Hamburg

Auch bei Mozart fehlt halt mal der Pfiff

Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester spielen in der Elbphilharmonie ein wenig zu risikofrei auf

Hamburg.  Da hat es doch die Druckerei glatt versäumt, die Programmhefte für das ProArte-Konzert in der Elbphilharmonie rechtzeitig zu liefern. Was für ein glücklicher Zufall, dass die Panne ausgerechnet das Zürcher Kammerorchester und seinen künstlerischen Leiter Daniel Hope trifft, seines Zeichens Geiger, in Hamburg ein häufiger Gast und als Moderator ein Natur­talent. Hope wird ohnehin den ganzen Abend über als Konzertmeister und ­Solist auf der Bühne stehen, den kleinen Zusatzjob schultert er vollkommen ­unbeeindruckt. Mit Witz, Improvisationstalent und in exzellentem Deutsch führt er seine gut 2000 Gäste durch das Konzert. Am Haken hat er sie schon beim ersten "Moin, Hamburg".

Nettes Programm haben die Musiker mitgebracht. Als "Reise zu Mozart" annonciert Hope die drei Orchester- und drei Solowerke von Gluck, Haydn und Mozart. Abgesehen davon, dass es eine Art "ceterum censeo" der Konzerteinführungsrhetorik ist, Mozart als das Schwerste zu bezeichnen, sind es in diesem Fall dann doch eher mittelschwere Stücke. Das findet offenbar auch der erste Cellist, der sitzt nämlich bei seinen zahlreichen Begleitachteln entspannt zurückgelehnt auf seinem Stuhl, kehrt den linken Fuß als Spielbein nach außen und schaut meist in Richtung Saaldecke, statt mit seinen Mitspielern Augenkontakt aufzunehmen. Ist er mal gefordert, zieht er den Fuß ein und setzt sich aufrecht hin.

Ansonsten liefern die Musiker ihren Part solide und komplett überraschungsfrei ab. Den Akustik-Stresstest besteht das Ensemble anstandslos; ­Zusammenspiel und Intonation sind präzise, wenn auch der Geigenklang, von Block A aus gehört, noch etwas homogener sein könnte. Den "Tanz der Furien" aus Glucks Oper "Orfeo ed ­Euridice" legen sie so stilgerecht aufs Bühnenparkett, wie es heute zum guten Ton gehört, mit Eisflächen-Effekten und schmetternden Hörnern. Und doch klingen diese Furien ein wenig konfektioniert, als tanzten sie auf poliertem Beton statt über einem Abgrund. Kein Risiko, nirgends. Wo sich das Wesentliche, das Existenzielle in der Musik doch erst ereignet, wenn alle Beteiligten die Komfortzone verlassen.

Das Divertimento F-Dur KV 138, eins dieser perfide schlichten Jugendwerke Mozarts, kommt in seiner Säuberlichkeit recht banal daher. Statt die Hörer über die Dissonanzen im lang­samen Satz jäh in die Untröstlichkeit stürzen zu lassen, löst Hope die Stelle mit einem unbekümmerten Vibrato auf.

Für die eigentlichen Überraschungen sorgt er als Solist. Es ist zu hören, dass er sich mit der historischen Aufführungspraxis beschäftigt hat, er ­gestaltet Haydns Violinkonzert G-Dur durchaus facettenreich, mit einem ­erzählerischen, beinahe improvisierenden Gestus. Allerdings erschließt es sich nicht, wie viel von dieser Freiheit Hope sich wirklich mit Absicht genehmigt. Er strapaziert das metrische Rückgrat der Musik, indem er häufig beschleunigt und damit dem Orchester davoneilt oder bei schnellen, hohen Passagen ein paar Maschen fallen lässt.

Diese Miniunfälle setzen sich im Violinkonzert G-Dur KV 216 von Mozart fort. Und das, obwohl sämtliche Solowerke des Programms eher Stoff für frühe Stadien des Geigenstudiums sind. Hope nennt zwar Mozarts fünf Violinkonzerte den Himalaja der Geigenliteratur. Ausgerechnet KV 216 ist aber, bei allem Respekt vor der Offenheit der Machart, im Vergleich zu den Konzerten in A-Dur und D-Dur nicht der Mount Everest oder Nanga Parbat, sondern eher ein Basislager: Der Aufstieg ist schwer, aber mit Bordmitteln möglich.

Auch der abschließenden Sinfonie A-Dur KV 201 fehlt der Pfiff. Die Rezensentin ließe dieser Abend gänzlich ratlos zurück, wäre da nicht die Erinnerung an das Adagio E-Dur von Mozart, ein ­inniger, liedhaft schlichter Satz für Geige und Orchester. Da ist Hope ganz bei sich und lässt seine Guarneri in warmen Farben leuchten. Der Mann hat ein Herz, das entschädigt für vieles.

Womöglich ist es das, was die Leute an ihm lieben. Tosender Beifall, drei Zugaben. Wenn nur einige Hörer über den elbphilharmonietypischen Moment der Euphorie hinaus der klassischen Musik treu blieben, es wäre Hopes Verdienst.

Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester treten am 27.2. wieder in der Elbphilharmonie auf – mit Gluck, Hadyn, Mozart (ausv.)

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