Hamburg

Parsifal im Wunderland

Achim Freyer inszeniert Richard Wagners Spätwerk neu für die Staatsoper und bringt das Hamburger Premieren-Publikum zum Jubeln.

Hamburg.  Es gibt Hase. Rechts an einer Bühnenwand ist einer, wie von Kinderhand gemalt. Auch dieses eigenartige Riesenbaby mit innenbeleuchtetem Lampenschirm-Reifrock trägt jenes possierliche Fruchtbarkeitssymbol herum, um das sich 2004 in Christoph Schlingensiefs Bayreuther „Parsifal“-Spektakel einiges drehte. Einer der Gralsritter wedelt mitunter mit einem Stoffhasen. Alles Anspielungen von Achim Freyer auf den Regie-Kollegen. Auch der hatte es als reiner Tor gewagt, Wagners bedeutungsgeschwängerte Schwafel-Schwarte „Parsifal“ beherzt zu entrümpeln – indem er das hehre Bühnenweihfestspiel frohgemut mit Zeugs und Zitaten vollschaufelte.

Dieses Spätwerk als Kontrapunkt zu seiner Musik in ein übersinnliches, ins Wo-auch-immer entrücktes Bilderrätsel zu stellen, scheint eine erlösende Lösung gegen die Deutungs-Qual mit dem Gral zu sein. Dorthin also, wo jetzt, bei Freyer, in einem Zaubergarten tatsächlich gezaubert wird und die Blumenmädchen knallpralle Oberweiten herumschwenken. Wo heilige laserschwertige Speere im Flug stoppen und sich die unheilbar geglaubte Wunde von Amfortas, dem Wolfgang Kochs satter Bariton solides Fundament gibt, von selbst schließt wie früher im Kasperletheater. Wo Gralsritter wie Gurnemanz, den Kwangchul Youn tadellos und mit großartiger Wirksicherheit am Bühnenrand dauerparkt, auch mal mehr als einen Kopf haben können. Wo Klingsor (Vladimir Baykov) mit karottenfarbener Föhnwelle und pinkfarbener Riesenkrawatte über der blutigen Leerstelle zwischen seinen Beinen als reale Horrorclown-Version eines surrealen US-Präsidenten herumspukt. Wo alles hinter einem Gazenebel aus Ahnung liegt und nichts scheint, wie es ist – oder umgekehrt. Parsifal im Wunderland, an dem man sich nicht sattsehen kann bei der Sinnsuche. Und rechts unter dem Hasen ist „Wahn-sinn“ zu lesen, weil hier eines vom anderen ganz unbedingt nicht zu trennen sein soll.

Er verwandelt die Bühne in eine Gedanken-Kunst-Spirale

Die Zeit werde zum Raum, heißt es in „Parsifal“, doch das war Freyer nicht kompliziert genug. Deswegen verwandelt er den Bühnenraum in eine Gedanken-Kunst-Spirale, die – kunstvoll verlängert durch ihr Spiegelbild – im schwarzen Nichts schwebt. Ohne Anfang, ohne Ende, mitunter auch ohne schnell erkennbaren tieferen Sinn bei der Möblierung. Um klarzumachen, dass man mit Realität und Bodenhaftung nicht weit kommen würde, bleibt kein Gesicht ungeschminkt und kein Kostüm unverfremdet. Kundry scheint als rastabezopfte Gothic-Version von Hui Buh wie aus Tim Burtons Horrorspäßchen „Beetlejuice“ entlaufen; Claudia Mahnkes Auslotung dieser doppelbödigen Partie hatte am Premierenabend jedoch noch Luft nach oben. Parsifal: ein nach Erleuchtung suchender Schwarz-Weiß-Narr aus dem Bilderbuch, den Andreas Schager heldentenoral auftrumpfend und konditionsstraff so leicht und unangestrengt sang, als ob genau das keine ganz große Kunst wäre. Ein Freyer-Schauwert-Spektakel also, bei dem virtuose Hightech-Mechanik in Verbindung mit Kindergeburtstagsverspieltheit federleicht wirkende Wundermomente hervorzaubern konnte.

Freyer hat vor zwei Jahrzehnten an der Hamburgischen Staatsoper bei der Uraufführung von Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ Operngeschichte mitgeschrieben. Sein „Parsifal“ löst nun die ästhetisch verjährte, strengst abgezirkelte Zeitlupen-Inszenierung von Robert Wilson ab; die Scherenschnitt-Technik von Freyers Personenführung mit inflationärem Armeheben erinnerte unübersehbar daran. Die Messlatte für diesen Saisonstart hing jedenfalls hoch, sehr hoch, auch, weil der Vorjahres-Spielzeitbeginn mit Jette Steckels „Zauberflöte“ als Freyer-Update weniger Glück gehabt hatte, als von Intendant Georges Delnon erhofft.

Doch am Ende dieser Premiere war die Begeisterung so groß, dass einige Buhrufe beim Anblick des Regieteams nicht weiter ins Gewicht fielen. Denn dem Musiktheater-Gesamtkunstwerker Freyer ist es bestechend fantasievoll gelungen, den steilen Erwartungen gerecht zu werden, indem er, 83 Jahre jung und naiv weise geblieben, das Mythen- und Religionsanspielungs-Püree des Librettos mit Situationskomik würzte, wo es ging. Und mit erhabenem, ernstem Pathos, wo es unabdingbar war. Alle der vielen Libretto-Längen konnte selbst er nicht ausbeulen, doch die gut vier Stunden reine Spielzeit vergingen, verglichen mit andernorts durchlittenen „Parsifal“-Versionen, wie im Flug – nicht zuletzt auch, weil die Textverständlichkeitsquote bei diesem rund besetzten Ensemble erfreulich groß war.

Generalmusikdirektor Kent Nagano grundierte Freyers Träumerei mit einem vor allem sachdienlichen, sehnig klaren Dirigat, das sich im Zweifel für schnellere Tempi entschied und das Schwelgen im andächtigen Wohlklang weiträumig bis ernüchternd umging. Den zweiten Akt im Zaubergarten nahm Nagano fast schon im Spurt, dort blühte auch das Klangfarbenpanorama der Philharmoniker am deutlichsten auf. Was in den letzten Momenten der Oper passiert, mit jenem Kosmos, in dem Parsifal, nun durch Mitleid wissend, für Ordnung und Zerfall und Chaos sorgt, ist die reine Magie. Das Stück endet, und das letzte Wort, das über dem Geschehen schwebt, ist: „Anfang“.

„Parsifal“ wieder So 24., Mi 27. und Sa 30.9., jeweils 17.00, Di 3.10., 16,00, Staatsoper,
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