungschoreografie gönnen sich Alt-J nicht. Da sind keine spontanen Soli, kein Weiterspinnen der Ideen, wenig Kanten an diesem kuscheligen, aber durchdesignten Klangsofa.

Nach 80 Minuten ist zunächst Schluss, drei weitere Songs gibt es für ein letztes Hurra. Mit dem schwer groovenden „Breezeblocks“ kommt auch der größte Hit der Band als Rausschmeißer in Kristallqualität. Danach setzen sich die Massen langsam in Bewegung Richtung Nacht, singen auch die 15-Jährigen beseelt „Zombie“ zu Ehren der kürzlich verstorbenen Dolores O’Riordan. Alt-J haben zuvor gewinkt, sich verbeugt, dann war die Vorstellung zu Ende. Ein fast zu perfekter Genuss mit dem Beigeschmack, diese Band nicht besser kennengelernt zu haben.