Hamburg

„Dieses Orchester hat Elefantenohren“

Erste Probe und erstes Konzert im Großen Saal der Elbphilharmonie: Franz Welser-Möst und sein Cleveland Orchestra zu Gast in Hamburg

Hamburg.  Große rote Ziffern, ­direkt hinter den Harfen – aber wenigstens tickt sie nicht auch noch. Eine gut sichtbare ­Digitaluhr ist immer dabei, ­sobald US-Orchester proben – und wenn mal ­gewerkschaftlich geregelter Feierabend ist, ist gewerkschaftlich ­geregelter Feierabend. Franz Welser-Möst, abseits der Probendisziplin ­Österreicher mit landesüblicher Freude am entspannten Plaudern, lässt sich ­dadurch nicht mehr aus dem Arbeitsrhythmus bringen. Es ist Dienstagmorgen, am Vortag sind er und sein Cleveland ­Orchestra aus Wien (vier Konzerte im altehrwürdigen Musikverein) in Hamburg angekommen. Tour-Alltag, kein unendlicher Spaß. Aber auch Premiere in der Elbphilharmonie, der prestigeträchtigsten Adresse auf der Tournee, mit der das Traditions-Orchester den 100. ­Geburtstag feiert. Die ­Familie einer ersten Geigerin sei aus Südkorea nach Hamburg ­gereist, um die Konzerte zu erleben, ­obwohl für sie die Suntory Hall in Tokio 2018 deutlich näher läge. So weit sind wir hier also schon.

Von Ehrfurcht wegen der Akustik ist nichts zu hören

Die Severance Hall in Cleveland ist das genaue Gegenteil, ein klassisches Schuhschachtel-Schmuckstück, und das Tutti-Renommee ist nach wie vor vom Feinsten: George Szell polierte es 24 Jahre lang penibel, Christoph von Dohnányi 18 Jahre, seit 2002 fühlt sich Welser-Möst dort wohl. Er war Chef in ­Zürich und General­musikdirektor der Wiener Staatsoper, die letzten drei Sommer wurde er bei den Salzburger Festspielen gefeiert. Cleveland wurde unterdessen von Wirtschaftskrisen ­gebeutelt, sein Konzertpublikum wurde dank cleverer Vermarktung in den letzten Jahren so drastisch verjüngt wie kein anderes in den USA. Man ist verdient stolz aufeinander. Und am Abend des ersten Konzerts hier werden im Block K einige Gäste aus Cleveland am Ende ­besonders laut jubeln – „Groupies“ nennen sich die schon nicht mehr ganz jungen Damen und Herren, die ­unbedingt bei diesem Auswärtsspiel sein wollten, so selbstironisch wie ­begeistert. Das muss wohl Liebe sein.

40 Minuten vor dem eigentlichen Probenbeginn ist Welser-Möst schon in der neuen Erlebnis-Immobilie hoch über der Elbe. Zuhören, wie sein Orchester beim Einspielen auf diesen Raum ­reagiert, den der größte Teil der ­Musikwelt nach wie vor ja nur vom ­Hörensagen, aber nicht vom eigenen Hören kennt. „Da kriegt man schon einen guten Eindruck, wohin die Reise geht“, sagt er später in seiner Garderobe. Noch kurz vor Anpfiff werden schnell einige Selfies geknipst, dann läuft die Uhr. Mahler 6 zum Warmwerden, Welser-Möst will nur einige Nahtstellen abklopfen. Von Ehrfurcht oder gar Verunsicherung wegen der Akustik ist nichts zu hören. Welser-Möst formuliert es mit einem Spritzer Schmäh: „Na, man hat ja über den Saal schon alles Mögliche gehört ...“

Eingeschüchtert? Von wegen, deswegen hat der Routinier in der ersten Probe auch nur an den kleineren, feinen Stellschrauben gedreht. Den Rest sollte sehr flott der kollektive Auto­pilot ­regeln. „Jeder weiß, wo’s langgeht“, ­erklärt er. „Dieses Orchester hat Elefantenohren – die hören einander zu. ­Damit fängt alles an, und wenn jemand ­zuhört, spielt er auch nicht zu laut.“ Dann sagt er noch, was schon einige ­Maestro-Kollegen ähnlich befanden: „Wo andere Säle uns zum Schlampigsein verleiten – das erlaubt dieser Saal nicht. Man muss hundertprozentig ehrlich spielen, wie ein Solist. Sich im ­Gesamtgeschehen verstecken? Das lässt dieser Saal nicht zu, und das finde ich eigentlich auch ganz schön.“ Er sagt aber auch „Uns schreckt nichts“, was gut zum ersten Auftritt vor Publikum am Dienstagabend passt.

Zu viel versprochen hat Welser-Möst jedenfalls nicht, auch wenn der erste Abend auch als Anlauf hin zum zweiten (gestern mit Mahlers Sechster) gesehen werden darf: Als Erstes nämlich lässt der Chef alle Bläser und das Schlagwerk gar nicht erst auf die Bühne. Weil zunächst die Streichorchesterfassung von Beet­hovens 15. Quartett op. 132 demonstrieren soll (und wird), wie homogen und elegant diese eigenwillige Musik mit über 60 Instrumenten realisiert werden kann, die doch vor allem auf den intimen Gedankenaustausch von vier Individuen und ihren Instrumenten zugeschnitten wurde. Das tönt sehr elegant, sehr ausgereift und elegant abgerundet. Eine Etüde in Disziplin, mit großer Selbstsicherheit absolviert.

Saftiger, praller Kontrast dazu ist Strawinskys „Sacre du printemps“. Nachdem Welser-Möst im ersten Teil des einstigen Skandalstücks noch eher gentlemanlike die Zügel in der Hand hält und sich während der Arbeit darüber freuen kann, wie brillant das Holz und noch mehr das Blech auftischen, wird es nach den wunderbar seltsamen Klangfarbenschlieren zu Beginn des zweiten Teils wild und wunderbar und wohlfeil zugleich.