Hamburg

Fließende Übergänge ins Publikum

Jenny Beyer beendet mit "Fluss" ihre Kampnagel-Trilogie über Tanz und Zuschauer

Hamburg.  Man muss seine Tasche am Eingang abgeben. Tasche, Mantel, eigentlich alles, was einen behindern könnte. Choreografin Jenny Beyer wünscht sich, dass das Publikum bei ihrem Stück "Fluss" ungebunden durch die Kampnagel-Räume fließt. Muss man etwa mitmachen? Man muss, und es ist vor allem dem freundlichen Lächeln ­Beyers zu verdanken, dass sich das Publikum nicht kollektiv verweigert, sondern die Bühne verlässt, in die Kälte des Theatervorplatzes spaziert, durch die Foyers und Hallen. "Wir möchten mit euch die Bühne verlassen, Luft schnappen … Lasst uns also ein paar Schritte ­gehen und den Abend gemeinsam eröffnen." Kann man da Nein sagen?

Nein, kann man nicht, also zieht man los, hält kleine Lautsprecher in den Händen und erzeugt so eine Klangkulisse aus an- und abschwellenden Gesängen. Man fragt sich, ob das noch als Tanz durchgeht oder doch eher eine Art Nachtwanderung darstellt, und übersieht dabei fast, dass Beyer und ihre Mitstreiter Chris Leuenberger, Matthew ­Rogers und Nina Wollny zwischen den Zuschauern wuseln und unmerklich in den Tanzmodus wechseln. Plötzlich ist da eine angedeutete Paarnummer, eine Hebefigur, ein Solo, aus dem Nichts, aus der Bewegung des Publikums, ebenso plötzlich ist diese Ahnung von Tanz wieder verschwunden. Beyer, klassisch ausgebildetes Aushängeschild der zeit­genössischen Tanzszene Hamburgs, hat einem die Choreografie untergejubelt, spielerisch, ironisch, freundlich.

Im zweiten Teil wird "Fluss" konventioneller, sind die Grenzen zwischen Publikum und Performern wiederher­gestellt. Rogers' nackter Körper knallt klatschend auf den Bühnenboden, der Atem keucht, man sieht keine freundliche Aufforderung zum Tanz mehr, man sieht Arbeit. Der spielerische Charakter der Performance ist weiterhin da, aber das Spiel ist grob geworden.

Ganz kann Beyer die Spannung der Eröffnung nicht durchhalten, der Plan, "Tanz unter der Prämisse von Zusammenkunft zu befragen", löst sich auf in stimmungsvolle, kräftezehrende Bewegungsfolgen. Vielleicht ist "Fluss" einige Minuten zu lang geraten, ein starkes Statement ist der Abschluss von Beyers Trilogie (nach "Liebe" 2015 und "Glas" 2016) zum Verhältnis zwischen Tanz und Publikum gleichwohl. Wegen der tänzerischen Qualität des Gezeigten, natürlich. Aber auch wegen der freundlichen Ernsthaftigkeit, mit der Beyer ihr Thema angeht.

Termine: Heute und morgen, 20 Uhr,
Kamp­nagel, Jarre­straße 20, Tickets unter
T. 27 09 49 49, www.kampnagel.de

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