Elbphilharmonie

Als Gregory Porter Tränen über sein Gesicht liefen

Gregory Porter beim denkwürdigen Konzert im Großen Saal. Auch hier trug er seine typische Ballonmütze über dem Schlauchal

Foto: Claudia Höhne

Gregory Porter beim denkwürdigen Konzert im Großen Saal. Auch hier trug er seine typische Ballonmütze über dem Schlauchal

Im Großen Saal zeigte der amerikanische Jazz-Sänger viel Gefühl. "I wonder who my Daddy is" hat für ihn eine besondere Bedeutung.

Hamburg.  "Ich war sechs Jahre alt, als ich zum ersten Mal Nat King Cole gehört habe. Seitdem hat er mich nicht mehr losgelassen", sagt Gregory Porter. Es hat 40 Jahre gedauert, bis er die Songs des großen amerikanischen Entertainers interpretiert und auf einem Album veröffentlicht hat.

"Nat King Cole And Me" heißt die Platte, mit den Songs darauf ist Porter gerade auf Tournee, seine Hamburger Station ist die Elbphilharmonie. Begleitet wird er nicht nur von seinem Trio, sondern auch von der Neuen Philharmonie Frankfurt. Äußerlich ist der hünenhafte Porter das Gegenteil des grazilen Nat King Cole, doch als Sänger steht er dieser Ikone des afroamerikanischen Entertainments in nichts nach.

Akustik transportiert Porters Bariton nach oben

Schon bei der ersten Strophe von "Mona Lisa" wird für jeden im Saal hörbar, über was für eine einzigartige Stimme der Jazzsänger aus Kalifornien verfügt. Billige Showeffekte braucht Porter nicht. Er steht hinter dem Mi­krofon und singt: mit Stimmgewalt und dynamischen Nuancen, mit Sentimentalität, die niemals auch nur ansatzweise in Richtung Kitsch geht. Was angesichts des überwiegend aus Balladen zusammengestellten Programms gar nicht so selbstverständlich ist. Doch Porters Gesang besticht durch seine Klarheit. Die Akustik der Elbphilharmonie transportiert Porters Bariton in seiner ganzen Schönheit bis in die hohen Ränge.

Nicht alle der 17 Nummern im Programm stammen von Nat King Cole. "When Love Was King" etwa hat Porter für sein Album "Liquid Spirit" selbst geschrieben: "Als ich diesen Song komponierte, habe ich an Nat King Cole gedacht." Cole starb bereits 1965 an Lungenkrebs, sechs Jahre bevor Porter geboren wurde. Das Stück, im Konzert mit einem Intro aus Harfe, Klarinette und Streichern, ist mehr als nur ein Liebeslied. Porter fordert darin Respekt für jedermann, unabhängig von seiner Hautfarbe. Das macht den Song politisch und anklagend, er wirkt wie die Ballade zur Schwarzen-Bewegung "Black Life Matters", mit der Afroamerikaner gegen weiße Polizeigewalt demonstrieren.

Stimme versagt, Tränen laufen über sein Gesicht

Einen besonderen Moment bekommt das Konzert, als Porter "I Wonder Who My Daddy Is" interpretiert. Nat King Coles jüngerer Bruder Freddie hat es gesungen, für Porter besitzt der Song eine besondere Bedeutung. Seinen eigenen Vater hat er kaum gekannt, er wuchs allein mit seiner Mutter und seinen Geschwistern auf. "Ich habe in meinem Leben nur ein paar Tage mit ihm verbracht. Er schien kein großes Interesse daran zu haben, bei unserer Familie zu sein", hat Porter in einem Interview gesagt. Als er "I Wonder Who My Daddy Is" in Hamburg singt, versagt ihm am Ende des Songs die Stimme und Tränen laufen über sein Gesicht.

Auch das macht die Größe dieses Sängers aus. Porter taucht tief in die eigene Gefühlswelt ein und holt – unbewusst – ein persönliches Problem hervor, das ihm bis heute zusetzt. "Als ich ein Kind war, habe ich mir gewünscht, dass Nat King Cole mein Vater wäre", hatte der 46-Jährige in der Anmoderation noch launig erzählt. Auch mit dieser Ballade benennt Porter ein Problem zahlreicher afroamerikanischer Familien, in denen Mütter aus vielen Gründen gezwungen sind, ihre Kinder allein großzuziehen.

Zwei Zugaben erklatscht sich das Publikum

Dank des 70-köpfigen Orchesters aus Frankfurt am Main bekommt der Abend zusätzliche Größe, die angesichts der Intimität der Songs gar nicht nötig wäre. Aber auch für Porter ist es etwas Besonderes, mit einem so großen Klangkörper durch die Konzerthallen zu reisen. Geleitet wird die Neue Philharmonie von Vince Mendoza, einem amerikanischen Jazzmusiker und Komponisten. Er schafft es, einen ausgewogenen Klang herzustellen, nur die Blechbläser spielen an einigen Stellen zu laut und bratzig.

Einen eher ruhigen Abend hat Porters Trio. Lediglich bei einer Handvoll Nummern begleitet es den Chef. Chip Crawford (Klavier), Jahmal Nichols (Bass) und Emanuel Harrold (Schlagzeug) agieren mit spielerischer Lässigkeit und sind – auch im Zusammensiel mit dem Orchester – das pulsierende Herz im Rücken von Porter.

Wie immer, wenn Porter in Hamburg gastiert, ist das Publikum aus dem Häuschen. Am Ende des Konzerts springt es von den Sitzen und klatscht Porter für zwei Zugaben zurück auf die Bühne. Sichtlich gerührt nimmt er den Beifall entgegen und bedankt sich mit "No Love Dying" und "(I Love You) For Sentimental Reasons".

Am Ende schüttelt er ein paar Hände von Zuhörern in der ersten Reihe und winkt in Richtung der Ränge. Wieder einmal hat Gregory Porter gezeigt, dass es im Jazz zurzeit keinen besseren Sänger gibt als ihn. Die Ovationen nimmt er bescheiden entgegen. Vielleicht ist er da in Gedanken bereits wieder in seine Kindheit zurückgekehrt – als er in der Plattensammlung seiner Mutter den großen Nat King Cole entdeckte.

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